Das Leben leben lassen

Lang lang ist’s her…und jetzt weihnachtet es auch schon wieder sehr. Dies bringt kurz und knapp auf den Punkt, wie stressig die letzte Zeit war und wie immer in solchen Zeiten, fehlt die Ruhe und die Beharrlichkeit sich den wichtigen Dingen im Leben zu widmen. Auch wenn die Weihnachtszeit die Zeit der Besinnlichkeit und inneren Einkehr ist, so werden wir doch jedes Jahr aufs neue eindrucksvoll in den Strudel der Werbemacher gezogen, die nicht müde werden uns zu suggerieren, dass wir erst dann gute Freunde, Eltern oder Nachbarn sind, wenn wir das passende Geschenk zur rechten Zeit am Ziel abliefern.

Das Leben leben lassen bedeutet heute Abend für mich, sich auf eine andere abenteuerliche Reise einzulassen. Die Reise zu sich selbst. Ja ja, ich weiß, jetzt seufzen wieder einige tief und denken sich, was soll dieser ganze Unsinn mit dem Selbstfindungstripp? Keine Ahnung. Denn wenn ich das wüsste, dann würde ich mich sicher nicht auf die Reise begeben. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch erinnert, aber auf meiner To-do-Liste im ersten Blogeintrag in diesem Jahr stand, dass ich keine Angst mehr haben möchte, vor allem vor Veränderung. Dazu gehört sicherlich auch, keine Angst mehr vor der Frage zu haben, was man vom Leben erwartet. Wenn man diese Frage ernst nimmt, dann bleibt am Ende keine Wahl. Dann muss man sich zwangsläufig auf einen Weg begeben und sehen, wohin er geht. Die Einsicht, die ich gewonnen habe, ist die: Ich kenne weder den Weg noch das Ziel. Das ist schon deprimierend. Sicher ist nur, dass sich etwas verändert und das ist gut. Das ich diese Tatsache akzeptiert habe, ist ein Fortschritt, zumindest für mich. Auf der Liste stand auch ein Tattoo, genauer gesagt ein Tattoo auf dem Allerwertesten. Um ehrlich zu sein, hatte ich keinen Plan davon, wie schwierig es ist, einen Tätowierer zu finden, der das Motiv der Wahl sticht und auch in dem Stil, wie man es gerne hätte. Geschweige denn hatte ich irgendeine Ahnung, wie teuer das ganze Unterfangen ist. Das Ergebnis kann sich allerdings sehen lassen. Jedoch nicht auf dem Hintern, sondern auf dem Rücken…sonst hätte es sich um pure Verschwendung gehandelt.

Mein Herz ist übrigens auch wieder gebrochen, obwohl ich dachte, ich sei über jegliche Enttäuschung erhaben. Das Gute daran ist, dass ich langsam beginne zu verstehen. Nicht die Welt, auch nicht die Liebe oder gar die Männer, nein, ich beginne zu verstehen, wer ich bin und warum ich Dinge tue und andere wiederum nicht. Ich habe bereits berichtet, dass ich nicht alleine sein kann. Jetzt liegen sechs Monate Singledasein hinter mir. Ich beginne langsam zu verstehen, dass ich stets auf der Suche war nach einem potentiellen neuen Partner. Ganz gleich, ob ich mir selbst vorgemacht habe, genau das nicht zu sein. Vielleicht gelingt es mir ja jetzt, nach einer schmerzvollen Zurückweisung, endlich zu akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin und dass ich alleine bin und es auch noch eine Weile bleiben werde UND mir das auch genauso selbst ausgesucht habe. Na dann herzlichen Glückwunsch und frohe Weihnachten!

Eltern, Tattoos und Erwachsenwerden

Puh. Von dem Plan, mir ein Kleeblatt, ein irisches Kleeblatt, auf die rechte Arschbacke tätowieren zu lassen, habe ich ja schon berichtet. Womit ich allerdings nicht gerechnet hätte, ist, dass meine Eltern die Idee richtig witzig finden. Sicher bin ich mir, dass wenn ich diesen Plan vor einigen Jahren verwirklicht hätte, mir mein Erbe durch die Lappen gegangen wäre. Das ist mir zwar völlig egal, wäre aber typisch für die Generation meiner Eltern gewesen, dachte ich zumindest. Was den Sinneswandel bei meinen Eltern bewirkt hat, weiß ich nicht, aber es amüsiert mich. „Warst du zu viel in der Sonne?“ war der einzige Kommentar meines Vaters zu dem Thema. Meine Mutter hingegen hat zwar kundgetan, dass sie sich wieder einmal in der Annahme bestätigt sähe, dass ihre Tochter nicht mehr alle Latten am Zaun habe, aber hingegen sämtlicher Befürchtungen fand sie meine Pläne zum Thema Tätowieren eher unterhaltsam und interessant.

Diese kleine Anekdote hat mir wieder gezeigt, was das Älterwerden auch bewirken kann. Nämlich dass die Menschen gelassener werden. Ich weiß, dass Desillusionierung, Energieverlust, Starrsinn und Sinnentleerung und auch Folgen des Älterwerdens sind. Aber umso schöner finde ich es, wenn nach der pubertätsbedingten Konfrontation mit den eigenen Kindern und dem langen, schmerzhaften Prozess der Loslösung der Sprösslinge vom Elternhaus wieder eine Art der freiwilligen Annäherung entsteht, die auf Toleranz und Verständnis beruht. Keine Ahnung, ob ich jetzt zu optimistisch bin, aber so scheint es mir zumindest im Moment. Während Kinder flügge werden sind Eltern so derart unentspannt, ängstlich und zuweilen cholerisch, dass es mich wundert, wie die Herzen dieser Eltern den Stress überleben. Als ich mit neunzehn von Hause ausgezogen bin, ist meine Mutter durchgedreht und hätte mir quasi am liebsten viel Glück beim auf die Nase fallen gewünscht. Sicher hat sie die ersten Wochen zu Hause auf der Couch gesessen und darauf gewartet, dass ich heulend zur Tür hereinkomme, um ihr zu sagen, dass sie recht hatte und ich den Versuch offiziell als gescheitert sehe, mein Leben alleine in den Griff zu bekommen. Tatsächlich habe ich die ersten Wochen wegen jedem Scheiß meine Eltern angerufen, frei nach dem Motte „Wie brate ich Fleisch an, ohne das es schwarz wird?“ oder „Wo bekommt man eigentlich gelbe Säcke?“ oder „Was von meinen Sachen darf bei wieviel Grad in den Trockner?“. Zugeben, selbstständig war ich mit neunzehn nicht und stattdessen war ich für jede Tupperdose dankbar, die meine Eltern mir bei einem Besuch zu Hause mitgegeben haben. Trotzdem war ich stolz, auf halbwegs eigenen Beinen zu stehen.

Wenn ich mir vorstelle, dass es nicht mehr ewig dauern wird, bis meine Eltern Hilfe und Unterstützung brauchen, wird mir schon ein bisschen mulmig. Nicht, weil ich nicht bereit und willens bin, sie zu unterstützen, sondern eher weil ich gespannt bin, ob ich bis dahin so erwachsen geworden bin, dass ich mit dieser Last und Verantwortung vernünftig umgehen können werde. Was mich letztlich zu der Frage führt, ob es überhaupt einen Zeitpunkt im Leben gibt, an dem man wirklich erwachsen und unabhängig ist. Als Kind ist man auf seine Eltern angewiesen und für jede Art der Förderung und Unterstützung dankbar, als Teenager ist man ständig damit beschäftigt, die elterliche Obhut und Fürsorge loszuwerden, als junger Erwachsener glaubt man so erwachsen zu sein, dass man die Welt besser versteht, als je jemand anderes vor einem und als Erwachsener im besten Alter will man wieder jung und ohne Sorgen und Verantwortung sein und zuletzt fragt man sich sicher während des Altwerdens, wer denn später die Verantwortung übernehmen könnte.

Fakt ist nur, dass wir alle älter werden und unsere Entscheidung treffen. Wie zum Beispiel, ob man sich mit dreißig unbedingt das erste Tattoo stechen lassen muss. Meine Antwort ist ganz klar: Ja!