One day baby we will be old

Manchmal laufen die Gedanken wie von selbst. Dann fließen sie wie ein natürlich Strom durch mich hindurch, dachte sie, als sie die fast menschenleere Bahnhofshalle betrat. Es war spät geworden, später als sie gedacht hatte. Morgen in der Frühe würde der Wecker erbarmungslos klingeln. Es half alles nichts. Jeden Morgen diese elende Quälerei im Winter. Im Frühjahr würde alles besser werden. Wenn es langsam wieder angenehm werden würde vor die Tür zu gehen, sich in ein Straßen-Café zu setzen und den Stimmen der Stadt, den Verkehrsgeräuschen und den Menschenstimmen, zu lauschen. Sie ertappte sich dabei, wie ihre Gedanken wieder das Hier uns Jetzt verließen. In die Zukunft schweiften und sich ausmalten, wie es sein würde, wenn… ja, wenn was eigentlich? Hier schien das Problem zu bestehen. Richtet man die Gedanken auf das, was kommen wird, dann sind sie vogelfrei und strecken sich aus, dehnen sich auf unbekannte Weiten aus und schlagen Wege ein, die niemand kennt oder gegangen ist. Es war aber gerade wichtig, sich der Gegenwart zu stellen, auch wenn sie ihr Leben momentan nicht besonders mochte. Die Devise hieß: Zeit ist Geld. Sie hatte weder das eine noch das andere. Ihr fehlte die Muße, um sich einen vernünftigen Nebenjob zu suchen. Zu stressig war die Uni, zu unpraktisch die Zeiten, zu denen sie in Vorlesungen und Seminaren sitzen musste. Sie hielt das Geldverdienen für pure Lebenszeitverschwendung. Niemand auf der Welt sollte auf Geld angewiesen sein, dachte sie. Sozialismus mit seiner Planwirtschaft wäre gut, auch für den übermäßigen Hipster-Konsum und die Nachhaltigkeit und für die Umwelt sowieso. Wieso begriff nur sie das? Sie könnte auch nach Israel gehen und in einen Kibbuz ziehen. Dort könnte sie sich der Kunst widmen. Kreativität braucht Raum und Zeit. Dort würde sie essen und schlafen können und würde dafür ihren Beitrag leisten. Sie könnte zum Beispiel Gitarre spielen und den Kindern Unterricht geben. Das könnte sie alles auf einer bunten Wiese tun, umringt von Gleichgesinnten, die schon längst wie sie erkannt hätten, dass Minimalismus einen wahren Wert besaß und wesentlich mehr war als ein angesagter Lifestyle. Sie hasste die Menschen, die Ausschnitte aus ihrem Leben auf Instagram teilten, um  minimalistische Ideale zu heucheln und gleichzeitig als gehypte und gesponserte Influencer so viel Zeit hatten, weil sie sich keine Gedanken über ihren Lebensunterhalt machen mussten. Es kotzte sie einfach an. Wieso war das Leben so kompliziert, wann hatte das angefangen?

Auf dem richtigen Gleis angekommen, verriet ihr die Anzeigetafel, dass ihr Zug jeden Moment einfahren würde. So musste sie wenigstens der Kälte nicht zu lange trotzen. Im Zugabteil würde sie sich einen ruhigen Platz suchen, an dem sie und ihre Gedanken endlich zur Ruhe kommen konnten. Sie hatte sich in der vergangen Wochen weiter belesen zum Thema persönliche spirituelle Weiterentwicklung und wollte eine Meditationspraxis in ihren Alltag integrieren. Ein Meditationskissen samt Kerze und Räucherstäbchen hatte sie sich schon zugelegt.  Ihr Konto hatte es ihr mit roten Zahlen gedankt, wie immer am Monatsende. Sie würde es nie lernen, richtig mit Geld umzugehen. Auch ihre Eltern klagten ständig über finanzielle Nöte. Wie sollte ein junger Mensch unter solchen Umständen lernen, seine Finanzen in Ordnung zu halten? Jetzt musste sie nur noch den richtigen Tageszeitpunkt für ihre Meditation finden. Eine regelmäßige Praxis war nötig, damit sich die Ruhe und die Gelassenheit im Alltag etablieren konnten. Morgens war sie zu müde, abends eigentlich auch. Vielleicht wäre eine halbe Stunde nach dem Mittagessen der richtige Zeitpunkt. Aber wenn sie ehrlich war, aß sie in vier von fünf Fällen gar nicht zu Mittag. Sie war selten tagsüber zu Hause, was auch an ihren Mitbewohnern lag, die zu nichts zu gebrauchen waren, außer dafür, in der Küche ein Chaos zu hinterlassen. Was war eigentlich aus ihren Plänen geworden, sich nach einer WG umzusehen, deren Bewohner in ihrem Alter waren? Am besten würde sie mit Berufstätigen zusammenziehen. Dann hätte sie über Tag ihre Ruhe, eine ordentliche Wohnung und so mehr Zeit für sich und die Dinge, die ihr wichtig waren.

Der Zug hielt am hintersten Ende des Gleises. Sie musste über den vereisten Boden rutschen, um das letzte Abteil noch rechtzeitig vor der Abfahrt zu erreichen. Endlich! Die Flucht vor dem schneidenden Wind tat gut. Ihre Brille beschlug sofort, als sich die Türen des Zuges hinter ihr schlossen. Auf einem der Wärme versprechenden Sitze angekommen, ließ sie sich nieder und packte ihr Heiligtum aus. Es war schwarz gebunden und voll von Wörtern und Sätzen, die sie geschrieben hatte an Orten, die sie oft besuchte, wie der Cafeteria in der Uni und ihrem Stammplatz im Garten ihrer Eltern. Doch in all der Hektik der Gewohnheiten kam das Schreiben doch viel zu kurz. Jede Geschichte hatte ihren Anfang. Inspiration war so wundervoll. Doch die Konsequenz fehlte ihr. Ihre Gedanken mochten keine Struktur. Sie zierten sich, die Notwendigkeit anzuerkennen, eine letzte Hürde zu nehmen und dann zu einem Ende zu kommen. So viele vielversprechende Möglichkeiten, eine Fülle wie auf einem Markt, auf dem es an jeder Ecke gut roch und der so vielstimmig war, dass sich der Geist nie fokussieren konnte.

Was wäre, wenn sie ihr Studium nicht beenden würde? Was wäre, wenn sie zu lange in ihrem zu kleinen Zimmer in ihrer WG ausharren würde? Was wäre, wenn sie sich mit ihrem Studienkredit übernommen hätte? Wenn sie alt sein würde, bevor sie alle Orte auf der Welt gesehen hätte, die sie besuchen wollte? Was wäre, wenn sie den Menschen nie finden würde, den sie lieben könnte, ohne etwas zu bereuen? Was wäre, wenn sie nie im Ausland gelebt hätte, um eine andere Kultur kennenzulernen und ihren Horizont zu erweitern? Ja, was wäre wenn? Konjunktiv reihte sich an Konjunktiv, das Gedanken-Karussell nahm fahrt auf, entfernte sich immer weiter vom Jetzt, von dem Ort, an den sie sich selbst verordnet hatte, um endlich Ordnung zu schaffen, wo nichts war, außer Flausen, Ängste und Sorgen im Kopf.

Sie vernahm die Stimme des Kontrolleurs erst nur unterbewusst, bis er neben ihr stehen blieb und sie fragend anschaute. Ob sie eine Fahrkarte hätte, lautet die Frage. Shit, dachte sie, hatte sie nicht. Verflixt dachte sie, das kommt davon, wenn man ständig mit seinen Gedanken woanders ist. Sie wühlte hektisch in ihrer Tasche. Sie hatte ein Studententicket, das reichte aber nicht bis zu dem Ort, an dem sie heute gewesen war. Der Kontrolleur schaute ihrer Aufregung geduldig zu. Der Zug war leer zu dieser Zeit. Sie hob ihm ihr Ticket entgegen. Ein langer Moment verging. Dann lächelte er ihr zu und sagte: „Wissen Sie, meine Tochter ist in ihrem Alter, schätze ich.“ Sie wartete. “ „Sie ist vor einem Jahr in die USA ausgewandert. Ihren Weg finden, nannte sie das. Sie wollte alle Zelte hinter ihr abbrechen, reisen und sich selbst wiederfinden. Manchmal frage ich mich, wie das geht, sich selbst zu verlieren.“ Er schaute zur Seite Richtung Fenster und es sah so aus, als ob er dort draußen etwas suchte, was ihm erklären könnte, warum seine Tochter ihn verlassen hatte. „Nächste Woche kommt sie zurück.“ sagte er nachdenklich und zog seine Stirn in Falten. Er atmete tief ein und dann wieder aus und fragte dann: „Was schreiben Sie da?“ Ihr fiel es schwer, seinen Blick zu erwidern, weil sie auf das Verkünden ihrer Strafe wartet, ihrer Strafe für ihre Verpeiltheit. „Ich schreibe Geschichten.“ antwortete sie. „Geschichten sind ein guter Anfang.“ erwiderte er. „Alles fängt mit der Vorstellung im Kopf an. Wenn sie aufgeschrieben wird, nimmt sie Gestalt an und der Schöpfer kann wählen, welche Möglichkeiten für die Charaktere passend wären, sich ausprobieren und für seine Figuren ein Leben schaffen, das er vielleicht nie selbst führen würde.“ Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit. „Ja, aber was nützt dem Autor seine Fantasie, wenn sie ihm nur vor Augen führt, was möglich wäre, statt selbst diese ganzen Erfahrungen zu machen?“ Darüber dachte er einen kleinen Moment nach. Sie war sich nicht sicher, ob er die Antwort nicht kannte, oder ob er darüber nachdachte, wie er sie formulieren sollte. Dann setzte er zu einer Antwort an, zögert wieder und lehnte sich schließlich etwas näher zu ihr herüber. „Fantasie ist kein Spiegel, sondern ein Tor, durch das der Besitzer schauen kann. Ob er hindurch geht, ist seine ganz eigene Entscheidung.“

Der Zug rappelte, doch nahm er weiter seine Fahrt auf. Ihre Nase spiegelte sich in der Scheibe, als sie aufschaute. Sie konnte nicht genau sehen, was sich dahinter befand. Sie fuhren über plattes Land, ohne Lichtquellen und künstlicher Beleuchtung. Das Zugabteil war hell erleuchtet, die Heizung strahlte warme Luft aus und Stille legte sich auf ihre Ohren. Sie würde in ungefähr einer Stunde an ihrem Ziel ankommen. Genug Zeit dachte sie.

Viele Gesichter

„Irgendwas, das bleibt!“ ist gerade ein Song, der mich zum Nachdenken bringt. Denn er beschäftigt sich unverhohlen mit unserer Generation und trifft damit auch mich und mein Leben mitten ins Herz. Und das ist gar nicht so einfach zuzugeben, wie es auf den ersten Blick scheint, denn schließlich geht es darum, dass wir immer mehr wollen und nie zufrieden sein können mit dem, was wir haben und alle stets auf der Suche sind. Darum auch die Beteuerung des Wunsches nach jemandem oder etwas, das bleibt.

Das Streben nach Glückseligkeit, nach Zufriedenheit gestaltet sich sicher schwierig, wenn wir gar nicht (mehr) wissen, wonach wir eigentlich suchen. Wir sind alle in einer Welt aufgewachsen, die uns alles geboten hat, wovon Menschen träumen dürfen: Wohlstand, Frieden und Sicherheit sowie die Aussicht darauf, dass alles möglich ist. Egal ob wir in den Bereich der Innovation in Technik und Wissenschaft schauen oder aber in den persönlichen, kreativen Bereich und dort einen Blick auf Lebensmodelle und Lebensvorstellungen werfen oder aber auf das so hoch gelobte und geachtete Projekt namens Selbstverwirklichung. Alle Türen stehen uns offen. Doch was bleibt am Ende? Diese Frage ist eine der ersten Fragen, die gestellt wird, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Um das, was wir hinterlassen und auf das wir am Ende unserer Tage zurückblicken können. Der betreffende Maßstab ist in der Postmoderne etwas aus den Fugen geraten. Es sind nicht mehr Tugenden wie Fleiß, Treue oder Selbstlosigkeit, die uns glauben machen können, dass wir ein gutes und sinnvolles Leben geführt haben. Ganz im Gegenteil. Es ist das sich Widersetzen gegen Autoritäten und Systeme, gegen Tradition und Reaktionismus. Es handelt sich, wie so häufig, um das rebellische Aufbegehren gegen die Generation der Eltern. Also ist das, was wir, die wir Anfang oder auch Mitte dreißig sind, als Errungenschaft betrachten oder aber als Sieg über Feminismus, gesellschaftliche Konventionen und menschliche Grenzen gar nicht so neu und noch nie dagewesen, wie wir das vielleicht gerne hätten.

Im Gegenteil, es handelt sich um den Gang der Dinge, um den Lauf der Geschichte, schlicht, um einen Generationenwechsel, der sich in diesen soziologischen Verhaltensmustern manifestiert. Das ändert natürlich auf der anderen Seite nichts an unserem Lebensgefühl, das sich durch Individualismus und Freiheit sowie Ungebundenheit auszeichnet.

Jetzt komme ich langsam zum Punkt. Ich persönlich halte ja wenig von Stigmata, egal in welchem Bereich. Darum amüsiere ich mich auch stillschweigend über das viel diskutierte Etikett „beziehunsgunfähig“, das unserer Generation so gerne zugeschrieben wird. Woher dieses generalisierte Unvermögen kommt, habe ich gerade schon beschrieben. Wir haben uns frei gemacht von allen gesellschaftlichen Grenzen und Zwängen. Das ist einerseits gut und andererseits schlecht. Diese Entwicklung war wichtig, weil sie uns den Perspektivwechsel erleichtert und wir so im Stande sind, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und jegliche andere Art der Diffamierung vermeintlich anormaler Menschen oder Minderheiten einen Strich durch die Rechnung zu machen. Damit haben wir in Punkto Menschlichkeit einen großen Schritt gemacht.

Aber der Schein trügt. In den letzten Jahren haben sich nämlich die Rahmenbedingungen unseres Lebens stark geändert. Wir erliegen nun nicht mehr der Fehlannahme, dass Sicherheit und Frieden selbstverständlich und gegeben sind. Wieder ganz im Gegenteil, wir erleben gerade ein böses Erwachen. Ich könnte jetzt auf zahlreiche innen- und außenpolitische Ereignisse und Gegebenheiten hinweisen, auf die ich mir hier beziehe, aber ich denke, jeder weiß, dass wir sehenden Auges zulassen, dass die Menschenrechte und die Demokratie, für die Generationen von Menschen vor uns gekämpft und ihr Leben gelassen haben, stillschweigend untergehen.

Wir haben uns also auf gesellschaftlicher Ebene frei gekämpft von der Last der Erwartungen und Konventionen, damit WIR wir selbst sein können. Aber in einer Zeit, in der die Welt erneut ins Wanken gerät, brauchen wir, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, Strukturen und Muster sowie Anhaltspunkte, die uns Halt geben. Ergo wir brauchen Orientierung. Wer oder was liefert Orientierung: Tradition, Autoritäten, Erfahrung und Geschichte. Alles Dinge, die wir aus unserem Alltag und unserer Selbstbestimmung verbannt haben.

Also: Was bleibt am Ende? Vielleicht müssen wir die Frage anders stellen. Was bleibt für den Anfang? Wir suchen nach Sinn und Orientierung, wir suchen nach etwas, das uns Halt gibt. Eventuell sollten wir unsere Eltern oder Großeltern fragen, was sie bewirkt haben, als sie unsere Welt wieder zu einer sicheren Welt gemacht und aufgebaut haben, was wir mit einer Handbewegung milde lächelnd wegwischen. Denn unsere Unabhängigkeit und unsere Toleranz kommen nicht von ungefähr. Es war vermutlich harte Arbeit, die Gesellschaft zu schaffen, die wir heute Heimat nennen.

Wir stehen vor riesigen Herausforderungen und auch ich habe keine Ahnung, wie man ihnen am besten begegnet. Aber eines ist für mich klar. Wir haben jetzt die Aufgabe, dieses „Irgendwas“ zu definieren. Wir müssen uns gemeinsam darüber Gedanken machen, wie die Welt aussehen soll, in der wir alle zusammen unser selbstbestimmtes Leben führen wollen.