Reminder zum ersten Blogeintrag

Das Sofa war ein guter Platz. Überhaupt mochte sie ihre neue Wohnung und auch ihr neues Leben – irgendwie. Das war es, was sie sich gewünscht hatte, ohne zu wissen, was konkret sein würde. Was sie hinter sich lassen wollte, war ihr mit einem gewaltigen Bewusstseinseinbruch deutlich geworden und hatte dann wie loser Schnee eine Lawine in Gang gesetzt, deren Ursprung manchmal ganz sanft sein kann, geräuschlos und doch unerbittlich.

Hier saß sie, ohne Mann, Ring, Haus und Kind; mit Freiheit, Möglichkeiten und ohne definiertes Ziel. Womit sie nicht gerechnet hatte, war das Wanken des Seins, der Gewissheit zu wissen, wie es jetzt und in Zukunft sein sollte. Alles war offen und neu und sie hatte sich so danach gesehnt wieder zu dem zurückzukehren, dessen sie sich sicher war.

Unabhängigkeit hat ihren Preis, das wusste sie. Sie war bereit, den geforderten Preis zu zahlen.

Neuanfang.

Erster Eintrag.

Neues Leben, das mit Fragen, Ängsten und Sorgen beginnt und mit großer Leichtigkeit und Freude endet, dessen war sie sich ganz sicher. Eine To-do-Liste, eine Bestandsaufnahme, die Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, all das stand unmittelbar dar, war zum greifen nah. Das Gefühl Prioritäten setzen zu müssen und aufzuräumen, bevor es richtig losgehen konnte. Die Frage nach dem Wie? Ein Blog! Die Frage nach warum? woher? wohin? Die Blogbeiträge – bis heute.

Die Erkenntnis? Den Sinn des Lebens gibt es nicht. Sinn steckt in jedem Augenblick, in jedem Gespräch, jeder Geste, jedem Zweifel, wenn sie möchte, dass dort sinnenhaftes geschieht, bewirkt und gezeigt wird. Der Sinn lässt sich kreieren, nicht nur erkennen. Schöpferkraft ist der Ausdruck jeden Sinns. Die Suche nach Sinn und die Jagd nach der Antwort auf die Frage „Warum?“ ist die Orientierungslosigkeit der Schöpferkraft, die noch nicht gelenkt wird. Das Entdecken des Schaffens und des Machens und des Seins ist der Wegbereiter des Sinns.

Das ist das neue „Zwischenziel“ der Etappe des Erkennens. Nichts bleibt und das ist auch gut so, kann sie heute sagen, in der gleichen Wohnung, auf dem gleichen Sofa, das jetzt an einer anderen Stelle steht, anders wirkt, weil eine Decke darüber liegt und sich deshalb – vielleicht – auch anders anfühlt.

 

Von kleinen Prinzen und großen Träumen

Wie weit ist es eigentlich gekommen, wenn 5 Euro während des Toilettengangs aus Versehens ins Klo fallen und ich mir währenddessen Gedanken darüber mache, dass es sich bei diesem Versehen vermutlich um Umweltverschmutzung handelt, die ich ansonsten tunlichst versuche zu vermeiden?

Wieviel Wert 5 Euro für mich und andere Menschen auf der Welt besitzen, soll allerdings hier kein Thema sein. Es geht eher um die Symptomatik. Es geht darum, wie entrückt Gedankengänge sein können. Wie sich die Perspektive auf die Dinge ändert, wenn man sich monatelang viele Stunden am Tag Gedanken um existentielle Fragen des Lebens gemacht hat.

Wer bin ich? Was möchte ich im Leben erreichen? Wie sieht mich meine Umwelt? Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? Wie kann ich das Beste aus mir herausholen? Welche Rolle spielen alte und neue Freunde in meinem Leben? Ist es zu viel verlangt, glücklich sein zu wollen oder geht es mir eher um eine innere Zufriedenheit, um Ruhe, Einkehr, Besinnung? Muss ich mich ändern, um Altes hinter mir zu lassen usw.?

Viele von euch haben die Blockeinträge der letzten Monate verfolgt und Anteil genommen an meinem Schicksal, das kein schlechtes ist. Ganz im Gegenteil eigentlich. Geredet habe ich allerdings immer über dasselbe Thema, nämlich die Liebe. Genauer gesagt, über die unerfüllte oder unerwiderte Liebe und den Schmerz, die Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber diesem schier übermächtigen Gefühl. Auch das ist symptomatisch. Ich habe verzweifelt nach Erfüllung, Bestätigung, Anerkennung oder was auch immer gesucht. Ich wollte geliebt, gebraucht und geschätzt werden. Warum ist offensichtlich. Zumindest seit kurzer Zeit habe ich einen Erklärungsansatz dafür gefunden. Ich bin scheinbar nicht im Stande gewesen, mich selbst zu sehen. Das ist eine harte Erkenntnis, zumal ich meinen Mitmenschen stetig predige, dass es sich dabei um die Grundvoraussetzung handelt, um andere Menschen lieben zu können. Es war mir scheinbar nicht bewusst, dass ich über das Hin- und Herwenden der vielen Gedanken und der Reflexion mich selbst vergessen habe. Nicht im Sinne von, dass ich mir selbst keine Beachtung geschenkt habe. Ganz im Gegenteil, ich habe in meinem Leben noch nie so viel und so lange und soooooo intensiv über mich und mein Leben nachgedacht. Aber ich habe über die Beleuchtung meiner inneren Verfassung scheinbar vergessen, wer ich eigentlich schon bin. Ich bin hart mit mir ins Gericht gegangen und gleichzeitig in Selbstmitleid versunken. Die letzten Monate gehören mit Sicherheit zu den anstrengendsten, die ich erleben dürfte. Was das zeigt, ist Folgendes: Ich habe in meinem Leben unfassbares Glück gehabt, mir geht es gut und ich muss mich mit verschwindet geringen Problemen auseinandersetzen, wenn ich meine Probleme in eine verhältnismäßige Relation zu Lebensumständen und Schicksalen anderer Menschen setze.

Es war schwer zu erkennen, sich einzugestehen, dass dem so ist. Ich hätte nie gedacht, dass diese naheliegende Erkenntnis so weit entrückt werden könnte, sodass ich alle in meinem Leben vorhandenen und nicht vorhandenen Aspekte der Existenz hinterfragt habe, verzweifelt nach Erklärungsansätzen für scheinbar fehlende Elemente gesucht und mich wahnsinnig versteift und verstellt auf die Suche nach einem Sinn gemacht habe. Ich habe tatsächlich kurz verlernt das Gute zu sehen oder es in den kleinen und großen Dingen zu erkennen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Wie man sich doch täuschen kann.

Ich habe versucht, mein Leben neu zu definieren, Entscheidungen zu überdenken und Prioritäten neu zu setzen. Begriffen habe ich allerdings nicht, dass es vielleicht sinnvoll wäre auch eine Bilanz dahingehend zu ziehen, was bereits wertvoll in meinem Leben und für mein Leben ist, anstatt ständig über Aspekte zu stolpern, die noch fehlen oder unwiederbringlich verloren sind. Zeit bekommt der Mensch geschenkt, jedoch nur ein einziges Mal. Diese Zeit zu nutzen, zu genießen, dankbar zu sein und Menschen und Erinnerungen wertzuschätzen, sind kleine, aber wichtige Ziele, die ich anstreben möchte. Den Hang zur übermäßigen Selbstreflexion werde ich wohl nie gänzlich abschütteln, aber bestimmt eindämmen können. Die Basis zu akzeptieren, das Grundgerüst meines Charakters und meine Erfahrungen zu respektieren, sind erste Schritte, die es gilt zu machen, um wieder zu mir zurückzufinden. Ich habe die ganze Zeit nach etwas gesucht, ohne zu ahnen, dass es bereits gegeben ist. Sicherlich bin ich nicht perfekt, sicherlich ist mein Leben nicht perfekt. Das ändert aber nichts daran, dass ich mein Leben liebe und die Menschen darin. Das ist nicht bescheiden oder demütig noch reumütig. Es ist eine Tatsache, auf die ich stolz sein sollte und über die es sich zu freuen gilt. Veränderungen werden sich von alleine einstellen, mit der Zeit kommt hoffentlich auch wieder der gute und nicht nur der selbstkritische Rat sowie die Intuition zurück. Ich habe mir vorgenommen, mich locker zu machen.

Die Lebensphilosophie, die der Fuchs dem kleinen Prinzen mit auf den Weg gibt ist diese:

„Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Ergo: Es lohnt sich, die Weisheit auch auf die Selbstwahrnehmung anzuwenden.

Also liebe …, einen schönen, sonnigen Frühling wünsche ich dir!

Aus gegebenem Anlass

Was bringt dir dein Leiden. Ein weiser Satz. Der zuerst völlig paradox erscheint, denn leiden zu müssen, sucht sich sicher niemand aus. Leid wird erfahren, wird zugefügt oder hält das Schicksal bereit. Verständlicher wird der Satz für meine Begriffe erst dann, wenn man Leid von Traurigkeit trennt. Denn diese folgt aus dem Leiden. Über unsere Gefühle haben wir keinerlei Kontrolle, egal wie rational wir veranlagt sind oder wie erfahren wir im Umgang mit Gefühlen sein mögen. Die Gewalt der Gefühle macht ihr Wesen aus, im Glück und in der Trauer.

Was wir allerdings entscheiden können ist Leiden zu beenden. Wir können das Leiden anderer mildern durch Anteilnahme und Trost und Gegenwart. So können wir auch unser eigenes Leiden mildern und schließlich beenden, wenn wir dieses Leid aus einer anderen Perspektive betrachten. Denn die Gestalt des Etiketts dessen, was uns widerfährt und was daraus resultiert und was dies mit uns macht, die entscheiden wir selbst. Es liegt an uns, unser Selbstkonzept zu überdenken, uns zu entscheiden, wer wir sein wollen und wie wir uns selbst sehen und damit bestimmen wir ein Stück weit auch, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Auf diese Weise haben wir die Chance, die Kontrolle zurückzugewinnen. Stück für Stück. Aus dieser Einsicht erwachsen auch neue Möglichkeiten. Wir gewinnen Vertrauen und Sicherheit zurück, wenn wir erkennen, dass wir, egal wie alt wir sind, uns in einer stetigen Entwicklung befinden. Wir treffen Entscheidungen, wir sprechen Dinge aus, wir handeln und wir treten auf. Über all diese Facetten unseres Seins haben wir die Kontrolle, wenn wir bewusst leben. Sicher hat auch diese recht analytische Sicht der Psyche ihre Grenzen, weil wir nicht immer stark sind und weil wir uns nicht immer über jede Sekunde unseres Daseins bewusst sind. Aber an einem Scheideweg haben wir dennoch die Chance, genau diese Erkenntnis einzusetzen und zu wählen, welches Etikett, welche Selbstwahrnehmung, welchen Teil unserer Persönlichkeit wir herausstellen wollen.

Wir schreiben uns ständig zu, wer wir sind und wie wir sein wollen. In jeder unserer sozialen Rollen, in jeder Prüfungssituation und in jedem Gespräch, das an die Substanz geht. Sicherlich brauchen wir Fixpunkte und Kerne unseres Selbstverständnisses, derer wir uns sicher sein können, die gut und schlecht sind, damit wir reflektiert bleiben können. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, dass auch Erwachsene das Recht haben zu entscheiden, wer sie sein wollen. Vielleicht verlieren wir nach der Kindheit und der Pubertät die Motivation, uns immer wieder neu zu erfinden oder ermüden anlässlich der Energie, die es kostet, sich selbst zu hinterfragen und richten uns deshalb in der Fremdwahrnehmung ein, die ja häufig positiv ist, denn Familie, Freunde und Kollegen schätzen uns für unsere Stabilität, unsere Berechenbarkeit und unsere Verlässlichkeit. Erst wenn wir Grenzerfahrungen machen, werden wir geweckt, das Selbst wird bis ins tiefste Mark erschüttert. Genau an dieser Stelle wünsche ich mir, dass wir alle den Mut besitzen, uns auf Neues einzulassen und Altes hinter uns zu lassen.

Ich kann mich jetzt als die Verschmähte betrachten, als die Ausgenutzte, als die, auf deren Herz herumgetrampelt worden ist und die all dies ohne Widerrede oder Widerstand hat über sich ergehen lassen und nun leidet.

Oder ich kann die vergangenen Monate als Erfahrung betrachten, die mich wieder ein Stück weiter gebracht hat, vor allem im Hinblick darauf, welche Menschen in meinem Leben einen Wert besitzen und welche nicht und was vielleicht am wichtigsten ist: Ich bin dem Rätsel ein wenig näher gekommen, wie ich eben dies herausfinde und was mich glücklich macht.

Also lieber …, danke für nichts, außer dem Anstoß zur Selbsterkenntnis.