Rolex, du Spinner!

Hallo und herzliche Willkommen in meiner Welt. Diese Welt steht aus Ihrer Perspektive auf dem Kopf, schätze ich. Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Mein Name ist Rolex und ich funkele mit den hellsten Sternen und der Sonne um die Wette. Der Grund? Mein Zifferblatt zieren 8 schimmernde Diamanten, die auf Gold gebettet sind. Überhaupt bin ich sehr wertvoll. Dazu trägt auch mein Alter bei, ich bin nämlich schon über 30 Jahre alt. Sie fragen sich jetzt sicher, ob die Zeit ihre Spuren auf mir hinterlassen hat? Vielleicht können Sie es kaum glauben, aber weder mein Gehäuse noch meine Glasoberfläche weisen einen Kratzer auf. Dies liegt vermutlich an der guten Pflege meiner Besitzer und an der Sorgfalt, mit der ich hergestellt worden bin.

Es ist schon interessant, wie ihre Spezies auf meine Erscheinung reagiert. Ich mache mir gerne einen kleinen Spaß daraus, um die Menschen zu überraschen. Dann blitze ich unter dem Hemdsärmel unverhofft hervor. Das Licht reflektiert sich auf meiner glänzenden Oberfläche und auf diese Weise ziehe ich die Blicke auf mich. Wie sich das anfühlt fragen Sie sich? Großartig natürlich. Ich lächle den Betrachter manchmal beschämt, manchmal offen und freundlich an. Sie kennen das, an manchen Tagen wacht man froh und unbeschwert auf und begegnet der Welt mit einem Lächeln. An anderen Tagen fühlt man sich abgeschlagen und blass, dann kostet es mich viel Kraft, das Strahlen meiner Erscheinung in die Welt zu schicken. Oft weicht der spontanen Verwunderung die Bewunderung und der Respekt der Betrachter. Die Blicke verharren einen kurzen Moment auf mir und dann wandern sie weiter nach oben oder unten. Das schmerzt manchmal ein wenig. Dann fühle ich mich so, als wäre meine Anmut und Schönheit nicht genug. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als den Blick noch einmal einzufangen, ihn festzuhalten und die Augen des Menschen, der seinen Blick auf mich gerichtet hat, zu paralysieren. Das hört sich ein kleines bisschen größenwahnsinnig an, wenn ich das so frei von der Seele ausspreche, aber so ist es nun einmal. Ich bin so beschaffen. Ich bin genau so von meinen Schöpfer gestaltet worden. Geschaffen, um geliebt, verehrt und bewundert zu werden.

Manchmal frage ich mich schon, ob dieses wundervolle Leben, das ich führe, immer so sein wird. Ob mir diese Aufmerksamkeit immer zu teil werden wird, die ich jetzt genießen darf. Die Angst schleicht in diesem Fall leise um mich herum und wispert in mein Ohr, dass der Tag kommen wird, an dem mein Besitzer, mein Träger, sich an mir satt gesehen haben wird. Er werde mich dann achtlos in eine Schatulle legen, diese dann sicher in einem Tresor unterbringen und dann werde das Licht ausgehen, für immer. Oh Gott, ein Leben ohne Licht bedeutet ein Leben ohne Hoffnung. Ich kann nicht sein ohne dieses Licht. Ich weiß, dass das Licht allein mein Leuchten hervorbringt und ich nichts wäre, ohne die warmen Töne, die sich spiegeln. Ich möchte meinem Träger Freude bereiten, sonst nichts.

Wissen Sie, ich bin sehr bescheiden. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich ein Accessoires bin. Aber, und das ist wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ich bin ein zeitloses Stück Handwerkskunst. Das wurde mir von Geburt an beigebracht. Niemand würde so viel Zeit und Mühe aufbringen, um etwas herzustellen, das aus wertvollen Komponenten besteht, aber irgendwann Gefahr läuft, seinen Attraktivität zu verlieren. Irgendwann bin ich sogar zu einem Symbol geworden. Deshalb gibt es auch heute noch spezielle Werkstätten, in denen meine Nachfolger von Künstlern gefertigt werden. Die Nachfrage sei groß, habe ich gehört. Die Menschen, die mich tragen, wissen, wofür sie diese große Summe Geld aufbringen. Sie investieren in ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen. Ein schönes Bild, oder? So sind die Lebenslinien meiner und ihrer Spezies für immer verbunden.

Mir ist, und das sage ich überhaupt nicht gerne, auch schon zu Gehör gekommen, dass es Menschen geben soll, die den Versuch unternehmen, mich und meine Verwandten zu kopieren. Können Sie sich das vorstellen? Wie sollte das gehen? Wie können sich potentielle Käufer so blenden lassen? Wie kommen Menschen darauf, sich solchen kriminellen und unerhörten Machenschaften hinzugeben? Das frage ich mich. Zum Glück ist mir so eine unwürdige Fälschung noch nicht begegnet. Ich wüsste nicht, wozu ich mich hinreißen lassen würde, träfe ich je eine. Da würde mir sicher der Sekundenzeiger völlig durchdrehen.

Wissen Sie, was meine geheime Leidenschaft ist? Zuhören und Beobachten. Und sie werden verstehen, dass mir das ganz ausgezeichnet gelingt. Ich bin nicht gerade unauffällig, das ist mir bewusst, aber ich befinde mich immer mitten im Geschehen. Es würde doch niemand von Ihnen ernsthaft auf die Idee kommen, dass ich sie belauschen würde, oder? Wie Sie sicher schon festgestellt haben, konzentriere ich mich bei meinen Studien hauptsächlich auf ihre Spezies. Ich sehe, wie Ihre Blicke wandern, wie sie sich gegenseitig mustern und genau prüfen, wer ihr Gegenüber ist. Was er oder sie trägt, wie sich die Menschen geben und benehmen und was sie zu sagen haben. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass Sie als Mensch manchmal dazu geneigt sind zu denken, alles über eine Person zu wissen oder herausfinden zu können. Kennen Sie den Ausspruch: „Zeig mir, wie du dich kleidest und ich sage dir, wer du bist?“ oder aber „Zeig mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist?“ Es wäre ein manches Mal vielleicht einfacher, wenn dies tatsächlich so wäre, aber ich bitte Sie, wie langweilig wäre das Leben, wenn diese Einschätzungen immer der Wahrheit entsprechen würden.

Ich weiß genau, was Sie von dem Moment an dachten, an dem Sie begonnen haben, diese Geschichte zu lesen. Sie dachten etwas wie „Mein Gott ist diese Uhr überheblich, oder arrogant, das ist ja gar nicht zum aushalten, was dieses impertinente Stück hier zum besten gibt!“ Eventuell waren Ihre Gedanken auch etwas moderater, man kann ja nie wissen, wer Leser dieses Textes sein wird.

Ich verrate Ihnen etwas. Lesen Sie den Text nochmal und stellen Sie sich dabei keine Rolex vor. Vielleicht könnten Sie sich denken, der Text stammte von einer Uhr, die in einem Familienbetrieb in Bonn hergestellt worden ist, der eine lange Tradition besitzt. Warten Sie ab, was dann passiert, ich verspreche Ihnen, Sie werden sich wundern.

Haben Sie einen schönen Tag oder aber einen schönen Abend. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns irgendwann und Sie werden sich an diesen Text erinnern.

Der Schwan und das Wildschwein – eine Fabel

Der Schwan schwamm anmutig über den See, der in der abendlichen Sonne in allen warmen Farben schimmerte. Er sah sich gern an im Wasser, der ganze See eine einzige Spiegelfläche. Besonders mochte er es, wenn sein Gefieder frisch geputzt war und alle Enten, Gänse, Amseln und Meisen sich versammelten, um seine Schönheit und seine königliche Ausstrahlung zu bewundern.

Der Elch, der dieses Schauspiel vom Rande des Waldes, an dem der See gelegen war, allabendlich beobachtete, dachte nach, ob er je ein stolzeres Tier gesehen hatte. Von  seinem sicheren Ort aus jedenfalls hatte er nie ein dem Schwan ebenbürtiges Tier erblickt. Da kam ihm die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Gewinnen sollte das Tier, das am meisten Stolz ausstrahlte.

Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den Tieren und der nächste Samstag wurde als Wettbewerbstag ausgemacht. Um drei Uhr sollten sich alle Tiere treffen. An diesem Samstag versammelten sich alle Tiere auf der Wiese, die sich zwischen dem See und dem Wald befand. Das Publikum raunte begeistert Laute und es wurde spekuliert, wer der Sieger sein würde. Viele der Tiere dachten sich, dass der Schwan sicher gewinnen würde, schließlich war er der schönste und stolzeste Schwan, den sie je gesehen hatten. Vielleicht würde sogar niemand gegen den Schwan antreten wollen.

Der Elch begrüßte alle Tiere: „Seid willkommen meine lieben Freunde. Wie ihr euch schon sicher gedacht habt, tritt heute unser verehrter Schwan zum Wettbewerb an. Allerdings wurde mir auch noch ein weiterer Kandidat gemeldet.“ Erstauntes Murmeln ging durch den Wald und zog sich über die Wiese. „Wer denn?“ rief der Wolf. „Das Wildschein!“ antwortete der Elch. Manche Tiere kicherten. „Habt ihr das gehört? Das Wildschwein! Das ich nicht lache.“ sagte der Fuchs.

Der Schwan schwamm anmutig wie eh und je auf die Mitte des Sees zu und zog einige großflächige Kreise, hob seinen Kopf, öffnete seine Flügel und drehte eine Pirouette. Die Zuschauer jubelten. Wie sollte das Wildschwein da mithalten? Der Elch bat darum, das Ruhe einkehre. Er blickte Richtung Wald und da trottete behäbig das Wildschwein durch die Bäume bis an den Waldesrand. Es ließ sich alle Zeit der Welt, bis es endlich auf der Mitte der Wiese angekommen war. Es setzte sich auf seinen Hintern und furzte geräuschvoll dazu. Die übrigen Tiere rümpften die Nase, einige drehten sich angeekelt weg. „Nun, sagte der Elch, was möchtest du uns zeigen?“ „Gar nichts.“, antwortete das Wildschein. Das Publikum wurde unruhig. „Du verschwendest unsere Zeit!“ rief der Hase. Der Schwan hob seinen Kopf und blickte verächtlich in Richtung des Schweins.

Dieses räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich habe sieben Kinder. Sie alle sind putzmunter und haben ein gutes Leben. Ich heitere sie auf, wenn sie traurig sind und ermahne sie, wenn sie sich nicht benehmen. Nachts wache ich über sie und auch über euch, damit niemand uns angreift oder bedroht.“

Die übrigen Tiere richteten ihren Blick auf sein Maul und die großen Stoßzähne. „Wenn meine Kinder groß sind, werde auch sie euch und unsere Heimat verteidigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn ihr dies nicht sehen könnt.“

Stille war eingetreten unter den Tieren. Da ergriff der Schwan das Wort: „Du tust sehr viel Gutes für uns und deine Familie kann wirklich stolz auf dich sein.“

Alle Anwesenden freuten sich, dass sie erfahren hatten, wer nachts in ihrem Wald umherging, damit ihnen nichts geschehen konnte. Das Wesentliche schien für manche Augen unsichtbar, das hatten sie schon einmal gelesen, aber heute das erste Mal erfahren.

One day baby we will be old

Manchmal laufen die Gedanken wie von selbst. Dann fließen sie wie ein natürlich Strom durch mich hindurch, dachte sie, als sie die fast menschenleere Bahnhofshalle betrat. Es war spät geworden, später als sie gedacht hatte. Morgen in der Frühe würde der Wecker erbarmungslos klingeln. Es half alles nichts. Jeden Morgen diese elende Quälerei im Winter. Im Frühjahr würde alles besser werden. Wenn es langsam wieder angenehm werden würde vor die Tür zu gehen, sich in ein Straßen-Café zu setzen und den Stimmen der Stadt, den Verkehrsgeräuschen und den Menschenstimmen, zu lauschen. Sie ertappte sich dabei, wie ihre Gedanken wieder das Hier uns Jetzt verließen. In die Zukunft schweiften und sich ausmalten, wie es sein würde, wenn… ja, wenn was eigentlich? Hier schien das Problem zu bestehen. Richtet man die Gedanken auf das, was kommen wird, dann sind sie vogelfrei und strecken sich aus, dehnen sich auf unbekannte Weiten aus und schlagen Wege ein, die niemand kennt oder gegangen ist. Es war aber gerade wichtig, sich der Gegenwart zu stellen, auch wenn sie ihr Leben momentan nicht besonders mochte. Die Devise hieß: Zeit ist Geld. Sie hatte weder das eine noch das andere. Ihr fehlte die Muße, um sich einen vernünftigen Nebenjob zu suchen. Zu stressig war die Uni, zu unpraktisch die Zeiten, zu denen sie in Vorlesungen und Seminaren sitzen musste. Sie hielt das Geldverdienen für pure Lebenszeitverschwendung. Niemand auf der Welt sollte auf Geld angewiesen sein, dachte sie. Sozialismus mit seiner Planwirtschaft wäre gut, auch für den übermäßigen Hipster-Konsum und die Nachhaltigkeit und für die Umwelt sowieso. Wieso begriff nur sie das? Sie könnte auch nach Israel gehen und in einen Kibbuz ziehen. Dort könnte sie sich der Kunst widmen. Kreativität braucht Raum und Zeit. Dort würde sie essen und schlafen können und würde dafür ihren Beitrag leisten. Sie könnte zum Beispiel Gitarre spielen und den Kindern Unterricht geben. Das könnte sie alles auf einer bunten Wiese tun, umringt von Gleichgesinnten, die schon längst wie sie erkannt hätten, dass Minimalismus einen wahren Wert besaß und wesentlich mehr war als ein angesagter Lifestyle. Sie hasste die Menschen, die Ausschnitte aus ihrem Leben auf Instagram teilten, um  minimalistische Ideale zu heucheln und gleichzeitig als gehypte und gesponserte Influencer so viel Zeit hatten, weil sie sich keine Gedanken über ihren Lebensunterhalt machen mussten. Es kotzte sie einfach an. Wieso war das Leben so kompliziert, wann hatte das angefangen?

Auf dem richtigen Gleis angekommen, verriet ihr die Anzeigetafel, dass ihr Zug jeden Moment einfahren würde. So musste sie wenigstens der Kälte nicht zu lange trotzen. Im Zugabteil würde sie sich einen ruhigen Platz suchen, an dem sie und ihre Gedanken endlich zur Ruhe kommen konnten. Sie hatte sich in der vergangen Wochen weiter belesen zum Thema persönliche spirituelle Weiterentwicklung und wollte eine Meditationspraxis in ihren Alltag integrieren. Ein Meditationskissen samt Kerze und Räucherstäbchen hatte sie sich schon zugelegt.  Ihr Konto hatte es ihr mit roten Zahlen gedankt, wie immer am Monatsende. Sie würde es nie lernen, richtig mit Geld umzugehen. Auch ihre Eltern klagten ständig über finanzielle Nöte. Wie sollte ein junger Mensch unter solchen Umständen lernen, seine Finanzen in Ordnung zu halten? Jetzt musste sie nur noch den richtigen Tageszeitpunkt für ihre Meditation finden. Eine regelmäßige Praxis war nötig, damit sich die Ruhe und die Gelassenheit im Alltag etablieren konnten. Morgens war sie zu müde, abends eigentlich auch. Vielleicht wäre eine halbe Stunde nach dem Mittagessen der richtige Zeitpunkt. Aber wenn sie ehrlich war, aß sie in vier von fünf Fällen gar nicht zu Mittag. Sie war selten tagsüber zu Hause, was auch an ihren Mitbewohnern lag, die zu nichts zu gebrauchen waren, außer dafür, in der Küche ein Chaos zu hinterlassen. Was war eigentlich aus ihren Plänen geworden, sich nach einer WG umzusehen, deren Bewohner in ihrem Alter waren? Am besten würde sie mit Berufstätigen zusammenziehen. Dann hätte sie über Tag ihre Ruhe, eine ordentliche Wohnung und so mehr Zeit für sich und die Dinge, die ihr wichtig waren.

Der Zug hielt am hintersten Ende des Gleises. Sie musste über den vereisten Boden rutschen, um das letzte Abteil noch rechtzeitig vor der Abfahrt zu erreichen. Endlich! Die Flucht vor dem schneidenden Wind tat gut. Ihre Brille beschlug sofort, als sich die Türen des Zuges hinter ihr schlossen. Auf einem der Wärme versprechenden Sitze angekommen, ließ sie sich nieder und packte ihr Heiligtum aus. Es war schwarz gebunden und voll von Wörtern und Sätzen, die sie geschrieben hatte an Orten, die sie oft besuchte, wie der Cafeteria in der Uni und ihrem Stammplatz im Garten ihrer Eltern. Doch in all der Hektik der Gewohnheiten kam das Schreiben doch viel zu kurz. Jede Geschichte hatte ihren Anfang. Inspiration war so wundervoll. Doch die Konsequenz fehlte ihr. Ihre Gedanken mochten keine Struktur. Sie zierten sich, die Notwendigkeit anzuerkennen, eine letzte Hürde zu nehmen und dann zu einem Ende zu kommen. So viele vielversprechende Möglichkeiten, eine Fülle wie auf einem Markt, auf dem es an jeder Ecke gut roch und der so vielstimmig war, dass sich der Geist nie fokussieren konnte.

Was wäre, wenn sie ihr Studium nicht beenden würde? Was wäre, wenn sie zu lange in ihrem zu kleinen Zimmer in ihrer WG ausharren würde? Was wäre, wenn sie sich mit ihrem Studienkredit übernommen hätte? Wenn sie alt sein würde, bevor sie alle Orte auf der Welt gesehen hätte, die sie besuchen wollte? Was wäre, wenn sie den Menschen nie finden würde, den sie lieben könnte, ohne etwas zu bereuen? Was wäre, wenn sie nie im Ausland gelebt hätte, um eine andere Kultur kennenzulernen und ihren Horizont zu erweitern? Ja, was wäre wenn? Konjunktiv reihte sich an Konjunktiv, das Gedanken-Karussell nahm fahrt auf, entfernte sich immer weiter vom Jetzt, von dem Ort, an den sie sich selbst verordnet hatte, um endlich Ordnung zu schaffen, wo nichts war, außer Flausen, Ängste und Sorgen im Kopf.

Sie vernahm die Stimme des Kontrolleurs erst nur unterbewusst, bis er neben ihr stehen blieb und sie fragend anschaute. Ob sie eine Fahrkarte hätte, lautet die Frage. Shit, dachte sie, hatte sie nicht. Verflixt dachte sie, das kommt davon, wenn man ständig mit seinen Gedanken woanders ist. Sie wühlte hektisch in ihrer Tasche. Sie hatte ein Studententicket, das reichte aber nicht bis zu dem Ort, an dem sie heute gewesen war. Der Kontrolleur schaute ihrer Aufregung geduldig zu. Der Zug war leer zu dieser Zeit. Sie hob ihm ihr Ticket entgegen. Ein langer Moment verging. Dann lächelte er ihr zu und sagte: „Wissen Sie, meine Tochter ist in ihrem Alter, schätze ich.“ Sie wartete. “ „Sie ist vor einem Jahr in die USA ausgewandert. Ihren Weg finden, nannte sie das. Sie wollte alle Zelte hinter ihr abbrechen, reisen und sich selbst wiederfinden. Manchmal frage ich mich, wie das geht, sich selbst zu verlieren.“ Er schaute zur Seite Richtung Fenster und es sah so aus, als ob er dort draußen etwas suchte, was ihm erklären könnte, warum seine Tochter ihn verlassen hatte. „Nächste Woche kommt sie zurück.“ sagte er nachdenklich und zog seine Stirn in Falten. Er atmete tief ein und dann wieder aus und fragte dann: „Was schreiben Sie da?“ Ihr fiel es schwer, seinen Blick zu erwidern, weil sie auf das Verkünden ihrer Strafe wartet, ihrer Strafe für ihre Verpeiltheit. „Ich schreibe Geschichten.“ antwortete sie. „Geschichten sind ein guter Anfang.“ erwiderte er. „Alles fängt mit der Vorstellung im Kopf an. Wenn sie aufgeschrieben wird, nimmt sie Gestalt an und der Schöpfer kann wählen, welche Möglichkeiten für die Charaktere passend wären, sich ausprobieren und für seine Figuren ein Leben schaffen, das er vielleicht nie selbst führen würde.“ Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit. „Ja, aber was nützt dem Autor seine Fantasie, wenn sie ihm nur vor Augen führt, was möglich wäre, statt selbst diese ganzen Erfahrungen zu machen?“ Darüber dachte er einen kleinen Moment nach. Sie war sich nicht sicher, ob er die Antwort nicht kannte, oder ob er darüber nachdachte, wie er sie formulieren sollte. Dann setzte er zu einer Antwort an, zögert wieder und lehnte sich schließlich etwas näher zu ihr herüber. „Fantasie ist kein Spiegel, sondern ein Tor, durch das der Besitzer schauen kann. Ob er hindurch geht, ist seine ganz eigene Entscheidung.“

Der Zug rappelte, doch nahm er weiter seine Fahrt auf. Ihre Nase spiegelte sich in der Scheibe, als sie aufschaute. Sie konnte nicht genau sehen, was sich dahinter befand. Sie fuhren über plattes Land, ohne Lichtquellen und künstlicher Beleuchtung. Das Zugabteil war hell erleuchtet, die Heizung strahlte warme Luft aus und Stille legte sich auf ihre Ohren. Sie würde in ungefähr einer Stunde an ihrem Ziel ankommen. Genug Zeit dachte sie.

Reminder zum ersten Blogeintrag

Das Sofa war ein guter Platz. Überhaupt mochte sie ihre neue Wohnung und auch ihr neues Leben – irgendwie. Das war es, was sie sich gewünscht hatte, ohne zu wissen, was konkret sein würde. Was sie hinter sich lassen wollte, war ihr mit einem gewaltigen Bewusstseinseinbruch deutlich geworden und hatte dann wie loser Schnee eine Lawine in Gang gesetzt, deren Ursprung manchmal ganz sanft sein kann, geräuschlos und doch unerbittlich.

Hier saß sie, ohne Mann, Ring, Haus und Kind; mit Freiheit, Möglichkeiten und ohne definiertes Ziel. Womit sie nicht gerechnet hatte, war das Wanken des Seins, der Gewissheit zu wissen, wie es jetzt und in Zukunft sein sollte. Alles war offen und neu und sie hatte sich so danach gesehnt wieder zu dem zurückzukehren, dessen sie sich sicher war.

Unabhängigkeit hat ihren Preis, das wusste sie. Sie war bereit, den geforderten Preis zu zahlen.

Neuanfang.

Erster Eintrag.

Neues Leben, das mit Fragen, Ängsten und Sorgen beginnt und mit großer Leichtigkeit und Freude endet, dessen war sie sich ganz sicher. Eine To-do-Liste, eine Bestandsaufnahme, die Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, all das stand unmittelbar dar, war zum greifen nah. Das Gefühl Prioritäten setzen zu müssen und aufzuräumen, bevor es richtig losgehen konnte. Die Frage nach dem Wie? Ein Blog! Die Frage nach warum? woher? wohin? Die Blogbeiträge – bis heute.

Die Erkenntnis? Den Sinn des Lebens gibt es nicht. Sinn steckt in jedem Augenblick, in jedem Gespräch, jeder Geste, jedem Zweifel, wenn sie möchte, dass dort sinnenhaftes geschieht, bewirkt und gezeigt wird. Der Sinn lässt sich kreieren, nicht nur erkennen. Schöpferkraft ist der Ausdruck jeden Sinns. Die Suche nach Sinn und die Jagd nach der Antwort auf die Frage „Warum?“ ist die Orientierungslosigkeit der Schöpferkraft, die noch nicht gelenkt wird. Das Entdecken des Schaffens und des Machens und des Seins ist der Wegbereiter des Sinns.

Das ist das neue „Zwischenziel“ der Etappe des Erkennens. Nichts bleibt und das ist auch gut so, kann sie heute sagen, in der gleichen Wohnung, auf dem gleichen Sofa, das jetzt an einer anderen Stelle steht, anders wirkt, weil eine Decke darüber liegt und sich deshalb – vielleicht – auch anders anfühlt.