Die rote Parkbank

Die rote Parkbank sah sie auffordernd an. Charly konnte ihre Stimme deutlich in ihrem Kopf hören. Sie zögerte noch, der Aufforderung der Bank nachzugeben. Wer wohl seitdem hier in diesem Park auf exakt dieser Bank gesessen hat, dachte sie bei sich. Nicht, weil sie sich ekelte oder sich vor den Bakterienkolonien fürchtete, sondern weil der Respekt vor den Geschichten so groß war, die die Bank im Laufe ihres Dienstes gesammelt haben musste. Wäre sie ein Buch gewesen, hätte man Mühe gehabt, die Seiten umzublättern, da sie so viele wären und so dicht beschrieben, dass eine Geschichte sich in die nächste fügen würde. Keiner wusste von den Geheimnissen, die die Bank beherbergte mit eiserner Härte und Unnachgiebigkeit. Sollte Charly es wagen sich einzureihen in die Geschichtenerzähler, in die Figurenfolge, die ihren Auftritt auf oder unter oder neben der Bank gehabt hatten?

Vertraute Grüppchen hatten sich auf den Plätzen des Parks niedergelassen und Charly hatte auf ihrem Weg einzelne Teile der Unterhaltungen mitgehört, die ihr wie Geheimsprachen vorgekommen waren. Die Fetzen, die an ihr Ohr gedrungen waren, so stellte sie sich vor, könnten Geheimcodes gewesen sein, denn jeder wusste, dass scheinbare Beobachter auch heimliche Lauscher sein konnten.

Der Ruck, der ihr durch die Glieder fuhr, trug sie auf die Bank zu und schließlich ließ sie sich mit einem Seufzer nieder, streckte ihre müden Beine aus, um sie dann sogleich wieder auf die Sitzfläche zu ziehen und in einem Schneidersitz zu verschränken, wie sie es immer tat. Sie hielt ihren Schal mit beiden Händen zu einem Knäul zusammengepresst auf ihrem Schoß und legte ihren Kopf in den Nacken, während sie die Augen schloss. Sie nahm bewusst wahr, was um sie herum geschah, auch wenn sie ihre Augen weiterhin geschlossen hielt.

Ein Bass dröhnte dumpf vom anderen Ende des Parks zu ihr herüber, Gelächter erhob sich und senkte sich wieder. Knirschende Schritte näherten sich und entfernten sich wieder. Weit über ihrem Kopf nahm sie das glasklare Zwitschern der Vögel wahr. Niemals hatte sie den Vogel erblickt, der anstimmte zu einer lautstarken Unterhaltung mit seinen Artgenossen. Es war das Netz aus Tönen und ihrem Echo, das sich weit aufspannte und so unsichtbare Grenzen markierte zwischen dem, was es durch Schallwellen der Töne umspannte und dem, was sich dahinter befand.

Charly fühlte sich geborgen und sicher wie schon lange nicht mehr. Sie öffnete die Augen, ließ ihren Kopf nach vorne fallen und einmal um ihren Nacken kreisen, bis sie am Ausgangspunkt angekommen war. Aus den Augenwinkeln hatte sie links neben der Bank auf den erhöhten Gleisen, die von einem Steinsockel getragen wurden, ein Graffiti entdeckt. „FIRE“ stand dort geschrieben. Ob dieses Wort die ganze Botschaft war, wusste sie nicht. Vielleicht war die Natur dabei sich ihren Lebensraum zurückzuerobern, sodass nun Sträucher die geistreiche Botschaft, den Kern, verdeckten. Wie ironisch, dass „Feuer“ auf Stein gesprayt war, der nie brennen würde. Was hatte sich der Autor gewünscht? Inneres Feuer, wie die Leidenschaft? Oder Feuer, das zerstörte, was ihm in den Weg kam? Wobei verbrannte Asche auch die schönsten Blumen erblühen lassen konnte. Es ist, wie Casper meint, immer eine Option, im Ascheregen stolz dem entgegen zu tanzen, was die Zukunft bereit hält. Welchen Einfluss haben wir auf unser Leben, welchen Einfluss nimmt das Schicksal?

Wahrscheinlich sind wir dem Schicksal einen Schritt voraus, wenn wir auf unsere inneren Stimme hören, die uns sagt, was wir tun können. Dann muss nicht das Leben bestätigen, was wir schon immer wussten, uns aber nicht getraut haben es für die Wahrheit zu halten.

Charly entkrampfte ihre Finger und legte sich ihren Schal um die Schultern. Sie überlegte, ob die Bank auch Gedanken hören konnte. Schließlich hatte Charly die Aufforderung der Bank auch in ihrem Kopf gehört. Soweit war sie sich sicher, sie hatte noch keine Psychose entwickelt, selbst wenn sie mit Bänken kommunizierte, Einsamkeit fordert eben ihren Tribut.

Let it be!

Warum fällt es uns so schwer, die Dinge auf uns zukommen zu lassen? Warum haben wir Angst vor der Zukunft? Wieso ängstigen uns die Konsequenzen, die unsere Entscheidungen nach sich ziehen? Weshalb zögern wir, wenn uns eine unüberhörbare innere Stimme sagt, was wir tun können? Warum trauen wir uns nicht das zu, was andere schon längst in uns erkannt haben? Und – warum lassen wir uns ständig verunsichern, wenn unser Gegenüber uns versucht zu suggerieren, dass unsere Überzeugungen und Einstellungen nicht der Norm entsprechen, nicht kompatibel sein sollen oder schier falsch seien?

Auf all diese Fragen gibt es zahlreiche sinnvolle Antworten. Antworten, die uns Psychologen, Coaches und Freunde geben können. Es kommt aber wie so oft nicht auf die Qualität der Antworten an, sondern auf unsere Haltung diesen gegenüber. Sind wir bereit für die Wahrheit? Und – gibt es eine objektive Wahrheit? Gibt es ein Schwarz oder Weiß? Gibt es immer ein Falsch oder Richtig? Oder existieren ausschließlich subjektive Wahrnehmungen, die manchmal zufällig kongruent sind und andernfalls meilenweit voneinander entfernt?

Mögen unsere Gedanken auch determiniert sein von unserer Lebenswirklichkeit, Konventionen, Erfahrungen und Erziehungen, wir kennen die Antworten, die wir selbst auf diese zu Anfang gestellten Fragen geben würden und vor allem kennen wir unsere persönliche Wahrheit. Wir wissen, was wir wollen, lange bevor uns das Leben die Gewissheit darüber lehrt. Also, warum warten, bis das Schicksal seinen Job macht? Wieso nicht handeln und schauen, wohin uns unsere Entscheidungen führen? Warum nicht auf uns selbst vertrauen? Was kann passieren – im worst case – wenn wir uns falsch entscheiden? Ganz ehrlich? Der größte Gegner für uns alle sind wir selbst. Wenn wir auf unsere innere Stimme hören, bleibt kein anderer Weg, als selbst gerade zu stehen, für alles, was folgt, für alles Wunderbare und für alle Fehler.

Gerade den Menschen die wir lieben, stehen wir oft besonders kritisch gegenüber. Wir wünschen uns, dass wir verstanden werden, dass unsere Bedürfnisse gewürdigt werden.  Aus einer anderen Perspektive betrachtet wünschen wir uns jedoch angenommen zu werden, wie wir sind. Wir möchten, dass unsere Grenzen akzeptiert werden und wir dennoch geschätzt werden für das, was wir sind und leisten. Wie also umgehen mit diesem offenkundigen Dilemma?

Wieder einmal kann das Englische mein Denken und Fühlen besser ausdrücken als es das Deutsche vermag:

LET IT BE!

Es ist eine Kunst als vernunftsbegabter Mensch loszulassen und keine Labels zu verteilen. Wir wollen nicht bewertet und beurteilt werden. Also sollten wir es tunlichst unterlassen, unsere Entscheidungen und unser Handeln unmittelbar zu bewerten, abzuwerten und zu beurteilen. So kann kein Raum entstehen für Veränderungen, für Überraschungen und für Schöpferkraft. Wir sind Meister darin abzuwägen und vernünftig zu sein. Wir sind demütig, wenn unsere Gesprächspartner uns, wenn auch liebevoll, klassifizieren. Das sollten wir aber nicht sein. Wir sollten wir selbst sein. Wir sollten akzeptieren, wer wir sind und dann das beste daraus machen. Wir müssen anderen nicht gefallen. Niemand kann uns zu einer besseren Version unsere selbst machen.

Niemand – nur wir selbst.

Wir wissen, welche Version unserer Selbst die Beste ist. Das sollten wir nie vergessen. Selbstvertrauen ist eine wahre Herausforderungen, weil wir uns nicht immer hundertprozentig über den Weg trauen. Wir kennen uns selbst besser, als jeder Mensch uns je kennenlernen wird. Das ist von Zeit zu Zeit eine Bürde, aber im besten Fall steckt genau darin das größte Potential unseres Lebens, wenn wir mutig genug sind, uns selbst mit allen Schwächen und Stärken anzunehmen. Auch wenn eine Reihe Fehler unsere Vergangenheit schmückt, wissen wir doch, dass es Fehler waren. Wir können Verantwortungen dafür übernehmen. Es ist menschlich, nicht perfekt zu sein. Und noch menschlicher, nicht perfekt und angepasst sein zu wollen. Im Umkehrschluss sollten wir gleiches unserem Gegenüber zugestehen.

Es ist nicht leicht, Unterschiede auszuhalten. Unterschiede entziehen sich unserer Kontrolle und wir können uns nicht mehr spiegeln, wir können uns nicht identifizieren und fühlen uns missverstanden und entfremdet. Wir können schlicht nicht nachvollziehen, was der andere denkt oder fühlt. Was vollkommen okay ist, wenn wir aufhören, darin eine potentielle Gefahr zu sehen.

Wir sind, was wir sind. Anders. Anders schön. Anders mutig, traurig, tapfer, froh, glücklich, ängstlich, liebevoll, verschlossen, offen, verliebt, verärgert, besonnen, dickköpfig, stolz, tiefsinnig, unbelastet, klug …

Was uns verbindet ist das Mensch sein, das Hier sein, dass Fühlen und Denken und vor allem schlicht das Sein.

Let it be!

 

One day baby we will be old, Part II

Sieht die Welt eigentlich anders aus, wenn man alt ist? Und was heißt eigentlich „Altsein“? Meine Oma zum Beispiel hat immer gesagt, sie sei „Mittelalt“, dabei war sie zu diesem Zeitpunkt schon über siebzig Jahre alt. Ich habe großen Respekt vor älteren Menschen. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich dem Klatsch und Tratsch ältere Menschen im Bus  lausche. Von Zeit zu Zeit bin ich aber auch tief berührt, wenn ich in der Hektik des Lebens, in der vollgestopften und rüden City mit ihrem unwegsamen und überlaufendem Straßennetz Menschen beobachte, die sich tippelnd fortbewegen und mit großen, machmal auch ängstlichen Blicken das Gewusel um sie herum beobachten und aufpassen müssen, dass sie im Verkehrschaos nicht unter gehen oder einfach über den Haufen gefahren werden.

Natürlich gibt auch es regelrecht todesmutige Exemplare, die ohne nach links und rechts zu schauen einfach über die Straße laufen. Dann halte ich verdeckt hinter meinem Schal den Atem an und hoffe, dass nur sehr aufmerksame und achtsame Menschen auf den Straßen unterwegs sind und niemand verbotener Weise während des Autofahrens mit seinem Handy zu Gange ist.

Die Zeit, das Leben und die Kulissen sind im städtischen Bild durch junge, energiegeladene Artisten geprägt, die multitaskingfähig auf dem Fahrrad Termine mit dem Headset koordinieren oder philosophische Fragen erörtern, während sie sich ein Wettrennen mit dem tickenden Zeiger der Uhr leisten. Wo bleibt da der Raum fürs Älterwerden? Wo ist der Platzt für Langsamkeit, die Erinnerungen und Erfahrungen?Kann es diese Momente in der heutigen Zeit überhaupt noch geben?

Wenn ich an einem Pflegeheim vorbeilaufe, dann weiß ich, dass hinter verschlossenen Türen das Alter wartet. Es hat keine Eile, aber es wartet und bewegt sich nicht vom Fleck. Auf jeden von uns, ganz gleich wie erfolgreich wir diese Tatsache verdrängen, wartet es.

Manchmal ertappe ich mich dabei, besser gesagt frage ich mich, was meine Kinder, die nächsten Generationen von dem Leben halten werden, das wir heute führen. Ob sie dann auch milde lächeln werden? Sie werden es kaum glauben können, dass es heute noch möglich ist, Überweisungen in einen Postschlitz einer Bankfiliale zu werfen oder im Bus mit Kleingeld zu bezahlen.

Was wird sein in 30 Jahren? Was werde ich dann noch von dieser Welt verstehen? Diese Gedanken führen dann wieder zum Ausgangspunkt, dem Respekt vor den älteren Menschen heute, die ein ganz anderes Land, einen europäischen Kontinent ohne Europa und eine Welt kannten, sehr gut sogar, in der es kein Internet gab, in der das Leben analog verlief und sich der Fortschritt dennoch beständig seinen Weg bahnte.