Viele Gesichter

„Irgendwas, das bleibt!“ ist gerade ein Song, der mich zum Nachdenken bringt. Denn er beschäftigt sich unverhohlen mit unserer Generation und trifft damit auch mich und mein Leben mitten ins Herz. Und das ist gar nicht so einfach zuzugeben, wie es auf den ersten Blick scheint, denn schließlich geht es darum, dass wir immer mehr wollen und nie zufrieden sein können mit dem, was wir haben und alle stets auf der Suche sind. Darum auch die Beteuerung des Wunsches nach jemandem oder etwas, das bleibt.

Das Streben nach Glückseligkeit, nach Zufriedenheit gestaltet sich sicher schwierig, wenn wir gar nicht (mehr) wissen, wonach wir eigentlich suchen. Wir sind alle in einer Welt aufgewachsen, die uns alles geboten hat, wovon Menschen träumen dürfen: Wohlstand, Frieden und Sicherheit sowie die Aussicht darauf, dass alles möglich ist. Egal ob wir in den Bereich der Innovation in Technik und Wissenschaft schauen oder aber in den persönlichen, kreativen Bereich und dort einen Blick auf Lebensmodelle und Lebensvorstellungen werfen oder aber auf das so hoch gelobte und geachtete Projekt namens Selbstverwirklichung. Alle Türen stehen uns offen. Doch was bleibt am Ende? Diese Frage ist eine der ersten Fragen, die gestellt wird, wenn es um den Sinn des Lebens geht. Um das, was wir hinterlassen und auf das wir am Ende unserer Tage zurückblicken können. Der betreffende Maßstab ist in der Postmoderne etwas aus den Fugen geraten. Es sind nicht mehr Tugenden wie Fleiß, Treue oder Selbstlosigkeit, die uns glauben machen können, dass wir ein gutes und sinnvolles Leben geführt haben. Ganz im Gegenteil. Es ist das sich Widersetzen gegen Autoritäten und Systeme, gegen Tradition und Reaktionismus. Es handelt sich, wie so häufig, um das rebellische Aufbegehren gegen die Generation der Eltern. Also ist das, was wir, die wir Anfang oder auch Mitte dreißig sind, als Errungenschaft betrachten oder aber als Sieg über Feminismus, gesellschaftliche Konventionen und menschliche Grenzen gar nicht so neu und noch nie dagewesen, wie wir das vielleicht gerne hätten.

Im Gegenteil, es handelt sich um den Gang der Dinge, um den Lauf der Geschichte, schlicht, um einen Generationenwechsel, der sich in diesen soziologischen Verhaltensmustern manifestiert. Das ändert natürlich auf der anderen Seite nichts an unserem Lebensgefühl, das sich durch Individualismus und Freiheit sowie Ungebundenheit auszeichnet.

Jetzt komme ich langsam zum Punkt. Ich persönlich halte ja wenig von Stigmata, egal in welchem Bereich. Darum amüsiere ich mich auch stillschweigend über das viel diskutierte Etikett „beziehunsgunfähig“, das unserer Generation so gerne zugeschrieben wird. Woher dieses generalisierte Unvermögen kommt, habe ich gerade schon beschrieben. Wir haben uns frei gemacht von allen gesellschaftlichen Grenzen und Zwängen. Das ist einerseits gut und andererseits schlecht. Diese Entwicklung war wichtig, weil sie uns den Perspektivwechsel erleichtert und wir so im Stande sind, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und jegliche andere Art der Diffamierung vermeintlich anormaler Menschen oder Minderheiten einen Strich durch die Rechnung zu machen. Damit haben wir in Punkto Menschlichkeit einen großen Schritt gemacht.

Aber der Schein trügt. In den letzten Jahren haben sich nämlich die Rahmenbedingungen unseres Lebens stark geändert. Wir erliegen nun nicht mehr der Fehlannahme, dass Sicherheit und Frieden selbstverständlich und gegeben sind. Wieder ganz im Gegenteil, wir erleben gerade ein böses Erwachen. Ich könnte jetzt auf zahlreiche innen- und außenpolitische Ereignisse und Gegebenheiten hinweisen, auf die ich mir hier beziehe, aber ich denke, jeder weiß, dass wir sehenden Auges zulassen, dass die Menschenrechte und die Demokratie, für die Generationen von Menschen vor uns gekämpft und ihr Leben gelassen haben, stillschweigend untergehen.

Wir haben uns also auf gesellschaftlicher Ebene frei gekämpft von der Last der Erwartungen und Konventionen, damit WIR wir selbst sein können. Aber in einer Zeit, in der die Welt erneut ins Wanken gerät, brauchen wir, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, Strukturen und Muster sowie Anhaltspunkte, die uns Halt geben. Ergo wir brauchen Orientierung. Wer oder was liefert Orientierung: Tradition, Autoritäten, Erfahrung und Geschichte. Alles Dinge, die wir aus unserem Alltag und unserer Selbstbestimmung verbannt haben.

Also: Was bleibt am Ende? Vielleicht müssen wir die Frage anders stellen. Was bleibt für den Anfang? Wir suchen nach Sinn und Orientierung, wir suchen nach etwas, das uns Halt gibt. Eventuell sollten wir unsere Eltern oder Großeltern fragen, was sie bewirkt haben, als sie unsere Welt wieder zu einer sicheren Welt gemacht und aufgebaut haben, was wir mit einer Handbewegung milde lächelnd wegwischen. Denn unsere Unabhängigkeit und unsere Toleranz kommen nicht von ungefähr. Es war vermutlich harte Arbeit, die Gesellschaft zu schaffen, die wir heute Heimat nennen.

Wir stehen vor riesigen Herausforderungen und auch ich habe keine Ahnung, wie man ihnen am besten begegnet. Aber eines ist für mich klar. Wir haben jetzt die Aufgabe, dieses „Irgendwas“ zu definieren. Wir müssen uns gemeinsam darüber Gedanken machen, wie die Welt aussehen soll, in der wir alle zusammen unser selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Zukunft, Reise und Angst vor der eigenen Courage

Ich war gerade eine Woche auf Studienfahrt in Prag. Ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert, mit halbwegs erwachsenen Schüler, die laut tschechischem Jugendschutzgesetz erst mit 18 Jahren Bier trinken dürfen, eine Abschlussfahrt nach Prag zu machen…ohne Worte, ich weiß, aber das Fahrtenkonzept unserer Schule sieht das eben so vor und als brave Beamtin folgt man natürlich den Richtlinien:) Den Schülern hat es auf jeden Fall trotz Regen und Kälte gut gefallen…ihr könnt euch sicher vorstellen warum 🙂

Nun steht eine weitere Reise an, meine erste richtige Fernreise wenn man so möchte. Es geht nach Israel. Für mich als Geschichtslehrerin ist dieses Unterfangen sicher etwas ganz besonderes und sehr aufregend. Vor allem aber weil ich noch nie den europäischen Raum verlassen habe und dann gehts direkt in ein politisch sehr instabiles Gebiet, dementsprechend panisch bin ich. Der so genannte „Nahe Osten“ ist für mich bis jetzt ein abstrakter Begriff, wenngleich ich mich jeden Tag darüber ärgere, wie unfassbar abgestumpft ich bin, wenn es um die tagesaktuellen Meldung geht, die uns hinsichtlich des Nahost-Konflikts täglich erreichen. Ich mache mir sicher keinerlei Vorstellung davon, wie es ist, in einem Land zu leben, das seit jeher so zerrüttet ist und in dem Krieg und Tod und die Bewältigung einer unfassbar traurige Geschichte auf der Tagesordnung stehen.

Ich werde gerade ein bisschen panisch, wenn ich darüber nachdenke, in welche Gefahr ich mich begebe, auch wenn ich weiß, dass jetzt einige genervt die Augen verdrehen, aber für mich fühlt es sich zumindest so an. Im Grunde ist diese Reise ein wichtiger Schritt für mich, weil es zu meinem Plan gehört, Ängste zu überwinden. Und ja ich habe Angst, ständig, nach jeder Meldung über ein Attentat, die uns erreicht. Mit ist sicherlich bewusst, dass man nirgends auf der Welt wirklich sicher ist und ich hasse dieses Gefühl. Diese schleichende Furcht, die lähmt und verwirrt. Wir sind in Frieden aufgewachsen und ich erkenne erst jetzt, welches Geschenk diese friedvolle Zeit gewesen ist. Aber eben in gewisser Hinsicht auch ein Trugschluss. Denn Frieden sollte allen Menschen vergönnt sein und wirklich glücklich und zufrieden dürften wir alle erst sein, wenn Sicherheit und Unbeschwertheit für jeden Menschen auf der Welt garantiert wären. Utopie hin oder her, ich wünsche mir diesen Zustand schon immer und ich gebe die Hoffnung nicht auf. Viel beigetragen habe ich sicherlich nicht, aber ich möchte wenigstens verstehen und mitfühlen können, das schulde ich der Mitmenschlichkeit, deren Empfinden uns doch alle auszeichnet.

Ich bin so aufgeregt, hoffnungsvoll und gespannt, was mich erwartet. Ich werde berichten.