Mut

Alles im Leben beginnt mit Mut. In die Welt zu gehen, jeden Tag, und das Beste aus sich und dem Leben zu machen, für andere Menschen da zu sein, das Leben zu genießen, stark für sich und Andere zu sein, Erfahrungen zu machen, Veränderungen zuzulassen und herbeizuführen und dem Schicksal die Stirn zu bieten.

Was letztlich aber am meisten Mut fordert, ist die Liebe. Denn die Liebe ist kein Spiel ohne Gewinner. Sie das wertvollste Geschenk, das uns Gott oder das Universum macht. Sie ist die Kraft, die alles bewegt, alles verändert und gleichzeitig alles zusammenhält. Einen Menschen zu lieben, bedeutet alles ertragen zu wollen, alles in Kauf zu nehmen, jedes Gefühl und offen zu sein für das Leben und gegenüber allem, was das Leben für uns bereithält.

Liebe bedeutet leben. Und da das Leben kein Spiel ist, braucht es auch keine Verlierer und Gewinner. Nur Menschen, die mutig sind, Mensch zu sein und zu lieben.

Das Ende, der Anfang und die Zeit zwischen den Jahren

Licht brach sich Bahn zwischen den schwer mit Schnee bedeckten Ästen der Weiß-Tannen. Sie standen wie Zeugen still und unverwüstlich. Die Sonnenstrahlen ließen die mikroskopisch kleinen Kristalle auf den Fußabdrücken im Schnee tanzen. Das Netz aus kleinen und großen Abdrücken wurde aus alten und neuen Wegen gebildet, die sich schlängelten, kreuzten und zusammen- sowie auseinanderführten. Kein menschlicher Ton war zu hören. Hier konnte die Natur ihrem Wesen nachgehen, wild wuchern, sich ausbreiten und gedeihen. Welch Paradoxon, ging es ihr durch den Kopf. Die meisten Menschen kamen regelmäßig auf den Friedhof, um die Gräber vom Wildwuchs zu befreien. Auf der Oberfläche Ordnung zu schaffen schien das höchste Ziel, wenngleich jeder Angehörige wusste, dass das Chaos, bestehend aus Verwirrung, Wut und Wahnsinn, nie zu bändigen sein würde. Sie dachte an Heuchelei. Letzten Winter hatte es so häufig und intensiv gestürmt, dass der Schneeregen unbarmherzig jede Grabverzierung, jedes Gesteck aus Tannen und Kerzen, erst hinweggefegt und dann bedeckt hatte, sobald man es aufgestellt und die schützenden Hände entfernt hatte. Nichts bleibt an seinem Ort, dachte sie. Die Vorstellung von der Zukunft kann realistisch sein, detailgetreu, ehrlich und philanthropisch. Dennoch findet Bewegung statt, in den Köpfen der Menschen und im Leben selbst. Wozu sich dann immerzu Gedanken machen, dachte sie und lächelte obgleich ihres Geistes, den sie in diesem Moment liebevoll aus der Distanz betrachtete. Fortschritt ist gut, überlegte sie. Fortschritt im buchstäblichen Sinne. Sich weiter auf den Weg machen. Sie hatte Pläne gemacht für dieses Jahr. Eine Reise mit dem Schiff, einen Kurs im kreativen Schreiben, regelmäßige Besuche ihrer Eltern, eine Umschulung, eine kleinere Wohnung. Noch sieben Tage, bis sie sich eingestehen musste, dass sie sich erfolgreich gegen das Voranschreiten des Lebens gewährt hatte. Zum dritten Mal stand sie nun an diesem Erinnerungsort vor dem Jahreswechsel, blickte auf ihre vor dem Oberkörper gefalteten Hände und fragte sich, ob es Zeitschleifen gab. So wie in dem Film Täglich grüßt das Murmeltier. Was würde sie tun, wenn die Zeit zwar weiter von Tag zu Tag voranschreitet, aber in beschränkten Bahnen? In einem Zyklus von genau 365 Tagen? Dann müsste sie die Verantwortung nicht mehr tragen, sondern könnte sie guten Gewissens an eine höhere Macht abgeben, was sie ohnehin schon tat.

Wie jeden Dienstag hörte sie Schritte, die ihr mittlerweile vertraut waren und sah links herüber dem Hut entgegen, der, dicht ins Gesicht gezogen, getragen wurde von einem grauen Mantel und schicken schwarzen Lederschuhen, die sich im Wiegeschritt auf ihr Ziel zubewegten. Sie fragte sich, warum er diesen Aufzug wählte. Nicht nur zu Festtagen. Er musste ausschließlich mit dem Reinigen seines Mantels und dem Putzen seiner Schuhe beschäftigt sein. Er zog, wie jede Woche, den Hut als er sie sah. Sie zuckte innerlich zusammen, gab sich aber einen Ruck und hob ihre linke Hand zum Gruß. Sie sah ihm nach, als er um die Ecke gewandert war. Verbündete im Geiste waren sie. Auch wenn sie die Fakten seines Lebens nicht kannte, erkannte sie sich in ihm wieder. In dem Drang, das Vergangene zu schützen. Wie viele Jahre mochte er diesen Platz schon aufsuchen? Wie viel Zeit war verstrichen, verschenkt, seitdem ihre geliebten Menschen gestorben waren? Sie wusste, dass sie ein Verbrechen beging. Sie war sich ihrer Schuld bewusst. Sie verschenkte Lebenszeit. Ein Wind kam auf und sie zog den Kragen ihrer Jacke über die Ohren. Sie blickte einen stillen Moment auf die Schneerose, die der Kälte mit erstaunlichem Willen trotzte. Die kleine Blume reckte tapfer ihre weißen Blüten gen Himmel der Sonne entgegen. Da spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie erschrak und drehte sich der Hand entgegen. „Fröhliche Weihnachten“ sagte er. Entgeistert erwiderte sie „Gleichfalls Fröhliche Weihnachten“. „Ich dachte mir, es wäre an der Zeit, Ihnen beiden einen Besuch abzustatten.“ erklärte er. „Uns beiden?“ fragte sie irritiert. „Ja, Ihnen und Ihrem Mann.“ Sie blickte innerlich über die Schulter auf den Grabstein. „Wissen Sie, meine Frau hat immer viel Wert auf ihr Äußeres und ihre Kleidung gelegt. Ich wiederum bin eher der Freizeitlook-Typ.“ Mit einem Lächeln sagte er dies, was sie dazu veranlasste, ihm ein kleines Lächeln zu schenken und zu sagen: „Das sehe ich!“ Er grinste sie an. Da fiel ihr auf, dass er jünger war, als sie gedacht hatte. Sie fragte „Woher wissen Sie, für wen ich hier bin?“ „Ich glaube, dass wir nicht um unserer Liebsten Willen hier sind. Wir sind für uns hier. Weil wir Versprechen halten wollen, weil wir Dinge besser machen wollen als früher, weil wir treu sein wollen und wir Angst haben zu vergessen.“ Seine ausführliche Antwort gab ihr mehr Rätsel als Antworten auf. Sie schaute ihn kritisch an und gab zur Antwort „Es ist leicht, eine abstrakte Antwort auf eine unangenehme pragmatische Frage zu geben, der man ausweichen will.“ Er lachte laut auf und erwiderte: „Ich habe Ihre konkrete Frage zum einen nicht beantwortet, weil Sie die Antwort bereits kennen. Ich habe mir den Grabstein Ihres Mannes angeschaut. Zum anderen beinhaltet Ihrer Frage eine weitreichende Intention. Sie wollen wissen, warum ich mich dafür interessiert habe, wen Sie hier besuchen.“ Sie blickte beschämt auf ihre Hände, erinnert sich daran, wer sie gewesen war und sagt: „Ja, vielleicht habe ich mich das gefragt.“ „Die Antwort ist dieses Mal simpel. Ich wollte Sie gerne fragen, ob sie Lust hätten, einen Kaffee mit mir zu trinken.“ fragte er vorsichtig. „An Weihnachten?“ wunderte sie sich. „Trinken Sie zu Weihnachten lieber Tee?“ tastete er sich behutsam vor. Wieder musste sie schmunzeln. Dennoch gab sie im barsch zur Antwort: „Und dann reden wir über unser beider Schicksal und bemitleiden uns gegenseitig?“. Dieses Mal verengten sich seine Augen. „Nein. Wir könnten zum Beispiel über die Schneerosen auf dem Grab Ihres Mannes und die Orchideen auf dem Grab meiner Frau sprechen. Vielleicht haben Sie einen Tipp für mich, wie ich verhindern kann, dass sie ständig kaputtgehen.“ Dieses Mal lächelte sie wieder. „Orchideen sind keine Winterblumen. Darum gehen sie ein, wenn man sie bei bitterer Kälte nach draußen stellt“ erläuterte sie. „Sehen Sie.“ sagte er erfreut, „Sie können mir viele hilfreiche Hinweise geben und dafür würde ich Ihnen den Kaffee oder Tee ausgeben.“

Sie zögerte. Ihr Blick wanderte über das Wegenetz aus glitzernden Fußabdrücken. Ihre Wege hatten sich heute das erste Mal gekreuzt. Vielleicht, dachte sie, könnte dies der Anfang des Fortschritts sein. Vielleicht würde sie nächstes Jahr berichten können, dass sie sich ein kleines Stück in Richtung Zukunft bewegt haben würde.

„Ich würde einen Eistee trinken.“ erklärte sie entschlossen. Er schaute verwundert, nickte dann aber. Parallele Fußspuren zogen sich von dem Grab ihres Mannes zum Grab seiner Frau, stellte sie fest und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön es war, dass Verbündete im Geiste Spuren im Schnee hinterlassen können.

Sonnenallee

Herbstlaub rauschte auf der Straße. Mützen wanderten wohin das Auge reichte. Menschen huschten von einem Hauseingang zum nächstgelegenen wie Ratten in der Dunkelheit, um sich vor der steifen Nordbrise zu schützen. Es war wie eine Reise, auf die sich niemand freiwillig begeben wollte. Die Kälte erbarmte sich seit Tagen nicht, die Hoffnung auf einige sonnige Spätherbsttage verblasste unter der Neonbeleuchtung, die nun bereits am späten Nachmittag die Sonnenallee in ein Meer aus unnatürlichem Schein tauchte. Wenn er an diesen Tag gedacht hatte, an dem er zurückkehren würde, wie es sich anfühlen würde, dann hatte er stets die Sonnenstrahlen auf seinen Armen gespürt, hatte die sirrend heiße, stickige und dickflüssige Großstadtluft während des Einatmens in seinen Lungen gespürt. In seiner Vorstellung hatten Kinder an der Bushaltestelle Lärm aus ihren Boxen ertönen lassen, den er nicht zuordnen konnte, hatten die Bewohner seiner Heimatstadt bauchfreie Tops getragen, die alles entblößten, was die Tattoo- und Narbenkunst zu bieten hat. In seinen Gedanken war er unzählige Male zurückgekehrt, ohne es zu wollen. Sein Geist hatte dieses Spiel in unbedachten Momenten mit seinem Bewusstsein gespielt, so oft, dass ihm diese Version der Ereignisse falsch, sogar unwahr und wie ein Betrug vorkam. Sie war gegangen und mit ihr der Sinn in allem Sein. Die mit Graffiti kunstvoll verzierten Rollläden ihres Geschäftes hatten sich seither keinen Zentimeter bewegt, dessen war er sich sicher, als er einen Moment im eisig peitschenden Wind ungeschützt vor der Hausnummer 49 stehen blieb. Er entließ mit seinem Atem alle Erinnerungen an den Tag im vergangenen Sommer, an dem er vergebens in seiner Mittagspause durch die Straßen gehetzt war, um sie zu sehen, denn wenn er wie gewöhnlich zu spät am Abend von der Arbeit kam, hatte ihr Café schon geschlossen. Ihm war die Reise auf den Hauptschlagadern der Stadt binnen einer Stunde von Charlottenburg nach Neukölln und wieder zurück wie ein Wimpernschlag vorgekommen. Er hatte nicht ein einziges Mal daran gezweifelt, ob diese Fahrt es wert sein könnte. Wenn er sie hinter dem Tresen erblickte, lösten sich noch die tiefsten rationalen Grundfeste seines Daseins auf. Auf den grau an grau gestapelten Latten prangte das Logo des Cafés. Ein Kaffeebecher, in dessen Mitte sich ein Einhörnchen befand, das den Betrachter blöd angrinste. Wer denkt sich so etwas aus? dachte er. Eine Mischung aus einer hübschen Ratte und einem gehypten Fabelwesen? Er schüttelte den Kopf, fuhr sich mit der rechten Hand durch sein Haar, drehte dem Café den Rücken zu und und lief los, ohne ein Ziel zu haben. Er hatte gelesen, dass Eichhörnchen zu den Tieren gehörten, die man als Kulturfolger bezeichnet. Wie passend, sinnierte er, dass eben dieses Tier nun auf dem Kaffeebecher, dem Symbol des kulturvierten Großstädters, als Abbild, Götzenbild verewigt worden war. Er hatte sich eine gänzlich andere Ewigkeit gewünscht. Der scharfe Wind lies nach. Die Wolkentürme ragten nun fast bewegungslos über den Häuserdächern empor. Vor ihm das U-Bahn-Schild mit der Aufschrift Sonnenallee. Ein Wimpernschlag, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Er blickte nach rechts, sein Blick fiel auf die Dönerbude. Ein Stück Heimat könnte das Fernweh, das wie ein Fieber ausgebrochen war und sich in seinem Körper ausbreitete, betäuben. Als er die Tür aufschob, begrüßte ihn der vertraute Geruch nach zu altem Fett wie ein alter Freund, dessen Namen er vergessen hatte. Er bestellte eine Falafel mit Salat. Der Mann hinter der Theke fragte: „Scharf?“, „Ja, bitte.“, gab er abwesend zur Antwort. „Zum mitnehmen?“ folgte auch sogleich die zweite Frage. „Haben sie einen Geist gesehen? lautete die folgende Frage, die ihn aus seinen Gedanken riss. „Wie bitte?“ „Naja, ob sie ein Gespenst gesehen haben, wollte ich wissen?“ Der Mann hinter der Theke grinste ihn breit und mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich, nein, wie kommen Sie denn darauf?“ „Ich weiß es nicht, sie sehen eben verwirrt aus, auch auf dem Kopf.“ Wieder lächelte der Mann, nahm das Geld entgegen, das ihm über der Theke gereicht wurde, und wendete sich der Fritteuse zu, in der goldgelbe Fritten brutzelten. „Entschuldigen Sie bitte…“ Hob er zu einer Frage an: „Kennen Sie das Café in der Treptower Str. 49?“ Der Mann drehte sich um, blickte ihn verständnisvoll an, lächelte wieder, dieses Mal zaghafter, sanfter. „Jawoll, Wunderland, das kenne ich. Besser gesagt, ich kannte es, denn es hat seit geraumer Zeit geschlossen.“ Pause. „Wir vermissen sie alle sehr. Im Sommer hat sie den Nachbarskindern heimlich Kekse zugesteckt und dabei immer ein strahlend helles Lächeln im Gesicht gehabt.“ Er stand auf, die Falafel lag perfekt eingewickelt in Alufolie auf dem Tresen. Er sah nicht zur Theke, er schob die Tür erneut zur Seite, trat in das blendend hartweiße Licht und bewegte sich erst langsam, dann immer schneller Richtung U-Bahn-Haltstelle. Jetzt rannte er, er bog um die Ecke, stürzte die Treppenstufen zu den Bahngleisen hinauf, sprintete durch den Plexiglastunnel oberhalb der Schienen und sprang in die gelbe Tram, die zur Abfahrt bereitstand. Er blickte nicht zurück. Er dachte an die Sonnenstrahlen, die auf dem Asphalt tanzten, in diesem Sommer, in der Treptower Straße 49. Er dachte an ihr Lächeln, er dachte an sein Lächeln.

Wie werd ich ihn los in 10 Tagen?

Was macht Mann respektive Frau, wenn es Sonntagmorgen 06:30 Uhr ist, man dementsprechend tief und fest schlafen und sich auf ein ausgedehntes Frühstück freuen sollte? Richtig, einen detox Tee kochen, leise durch die Wohnung schleichen und sich überlegen, wie man aus dem Schlamassel herauskommt, der nebenan selig im eigenen Schlafzimmer schläft und schnarcht. Ich komme mir gerade vor wie Carrie Bradshaw und habe sicherheitshalber im Fenster nebenan Spiegel online geöffnet, damit ich schnellstmöglich switchen kann, falls sich etwas im Nebenzimmer regen sollte. Eine Kolumne über das Beziehungs- und Lifestyle-Leben in New York zu schreiben, hat sicherlich seinen Charme und ich würde niemals leugnen, dass wir nicht alle, die wir heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, viel von Carrie und Co. gelernt haben, aber dennoch komme ich mir gerade vor wie im falschen Film.

Das Ganze fing eigentlich recht harmlos vor zwei Monaten während eines Abendessens bei einer guten Freundin an. Ich war gerade aus Irland zurückgekommen, voller Energie und Tatendrang und beseelt von vielen imposanten Eindrücken und dem Gefühl der Unabhängigkeit, nachdem ich ein kleines Road Trip-Abendteuer auf der grünen Insel erleben dürfte. Die Zeit alleine hatte viel Raum für das Kreisen der Gedanken gelassen und ich konnte Prioritäten setzen und im Geiste Pläne schmieden, was mir ein enormes Gefühl der Befriedigung verschafft hat. Dass ich an diesem besagten Abend jemanden kennenlernen könnte, ist mir nicht im entferntesten in den Sinn gekommen und gehörte auch mit Nichten zu meinen Plänen, was so unglaublich typisch für mich ist. Drei Wochen und drei Dates später fand ich mich dann in der Wohnungen des schlafenden Gastes mit der Frage konfrontiert, was ich eigentlich von Freundschaft plus halten würde. Nicht wirklich viel um ehrlich zu sein, wobei ich mir damals sicher war, dass kein Zwang bestünde, dem Kind einen Namen zu verleihen. Der Ansicht bin ich auch immer noch, jeder Sache ein Etikett zu verleihen ist auch nicht immer zuträglich, keine Frage. Die Erfahrung, die ich bis dato noch nicht machen dürfte, ist allerdings eine wahre Herausforderung, nämlich sich näher mit einem Menschen auseinanderzusetzen, der mitten in einer dicken fetten Midlifecrisis steckt. Das Ergebnis? 39, Herzchirurg, Heirats- und Kinderwunsch und Bindungsängste. Seitdem stecke ich zwischen diesem ganzen Wirrwarr und habe gerade das Bedürfnis die Zeit zurückzudrehen und alles auf Anfang zu setzen. Ich kann dieses Paket im Moment so gar nicht gebrauchen. Etwas unbeschwertes, unkompliziertes wäre nett gewesen und vermutlich auch das, was ich brauchen könnte. Stattdessen scheint es eine Art Aufgabe zu sein, die mir das Schicksal auferlegt hat, auf Menschen zu treffen, die ein beachtliches Päckchen mit sich herumtragen und auch keinen Hehl daraus machen. Fast schon unverschämt offen und direkt sehe ich mich konfrontiert mit diffusen Frauengeschichten, gescheiterten Beziehungsversuchen und unsteten Pläne eines attraktiven Mannes, der gerade dabei ist, sein Leben neu zu ordnen und mehr Baustellen als Land unter den Füßen hat. Ich kenne dieses Gefühl zwar selbst mehr als gut, aber ich haue keinen beinahe fremden Menschen alle meine Probleme nonstop um die Ohren. Zwischenzeitlich komme ich mir vor wie Kate Hudson, die Matthew McConaughey verzweifelt versucht loszuwerden und andersherum.

Natürlich könnte ich einfach einen Schlussstrich ziehen, mich nicht mehr melden, sogar ohne eine tiefgreifende Erklärung abzugeben, aber mein Helferkomplex lässt das nicht ohne weiteres zu. Eine kleine Vertrauensbasis ist ebenfalls bereits geschaffen, sodass ich mich schon wieder in eine Geschichte verstrickt sehe, von der ich jetzt schon weiß, dass sie kein gutes Ende nehmen wird. Es ist zudem äußerst erschreckend, dass meine und die Erfahrungen meines näheren Umfeldes die Vermutung nahe legen, dass an der Generation Beziehungsunfähig doch etwas wahres dran sein könnte. Ich frage mich nur, warum uns alle der Mut verlassen hat, sich auf etwas einzulassen. Sind wir alle zu oft und zu tief verletzt worden? Wollen wir uns nicht binden, weil wir glauben oder hoffen, etwas noch besseres zu finden? Sind wir auf der Suche nach dem einen Seelenverwandten oder ist es schlicht das schier unerschöpfliche Angebot, das uns zweifeln und unverbindlich werden lässt?

Für meinen Teil weiß ich sicher, dass ich nicht die treibende Kraft in diesem speziellen Fall sein werde, die zuversichtlich und initiativ die Werbetrommeln für eine gemeinsame Zukunft rühren wird. Ich wünsche mir, dass diesen Job der Mann übernimmt. Nicht, weil ich keine Verantwortung übernehmen möchte oder keinen Mut aufbringen kann, sondern weil ich mir erhoffe, dass es dort draußen noch Männer gibt, die sich entscheiden können, die keine Angst haben, etwas zu verpassen und die den Wert erkennen, der sich hinter meinem Vertrauen, meiner Ehrlichkeit und meiner Ernsthaftigkeit verbirgt.

Ich kann nicht jeden retten, eine Lektion, die ich in den letzten Monaten auf bittere Weise lernen musste. Auch wenn ich vielleicht nicht selbst gerettet werden muss, möchte ich doch von einem Mann vollen Einsatz erleben und mir sicher sein, dass er mit Zuversicht und allen guten Vorsätzen in die Zukunft schaut und sich ohne zu zögern für mich entscheidet.

Jetzt müsste ich nur noch den Hintern hoch bekommen und all das meinem schlafenden Gast verständlich machen. Er wird dann vermutlich entscheiden, ob er beim nächsten Besuch eine Zahnbürste mitbringt oder aber das Weite sucht ;).

 

Vergebung

Eine schwere Lektion und dennoch so wichtig, um die Seele und das Herz zu erleichtern. Sicher fällt es am schwersten sich selbst du vergeben. Heute möchte ich den Versuch unternehmen, mir für eine der größten Nachlässigkeit zu vergeben. Der Unverantwortlichkeit mir selbst gegenüber.

Sinnsuche funktioniert nicht nach dem Prinzip der analytischen Selbstreflexion. Ich bin dem Trugschluss erlegen, dass ich die Antworten auf meine Frage erhalte, weil ich die Fragen stelle. Dies ist allerdings gar nicht der Fall. Kennt ihr das Sprichwort, dass es gar nicht so sehr auf die Antwort ankommt, sondern vielmehr auf die Frage? Und man darf nicht schummeln, indem man die Frage zur gesuchten Antwort macht. Ich wollte wissen, wer ich bin und wer ich sein kann. Erfahren habe ich, was ich für mich nicht bin. Das ist wohl Ironie des Schicksals oder aber des Universums. Ich habe gelernt, dass ich mir nicht genug Bedeutung zugeschrieben habe, um mich und meine Bedürfnisse und meine Träume, Hoffnungen und Wünsche, die mich seit so vielen Jahren begleiten, wirklich ernst und für wahrhaft zu nehmen. Immerzu habe ich meine Ziele mit Luftschlössern gleichgesetzt, mich belehren lassen, indem ich geglaubt habe, wenn die Menschen mir gesagt haben, ich sei nicht standhaft, sondern sprunghaft und deshalb seien meine Träume nicht von Dauer, es sei verschmerzbar, wenn ich meine Träume jetzt nicht verwirklichen könne und ich solle prüfen, ob es sich um Hirngespinste handele oder sich meine Wünsche und Hoffnungen in Schall und Rauch auflösen, wenn ich eine Zeit lang abwarte. Ich habe mich ausbremsen lassen, durch die scheinbare Vernunft, den Verstand, der über Herz und Herzensangelegenheiten obsiegt. Ich habe nicht auf meine Intuition gehört, sondern den Erwartungen meiner Mitmenschen und dem guten Ton sowie der Konvention entsprochen.

Heute weiß ich, dass ich mir in den vergangenen Jahren auf den unterschiedlichsten Ebenen und den verschiedensten Lebensbereichen mehr Wert hätte sein sollen. Ich hätte mich nicht von mir selbst wegtreiben lassen dürfen durch das Urteil anderer, die stellvertretend für mich, sicher mit guten Absichten, für mich entschieden haben, was das Beste ist und woran ich festhalten und wofür ich kämpfen soll. Ich gebe gerne Entscheidungen ab, weil ich immer gedacht habe, ich würde mich schwer damit tun Entscheidungen zu treffen, weil die Konsequenzen unabsehbar sind und ich nicht bereit bin, diese in Verantwortung zu tragen.

Dieses mentale Konzept entspricht aber nicht der Realität, denn Realität ist nicht objektiv und unverrückbar. Ich kann einen großen Teil konstruieren und auf mich und meine Bedürfnisse abstimmen, kreativ werden und mein Leben gestalten.

Es war eine große Überraschung für mich festzustellen, dass ich sehr wohl in der Lage bin, Entscheidungen mit einem guten Gefühl zu fällen. Ich bin mir selbst verpflichtet, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und achtsam zu sein. Ich habe mich selbst vernachlässigt und das Leben und die Träume Anderer gelebt, die ich liebe und geliebt habe und die ich auf diese Weise glücklich machen wollte. Jetzt ist es an der Zeit mich selbst glücklich zu machen und zu lieben, aufrichtig, irgendwann.

Von kleinen Prinzen und großen Träumen

Wie weit ist es eigentlich gekommen, wenn 5 Euro während des Toilettengangs aus Versehens ins Klo fallen und ich mir währenddessen Gedanken darüber mache, dass es sich bei diesem Versehen vermutlich um Umweltverschmutzung handelt, die ich ansonsten tunlichst versuche zu vermeiden?

Wieviel Wert 5 Euro für mich und andere Menschen auf der Welt besitzen, soll allerdings hier kein Thema sein. Es geht eher um die Symptomatik. Es geht darum, wie entrückt Gedankengänge sein können. Wie sich die Perspektive auf die Dinge ändert, wenn man sich monatelang viele Stunden am Tag Gedanken um existentielle Fragen des Lebens gemacht hat.

Wer bin ich? Was möchte ich im Leben erreichen? Wie sieht mich meine Umwelt? Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? Wie kann ich das Beste aus mir herausholen? Welche Rolle spielen alte und neue Freunde in meinem Leben? Ist es zu viel verlangt, glücklich sein zu wollen oder geht es mir eher um eine innere Zufriedenheit, um Ruhe, Einkehr, Besinnung? Muss ich mich ändern, um Altes hinter mir zu lassen usw.?

Viele von euch haben die Blockeinträge der letzten Monate verfolgt und Anteil genommen an meinem Schicksal, das kein schlechtes ist. Ganz im Gegenteil eigentlich. Geredet habe ich allerdings immer über dasselbe Thema, nämlich die Liebe. Genauer gesagt, über die unerfüllte oder unerwiderte Liebe und den Schmerz, die Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber diesem schier übermächtigen Gefühl. Auch das ist symptomatisch. Ich habe verzweifelt nach Erfüllung, Bestätigung, Anerkennung oder was auch immer gesucht. Ich wollte geliebt, gebraucht und geschätzt werden. Warum ist offensichtlich. Zumindest seit kurzer Zeit habe ich einen Erklärungsansatz dafür gefunden. Ich bin scheinbar nicht im Stande gewesen, mich selbst zu sehen. Das ist eine harte Erkenntnis, zumal ich meinen Mitmenschen stetig predige, dass es sich dabei um die Grundvoraussetzung handelt, um andere Menschen lieben zu können. Es war mir scheinbar nicht bewusst, dass ich über das Hin- und Herwenden der vielen Gedanken und der Reflexion mich selbst vergessen habe. Nicht im Sinne von, dass ich mir selbst keine Beachtung geschenkt habe. Ganz im Gegenteil, ich habe in meinem Leben noch nie so viel und so lange und soooooo intensiv über mich und mein Leben nachgedacht. Aber ich habe über die Beleuchtung meiner inneren Verfassung scheinbar vergessen, wer ich eigentlich schon bin. Ich bin hart mit mir ins Gericht gegangen und gleichzeitig in Selbstmitleid versunken. Die letzten Monate gehören mit Sicherheit zu den anstrengendsten, die ich erleben dürfte. Was das zeigt, ist Folgendes: Ich habe in meinem Leben unfassbares Glück gehabt, mir geht es gut und ich muss mich mit verschwindet geringen Problemen auseinandersetzen, wenn ich meine Probleme in eine verhältnismäßige Relation zu Lebensumständen und Schicksalen anderer Menschen setze.

Es war schwer zu erkennen, sich einzugestehen, dass dem so ist. Ich hätte nie gedacht, dass diese naheliegende Erkenntnis so weit entrückt werden könnte, sodass ich alle in meinem Leben vorhandenen und nicht vorhandenen Aspekte der Existenz hinterfragt habe, verzweifelt nach Erklärungsansätzen für scheinbar fehlende Elemente gesucht und mich wahnsinnig versteift und verstellt auf die Suche nach einem Sinn gemacht habe. Ich habe tatsächlich kurz verlernt das Gute zu sehen oder es in den kleinen und großen Dingen zu erkennen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Wie man sich doch täuschen kann.

Ich habe versucht, mein Leben neu zu definieren, Entscheidungen zu überdenken und Prioritäten neu zu setzen. Begriffen habe ich allerdings nicht, dass es vielleicht sinnvoll wäre auch eine Bilanz dahingehend zu ziehen, was bereits wertvoll in meinem Leben und für mein Leben ist, anstatt ständig über Aspekte zu stolpern, die noch fehlen oder unwiederbringlich verloren sind. Zeit bekommt der Mensch geschenkt, jedoch nur ein einziges Mal. Diese Zeit zu nutzen, zu genießen, dankbar zu sein und Menschen und Erinnerungen wertzuschätzen, sind kleine, aber wichtige Ziele, die ich anstreben möchte. Den Hang zur übermäßigen Selbstreflexion werde ich wohl nie gänzlich abschütteln, aber bestimmt eindämmen können. Die Basis zu akzeptieren, das Grundgerüst meines Charakters und meine Erfahrungen zu respektieren, sind erste Schritte, die es gilt zu machen, um wieder zu mir zurückzufinden. Ich habe die ganze Zeit nach etwas gesucht, ohne zu ahnen, dass es bereits gegeben ist. Sicherlich bin ich nicht perfekt, sicherlich ist mein Leben nicht perfekt. Das ändert aber nichts daran, dass ich mein Leben liebe und die Menschen darin. Das ist nicht bescheiden oder demütig noch reumütig. Es ist eine Tatsache, auf die ich stolz sein sollte und über die es sich zu freuen gilt. Veränderungen werden sich von alleine einstellen, mit der Zeit kommt hoffentlich auch wieder der gute und nicht nur der selbstkritische Rat sowie die Intuition zurück. Ich habe mir vorgenommen, mich locker zu machen.

Die Lebensphilosophie, die der Fuchs dem kleinen Prinzen mit auf den Weg gibt ist diese:

„Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Ergo: Es lohnt sich, die Weisheit auch auf die Selbstwahrnehmung anzuwenden.

Also liebe …, einen schönen, sonnigen Frühling wünsche ich dir!

Wieder Abschied nehmen

Wie gut es tut, sich richtig zu streiten. Natürlich unter der Prämisse, dass die Basis nicht ins Wanken gerät. Streitkultur ist nicht nur auf globaler Ebene wichtig für die Demokratie und die politische Partizipation sowie die gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch auf der persönlichen Ebene. Um auf den berühmten gemeinsamen Nenner zu kommen, ist oftmals eine intensive Auseinandersetzung über persönliche Ansichten, Ängste und Grenzen erforderlich. So sehr ich Harmonie zu schätzen weiß, so wichtig bleibt mir dennoch der ehrliche und aufrichtige Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen, auch wenn das bedeutet, dass zuweilen Funkstille herrscht.

Doch was passiert, wenn keine Partei bereit ist, den eigenen Stolz beiseite zu lassen, um den Kontakt wieder aufzunehmen? Wenn die Situation so prekär oder die Meinungsverschiedenheiten so unüberwindbar scheinen, dass nach dem Sturm keine Einigung erfolgt, keine Annäherung mehr möglich ist?

Noch schlimmer, was passiert, wenn keine Zeit mehr bleibt, um sich wieder zu vertragen? Wenn wir vor die Tatsache gestellt werden, dass der Mensch, mit dem wir keinen Kontakt mehr haben, aus dem Leben gerissen wird?

In meiner Familie hat es diesen Fall gegeben. Und was jetzt bleibt ist nicht nur Fassungslosigkeit und Trauer, sondern auch unbändige Wut darüber, dass man nicht früher gehandelt hat. Jeder Tag hätte der Tag sein können, an dem man zum Telefonhörer greift und den ersten Schritt macht. Natürlich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Wohlwissend, dass dieser Versuch auch nach hinten losgehen kann und man nichts erntet außer einer Abfuhr oder Schweigen. All dies scheint mir jetzt eine verschwindend geringe Gefahr zu sein im Angesicht der Tatsache, dass ich keine Möglichkeit mehr haben werde zu erfahren, was passiert wäre. Wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte zu bemerken, wie viel Zeit vergangen ist, dann müsste ich jetzt nicht damit leben einen lieben Menschen verloren zu haben, dem ich nicht mehr sagen konnte, wie dankbar ich ihm für alles gewesen bin, was er getan und bewirkt hat.

Hätte ich mir nicht nur Zeit genommen, sondern mich ernsthaft mit der Perspektive dieses Menschen auseinandergesetzt, dann hätte ich wohl nicht nur mir Leid erspart, sondern auch meinem Gegenüber, darüber bin ich mir bewusst und mit dieser Schuld muss ich jetzt leben.

„Jetzt ist es zu spät“. Und wieder Mal erhält eine sprachliche Wendung eine erweiterte persönliche Bedeutung für mich. Es ist nun nicht mehr nur zu spät, um noch pünktlich zu kommen oder zu Abend zu essen, sondern es ist gänzlich zu spät. Der Zeitpunkt kommt nie wieder zurück, nicht morgen, nicht nächste Woche und auch nicht nächster Jahr. Ohnmacht ist ein nahezu unerträglicher Zustand. Wenn ich mich nicht so wichtig genommen hätte, dann hätte ich die Macht besessen, etwas zu ändern, präventiv und umsichtig zu handeln. Ich habe eine entscheidende Chance im Leben verpasst. Mal wieder. Dabei war ich der Überzeugung, ich hätte meine egozentrische Seite im Griff. Schade. Sehr schade sogar.

Was bleibt ist in diesem Zusammenhang nicht viel. Es ist nur gerecht, dass ich nun machtlos zurückbleibe. Ich hätte Verantwortung übernehmen können und habe aber die Resignation, den Stolz und die Bequemlichkeit sowie das Vergessen gewählt. Diese Entscheidung fordert nun ihren Tribut. Das hätte ich wissen müssen. Man kann eben scheinbar doch nicht alles in Gänze bedenken und weiterdenken und zu Ende denken. Mensch sein ist nicht leicht.

Liebe ist …

Diese Aussage können wahrscheinlich die Meisten ohne zu zögern vervollständigen. Jeder hat seine Erfahrungen gesammelt und vielleicht beantwortet der Eine oder die Andere diese Frage heute anders, als er oder sie es vor einigen Jahren noch getan hätte, mich eingeschlossen. Liebe hat viele Facetten, Liebe wächst und gedeiht, verändert ihre Gestalt und kann auf ganz unterschiedliche Weise erfahren und gelebt werden. Soweit so gut.

Was sagt es aber über einen Menschen aus, wenn er die Liebe als Spiel ohne Gewinner bezeichnet? Was soll das bedeuten? Versteht mich bitte nicht falsch, die Metapher kann ich durchaus entschlüsseln. Ich finde sie nur so unfassbar unpassend gewählt. Die Liebe mit einem Spiel zu assoziieren ist sicherlich zutreffend. Denn es geht in der Liebe häufig darum, einen hohen Einsatz zu zahlen, Mut zu haben, bereit zu sein, ein Risiko einzugehen, aber wieso geht dieser Mensch, von dem diese Aussage stammt, davon aus, dass es nur Verlierer geben kann. Auch hier kann ich natürlich nachvollziehen, dass sich diese Ansicht vermutlich aufgrund schlechter und trauriger Erfahrungen manifestiert hat. Schon klar. Aber welches Spiel spielt irgend jemand auf dieser Welt, bei dem es nur Verlierer geben kann. Es geht doch gerade darum, den Ehrgeiz zu haben, ein Spiel zu gewinnen. Dabei kann man Strategien entwickeln, Taktiken ausprobieren, trainieren und besser werden. Oder aber man genießt einfach den Mehrwert des Spielens, nämlich Zeit mit Freunden oder der Familie zu verbringen. Auch im Sport treibt die Spieler die Motivation an, über sich hinauszuwachsen, zu gewinnen und Ruhm und Ehre einzuheimsen. Aber: Wenn die Liebe ein Spiel ohne Gewinner sein soll, dann möchte a) keiner mitspielen und b) handelt es sich per Definition um kein Spiel mehr. Es geht dann meines Erachtens nach doch mehr um die Vortäuschung falscher Tatsachen. Dann kleidet man die Liebe in ein Gewand, das ihr nicht passt und nicht steht.

Ich rede mich hier gerade um Kopf und Kragen und das weiß ich auch, aber die Frage am Anfang bleibt die gleiche. Wie kann die Liebe als Spiel ohne Gewinner wahrgenommen werden, wenn sie die existentiellste Kraft auf Erden ist, alles und jeden bewegt und berührt und das schafft, was sonst nichts und niemand bewirken kann. Die Menschen haben Kriege aus Liebe geführt, Städte erobert, Leben gerettet und genommen, betrogen, gelogen, gesiegt. Aber eben aus Liebe und nicht um am Ende als Gewinner dazustehen.

Wenn ihr mich fragt, dann geht es in der Liebe sogar mehr um das Verlieren, als um das Gewinnen. Denn wer liebt, um etwas oder jemanden zu besiegen bzw. zu gewinnen, der hat die Liebe noch nicht erfahren. Für meine Begriffe geht es dann mehr um Sehnsucht oder Begehren, aber nicht um die Liebe. Denn in der Liebe ist man bereit sich zu verlieren, sich hinzugeben, Opfer zu bringen, sich selbst zurückzunehmen, den Anderen gehen zu lassen, loszulassen und Kompromisse einzugehen. Das hat alles wenig mit Taktik oder Strategie zu tun. Es geht dann auch nicht um Kampfgeist oder Ehrgeiz, sondern um Selbstlosigkeit und darum, dass Glück eines geliebten Menschen über das eigene Glück zu stellen.

Wer oder was die Liebe ist, diese Frage kann nur jeder für sich beantworten und erfahren. Aber ein Spiel ohne Gewinner, das ist sie wahrlich nicht.

Aus gegebenem Anlass

Was bringt dir dein Leiden. Ein weiser Satz. Der zuerst völlig paradox erscheint, denn leiden zu müssen, sucht sich sicher niemand aus. Leid wird erfahren, wird zugefügt oder hält das Schicksal bereit. Verständlicher wird der Satz für meine Begriffe erst dann, wenn man Leid von Traurigkeit trennt. Denn diese folgt aus dem Leiden. Über unsere Gefühle haben wir keinerlei Kontrolle, egal wie rational wir veranlagt sind oder wie erfahren wir im Umgang mit Gefühlen sein mögen. Die Gewalt der Gefühle macht ihr Wesen aus, im Glück und in der Trauer.

Was wir allerdings entscheiden können ist Leiden zu beenden. Wir können das Leiden anderer mildern durch Anteilnahme und Trost und Gegenwart. So können wir auch unser eigenes Leiden mildern und schließlich beenden, wenn wir dieses Leid aus einer anderen Perspektive betrachten. Denn die Gestalt des Etiketts dessen, was uns widerfährt und was daraus resultiert und was dies mit uns macht, die entscheiden wir selbst. Es liegt an uns, unser Selbstkonzept zu überdenken, uns zu entscheiden, wer wir sein wollen und wie wir uns selbst sehen und damit bestimmen wir ein Stück weit auch, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Auf diese Weise haben wir die Chance, die Kontrolle zurückzugewinnen. Stück für Stück. Aus dieser Einsicht erwachsen auch neue Möglichkeiten. Wir gewinnen Vertrauen und Sicherheit zurück, wenn wir erkennen, dass wir, egal wie alt wir sind, uns in einer stetigen Entwicklung befinden. Wir treffen Entscheidungen, wir sprechen Dinge aus, wir handeln und wir treten auf. Über all diese Facetten unseres Seins haben wir die Kontrolle, wenn wir bewusst leben. Sicher hat auch diese recht analytische Sicht der Psyche ihre Grenzen, weil wir nicht immer stark sind und weil wir uns nicht immer über jede Sekunde unseres Daseins bewusst sind. Aber an einem Scheideweg haben wir dennoch die Chance, genau diese Erkenntnis einzusetzen und zu wählen, welches Etikett, welche Selbstwahrnehmung, welchen Teil unserer Persönlichkeit wir herausstellen wollen.

Wir schreiben uns ständig zu, wer wir sind und wie wir sein wollen. In jeder unserer sozialen Rollen, in jeder Prüfungssituation und in jedem Gespräch, das an die Substanz geht. Sicherlich brauchen wir Fixpunkte und Kerne unseres Selbstverständnisses, derer wir uns sicher sein können, die gut und schlecht sind, damit wir reflektiert bleiben können. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, dass auch Erwachsene das Recht haben zu entscheiden, wer sie sein wollen. Vielleicht verlieren wir nach der Kindheit und der Pubertät die Motivation, uns immer wieder neu zu erfinden oder ermüden anlässlich der Energie, die es kostet, sich selbst zu hinterfragen und richten uns deshalb in der Fremdwahrnehmung ein, die ja häufig positiv ist, denn Familie, Freunde und Kollegen schätzen uns für unsere Stabilität, unsere Berechenbarkeit und unsere Verlässlichkeit. Erst wenn wir Grenzerfahrungen machen, werden wir geweckt, das Selbst wird bis ins tiefste Mark erschüttert. Genau an dieser Stelle wünsche ich mir, dass wir alle den Mut besitzen, uns auf Neues einzulassen und Altes hinter uns zu lassen.

Ich kann mich jetzt als die Verschmähte betrachten, als die Ausgenutzte, als die, auf deren Herz herumgetrampelt worden ist und die all dies ohne Widerrede oder Widerstand hat über sich ergehen lassen und nun leidet.

Oder ich kann die vergangenen Monate als Erfahrung betrachten, die mich wieder ein Stück weiter gebracht hat, vor allem im Hinblick darauf, welche Menschen in meinem Leben einen Wert besitzen und welche nicht und was vielleicht am wichtigsten ist: Ich bin dem Rätsel ein wenig näher gekommen, wie ich eben dies herausfinde und was mich glücklich macht.

Also lieber …, danke für nichts, außer dem Anstoß zur Selbsterkenntnis.

Freundschaft, Abschied und das Nichts

Jeder kennt das. Abschied nehmen müssen. Egal ob es sich dabei um banale Dinge handelt wie dem wehmütigen Abschied von einer schönen und inspirierenden Reise, an die man sich gerne zurückerinnern wird oder aber gewichtige Abschiede wie der von einem guten Freund, der sich entschieden hat, das nächste Jahr im Ausland zu verbringen oder aber der an einem anderen Platz auf der Welt sein Glück finden möchte. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Und das ist gut so. Denn an eine gute Zeit und tolle Episoden aus unserem Leben oder einer Freundschaft erinnern wir uns gerne.

Anders sieht es aus, wenn wir beschließen, Abschied zu nehmen. Wenn wir ein Kapitel in unserem Leben verlassen, die Tür schließen und nicht mehr zurückblicken. Das sind Abschiede ganz besonderer Art. Sie helfen uns zu vergessen, unangenehme, schmerzhafte Erfahrungen hinter uns zu lassen und etwas Neuem in unserem Leben eine Chance zu geben. Uns neu zu definieren, uns neu zu erfinden, ein besserer Mensch zu werden oder einfach nur wieder frei atmen zu können. Doch was in der Zwischenzeit mit unseren Herzen passiert, darauf sind wir nicht gefasst.

So wichtig der Entschluss sein kann, Vergangenes hinter sich zu lassen, so schwer ist es, durch das tiefe Tal der Trennung und Ungewissheit zu gehen, ohne zu wissen, wann wir wieder Licht sehen, wann es wieder bergauf geht und das Leben wieder beginnen kann, ohne dieses Nichts. Wenn wir uns selbst nicht antreiben können, mit schnellen und selbstbewussten Schritten durch dieses Tal zu gehen, dann ist es tatsächlich der Himmel auf Erden, wenn wir Freunde haben, die diesen beschwerlichen Weg mit uns gehen. Die als Gefährten neben uns wandern, Witze erzählen, uns in die Seite piksen und nicht müde werden uns davon zu überzeugen, dass wir den ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben. Diese Freunde lachen und weinen mit uns, halten uns aufrecht, weisen uns auf Wegmarkierungen hin und feuern uns an, wenn wir die Bergetappe antreten. Sie winken vom Gipfel und spenden uns Trost, wenn uns die Blessuren den Weg erschweren.

Ich kann nicht oft genug Danke sagen für diese Menschen in meinem Leben. Die sich meine Gedanken, Sorgen und Nöte zu ihren eigenen machen. Ohne zu urteilen. Diese Freunde sind einzig darauf bedacht, gangbare Wege sichtbar und die scheinbar unüberwindbaren Hürden zu Herausforderungen zu machen, die mit Einsatz, Kraft und Willen zu meistern sind.