In Frieden leben

Damit ist heute ausnahmsweise nicht nur der Wunsch nach einer heilen Welt da draußen gemeint. Dabei hätte diese Welt mehr als einen innigen Wunsch nach Frieden verdient und benötigt jeden Gedanken an eine bessere und menschlichere Zukunft.

In den letzten Wochen ist mir auf der spirituellen Ebene mehrfach der Gedanken begegnet, dass das Chaos in der Welt unser inneres Chaos widerspiegelt. Das all das Leid, der Hass und die Zerstörung unserer Lebensgrundlage tatsächlich unsere Stimmung, unsere Gefühlslage spiegelt, wundert mich wenig, ich bin nur nicht ganz sicher, wer das Ei und wer die Henne symbolisiert.

Was können wir tun, wenn wir den Frieden verloren haben? Haben wir ihn eigentlich vorher genug vermisst, um ihn jetzt zu betrauern? Wo sind wir hingegangen, womit haben wir uns beschäftigt, dass uns nicht früher der Gedanke gekommen ist, dass sich etwas ganz ganz wesentliches aus unserem Leben verabschiedet hat.

Jetzt tobt ein Sturm in mir, der alles durcheinanderwirbelt, alles aus den Regalen wirft, was nicht festgeklebt ist. Diese Regale haben alle Namen, in ihnen befinden sich Ideen, Hoffnungen, Träume und Erinnerungen. Ihr müsst nicht glauben, dass zuvor Ordnung in den Regalreihen geherrscht hätte. Es soll ja Menschen geben, die zum Beispiel ihre Bücher nach den Farben der Einbände sortieren, oder sogar nach Namen ihrer Autoren. Ich gehöre ganz sicher nicht dazu. Dennoch habe ich immer alles so ziemlich direkt gefunden, wonach ich gesucht habe, weil ich wusste, wo ich es hingelegt hatte, als ich mich das Mal davor mit meinen Sorgen oder meinen Zielen auseinandergesetzt habe. Der Staub auf manchen Regelböden hat mich selten gestört. Wohlwollend bin ich mit dem Finger über die Staubschicht gefahren, habe mir entfernte Fragen noch einmal gestellt, alte Fotos angeschaut. Wenn ich richtig motiviert gewesen bin, habe ich sogar ausgemistet. Für mich ist es leicht, mich von Altlasten zu trennen. Genauso leicht wie neue Schmuckstücke in meine Sammlung aufzunehmen und diese gut sichtbar auszustellen.

Jetzt stehe ich in Mitten des Chaos‘, das der Sturm angerichtet hat. Altes und Neues liegt verstreut und teilweise kaputt auf dem Boden zerstreut herum. Ich kann mich nicht setzen, ich kann diesen Kreis meines Lebens nicht verlassen, der sich unweigerlich vor mir ausgebreitet hat. Was mache ich jetzt mit diesem Dilemma. Fange ich an aufzuräumen? Schiebe ich die Dinge zur Seite und bahne mir einen Weg aus diesem verwüsteten Zimmer? Einfach mal durchatmen? Soll ich mich fragen, wie diese Naturgewalt Einzug in mein Wohnzimmer halten konnte? Warum gerade mich dieses Chaos trifft?

Ich habe immer gewusst, dass Ordnung halten und Staubwischen nur Momentaufnahmen sein können. Es fühlt sich gut an, den Schätzen und Lastern einen Platz zuzuweisen, dann stellt sich das Gefühl der Kontrolle ein und für einen kurze Weile fühlt sich das Leben friedlich an. Ich habe allerdings schon länger das Gefühl, dass dieser Friede sich zwar täuschend echt anfühlt, aber nichts mehr ist als eine Illusion.

Wer hätte gedacht, dass das Leben so heftig ausholen und zuschlagen kann. Wie sich Ohnmacht anfühlt, weiß ich jetzt.

Was tun, wenn die bekannten Strategien nicht mehr ausreichen, um Sinn zu generieren. Wenn wir anfangen müssen, die wirklich großen Fragen zu stellen. Wenn Angst real wird, wenn Hilflosigkeit immanent wird.

Was kann ich tun, wenn es nicht mehr in Australien brennt, aber dafür in meinem Herzen und in meinem Verstand. Wenn ich feststelle, dass ich das Leben, das ich führe, das wir alle führen, nicht mehr will. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich etwas ändern muss und zwar schnell. Die Ordnung hat den Vorhang der Täuschung abgelegt und sich in Verwirrung und Unsicherheit verwandelt. Die vermeintliche Ruhe ist vorbei, auch wenn der Sturm sich gelegt haben mag.

Was jetzt? Frage ich mich. Was tun? Frage ich mich. Weitermachen wie bisher ist in jedem Fall keine Option.

Wer braucht Regale? Wer braucht Ordnung nach Farben? Wer braucht Kategorien? Neu denken, von vorne denken, anders handeln, sich nicht mehr verstecken – ein Anfang?

Ich will nicht in einer Welt leben, in der Menschen Angst davor haben müssen, diskriminiert und bedroht zu werden, weil sie sind, wie sie sind und wer sie sind.

Es ist so verabscheuungswürdig, was hier in unserer Mitte geschieht. Wieso lassen wir das zu? Wieso stehen nicht alle gleichzeitig auf und machen sich auf den Weg, um für eine Zukunft einzustehen, die einer Demokratie gerecht wird. Wieso verharren wir im Unglauben an das, was direkt vor unsere Augen geschieht. Wir dürfen dem Hass keine Angriffsfläche bieten. Wir müssen zusammen stehen und gütig sein. Zwischen uns darf kein Blatt Papier mehr passen. So geschlossen müssen wir durch das Chaos schreiten und neu beginnen. Wir müssen der Anfang sein.

 

Bridge

Bridge

Die Sonne schien auf das dunkle Kopfsteinpflaster. Er blinzelte nicht. Ruhig stand er da, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Die Einkehr zu sich selbst.

Um ihn herum bewegte sich das Leben. Eine Mutter schob ihren Nachwuchs durch die Straße, die vom Marktplatz abging. Eine andere Frau wiegte ihre Einkaufstaschen hin und her. Einige Studenten hielten einen Plausch auf ihren Fahrrädern und lachten laut.

Er aber befand sich in einer Blase, die ihn von allem abschirmte, dachte sie. Ihr kam es so vor, dass er minutenlang dort stand. Aus dem Hauseingang konnte sie ihn gut beobachten. Sie lehnte an der Backsteinwand, die ihren Rücken kühlte. Sie hatte bereits geschwitzt, als sie heute Morgen aufgewacht war. Einige Zeit waren die Nächte traumlos vorübergegangen und etwas Erholung hatte eingesetzt. Doch diese Nacht hatte sie um Meilen zurückgeworfen, das spürte sie. Wieder war er in ihren Träumen aufgetaucht, wie ein Wal aus ruhigem Gewässer auftaucht. Niemand erahnt , wie viel Wasser dieses riesige Tier zu verdrängen vermag, wenn sich der gesamte Körper an die Oberfläche schiebt.

Sie staunte immer noch über die Kraft und den Phantasiereichtum ihres Unterbewusstseins. In dieser Nacht hatte sie hoch oben auf einem der Brückenpfeiler der Brooklyn Bridge gelehnt, auf der sie wie selbstverständlich gestanden hatte. Im Leben ließ ihre Höhenangst das Besteigen einer einfachen Autobahnbrücke nicht zu. Dort hatte der Wind mit ihren Haaren gespielt und war um ihre Hüften gepeitscht. Doch sie genoss das Gefühl im Traum schwerelos zu sein. Entspannt mit geschlossenen Augen hatte sie ihre Arme den Windböen entgegengestreckt und begann zu tanzen. Über die ganze Länge der Brücke bewegten sich ihre Füße, trugen sie unbeschwert bis zum anderen Ende. Die Sterne hatten ihrem Tanz zugesehen und gelächelt. Es war leicht gewesen – bis die Brücke begonnen hatte zu wanken. Erst ganz sanft im Rhythmus des Windes. Dann mit mehr Schwung in größeren Bögen. Ihr Körper hatte versucht sich den Wogen anzupassen, frei zu schwingen. Die Schwerkraft ließ allerdings keinen Zweifel daran, wer siegen würde. Als sie im Traum die Augen öffnete, schwand die Hingabe und Furcht kroch an ihren Beinen herauf.

Im Wasser stand er auf einem weißen Segelboot, das aus der Höhe noch gut zu erkennen war. Das Flusswasser unter ihr war so dunkel wie der Himmel nur bedrohlicher. Sie wollte nicht gerettet werden. Sie wollte nicht die Hilflose sein, die ihren eignen Traum nicht kontrollieren konnte.

 

Er stand nur da und sah sie an. Das Boot lag unbewegt im Wasser. Sie wollte fliehen, begann zu rennen. Ihr wurde klar, sie würde springen müssen. Der Wind hob die Brücke an und drückte sie auf die Seite, auf der er im Boot auf sie wartete. Sie wählte die entgegengesetzte Seite, kletterte an dem Geländer herauf und schwang ihre Beine über den Rand, sodass sie aus dem Sitzen abspringen konnte. Sie schloss ihre Augen wieder und drückte sich ab. Der Fall war kürzer als gedacht. Das Wasser umfing sie und zog sie mit sich. Es war kalt. Sie öffnete ihre Augen, breitete ihre Arme aus und schwamm in Richtung Oberfläche, denn die Sterne wiesen ihr den Weg. Luftblasen säumten ihren Aufstieg, der keiner war. Ihre Lunge presste die Luft in den Fluss. Lange würde sie so nicht weiter schwimmen können. Aus irgendeinem Grund kam die Oberfläche nicht näher. Die Erkenntnis kam zu spät. Panisch aber mühsam drehte sie ihren schweren Körper, doch beim Ausatmen versiegte der Strom der Wasserblasen. Nun schwamm sie auf dem Rücken, ihre Augen fest auf die Wasseroberfläche gerichtet, während sie langsam auf den Grund sank.

Keuchend hatte sie das Licht auf ihrem Nachtisch angeschaltet und sich mit den Handflächen von der Stirn über die Haare gestrichen. Halb vier. Dieses Arschloch! Es konnte doch nicht sein, dass er in diesem Moment, der nur ihr gehört hatte, aus dem Nichts auftauchte. Sie brauchte ihn nicht. Sie hatte ihn und seine Besonnenheit aus ihrem Leben verbannt. Jetzt suchte er sie in ihren Träumen auf, um ihr etwas zu sagen.

Als er die Augen öffnete, sah er sie nicht an. Ein Lächeln in seinem Mundwinkel verbogen zog er sein Handy aus der Tasche. Ein kurzer Blick. Er sah sich auf dem Vorplatz um, als käme nun auch zu ihm die Realität zurück, die alle anderen umgab. Er schob seinen Rucksack über die Schultern und kehrte ihr den Rücken zu. Sie sah ihm nach. Dann trat sie in das Sonnenlicht und schützte ihre Augen mit einer Sonnenbrille. Das Severinsgässchen lag in der entgegensetzten Richtung. Dort lag ihr Weg.

 

 

Happier

Eines Morgens wachte sie auf, indem die Sonne ihre Strahlen auf ihrem Gesicht verteilte. Wenn nicht die einfach verglasten Fensterscheiben zwischen ihnen gestanden hätten, hätte sie auch die verlockende Wärme der ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages auf ihrer Haut spüren können. Die Nacht war kurz gewesen, der Abend dafür lang und ihr Kopf lag schwer auf dem Kissen. In der linken Kopfhälfte, direkt über dem Ohr, pochte ein gleichmäßiger Schmerz. Wenn sie den Kopf in Richtung der rechte Seite drehte, nahm der Schmerz weiter zu, bäumte sich auf und strahlte auf den gesamten Vorderkopf aus. Sie hob ihre Arme vorsichtig über ihren Kopf und bettete diesen dann nach einem Strecken der Glieder, das von einem Gähnen begleitet wurde, auf ihre Handflächen, während sie sich wieder auf die linke Seite drehte. So war es besser.

Trotz des Katers fühlte sie sich befreit. Alles lag kilometerweise hinter ihr, sie hatte Abstand zwischen sich und ihr Leben gebracht. Die Flasche Merlot hatte ihr übriges dazugetan und nun konnte der neue Tag im Nebel der noch immer leicht betäubten Sinne beginnen. Wir betäuben uns jeden Tag, dachte sie, weil wir das Leben betrügen, indem wir so tun, als sei der Stress, die Termine, die knapp getimeten Zeit-Slots das normalste der Welt. So, als hätten es nie eine andere Alternative zu dieser Art zu leben gegeben. Es schien, als ob die Beschleunigung durch Technik in Industrie und Verkehrswesen dem Alltag das Recht verwehrt hätte, Ruhe zu bewahren und den Menschen mit Muße und Bedacht durch ihr Leben zu gehen.

Wer hatte das angeordnet? Wann war dieses Lebensmodell nicht mehr aufzuhalten gewesen? Die Menschheit hatte begonnen zu erkennen, dass die Art und Weise, wie sie lebte und auf unserem Planeten hauste, kein gutes Ende nehmen würde. Es war höchste Zeit, keine Frage. Aber was war mit uns? Was war mit ihr? Welches Erbe über einen angemessenen Umgang mit sich selbst wollten wir den nächsten Generationen mit auf den Weg geben?

Statistisch betrachtet leben die Menschen heute deutlich länger als noch vor hundert Jahren. Aber wie sah es aus mit der Qualität des Lebens? Hier würde ein schlauer Fuchs vermutlich antworten, dass auch der Lebensstandard – zumindest in weiten Teilen der Erde – deutlich zugenommen hat und weiterhin stabil anwächst.

Schön und gut – überlegte sie – nur zu welchem Preis? Dass es den Menschen wirtschaftlich täglich besser erging, lag daran, dass jeder Erwachsene durchschnittlich knapp fünfzig Jahre arbeitete. Sie wollte nicht falsch verstanden werden. Das Leben, dass wir führen dürfen, ist ein sicheres, was immer noch für viele Menschen eine Traumvorstellung darstellt. Sie konnte gut verstehen, dass sich tausende Geflüchtete auf den Weg nach Europa machten und sie sah es als ihre Pflicht an, als die Pflicht aller Europäer, diesen Menschen eine Zuflucht zu bieten. Man stelle sich nur eine Minute lang vor, man wäre selbst in einer vergleichbaren Situation, hilflos, schutzlos, angewiesen auf andere. Da war der Schmerz.

Ihre Gedanken kehrten immer wieder an den Tag zurück, an dem sie zusammengebrochen war. Es ging von einer Stunde auf die nächste nichts mehr. Ihr Geist hatte seine Arbeit verweigert, ihr Kreislauf hatte sich verabschiedet und Tränen der Überforderung und Hilflosigkeit hatten sich auf ihren Wangen, dann auf ihrem Hals und schließlich auf ihrer Brust ausgebreitet, die sich so eng zusammengezogen hatte, dass sie in diesem Moment befürchtete zu ersticken.

War das normal? War das der Preis, den Menschen auf der Sonnenseite bezahlen mussten? Sie war sich sicher, sie würde auf Annehmlichkeiten verzichten, wenn endlich jemand das Hamsterrad abstellen würde. Sie war nicht naiv. Sie hatte bewusst einen Ausweg gesucht. Gespräche mit Freunden, lange Spaziergänge, Yoga, mehr Schlaf. Es half aber nicht. Sie war auf den Zusammenbruch – den Burnout, wie es die Ärzte immer korrekter Weise bezeichneten – nicht vorbereitet.

Nun waren da Scham und Versagensängste. Sie wusste, dass sie nicht die einzige war, der es so ging, das half aber nur wenig. Leistung, Leistung, Leistung! Schule, Ausbildung, Studium, gute Noten, Konkurrenzdruck, Netzwerken, gutes Aussehen, Sport treiben, ambitioniert sein, gesund uns ausdauernd, inspirierend, ein Vorbild für andere sein, ehrgeizig, fleißig, strebsam, professionell, geliebt, bewundert, geschätzt. –

Sie hatte Schluss mit ihrem Leben und den dahinter liegenden Konzepten gemacht. Es hatte weh getan sich einzugestehen, dass sie selbst ein Teil der Ursache gewesen war. Sie hatte angenommen, sie hätte immer alles richtig gemacht, ohne zu hinterfragen, was richtig war.

An ihrem Kühlschrank prangte ein Magnet. Er war schwarz und die vom Designer gewählte Schriftfarbe war weiß. Stylisch, wie so ziemlich alles in ihrer Wohnung, abgestimmte Farbkonzepte.

Das Bett, in dem sie nun lag war alt, die Matratze aber göttlich. Die Tapeten waren nicht zeitgemäß, knall bunt mit hellblauem Hintergrund und pinken Kolibris, die auf roten Blüten saßen. Sie musste lächeln. Heute wartete nichts auf sie.

Nochmal glitten ihre Gedanken zurück in ihre Küche, zum Kühlschrank, zur weißen Botschaft auf dem schwarzen Magneten:

„Relax, nothing is perfect.“

Feels like a stranger

Eigentlich fällt es mir leicht, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Aber mit der Empathie ist das so eine Sache. Manchmal fließt sie durch mich hindurch und ich zweifele keinen Moment an meinem Eindruck, den ich von meinem Gegenüber gewonnen habe. Im Laufe der Zeit bestätigt sich meine Einschätzung und ich grinse still in mich hinein. Dann kommt auch ein Gefühl des Stolzes auf. Wie cool, dass ich diese Fähigkeit besitze. So kann ich entscheiden, mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte.

Wenn ich meine Empathie nicht hätte, wer weiß, dann hätten sich vielleicht die Freundschaftsbänder nicht geknüpft, die mich heute halten, wenn ich im Begriff bin zu fallen und die ich festhalte, wenn ein Freund droht seinen Halt zu verlieren. Wahrscheinlich hätte ich auch nicht so viel über die Menschen an sich lernen können und wäre vermutlich auch keinen Deut schlauer aus mir selbst geworden als ich es in der Pubertät gewesen bin.

Irritiert bin ich vor allem dann, wenn Menschen etwas unternehmen, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Dann sträubt sich etwas in mir dies hinzunehmen und ich muss mir eingestehen, dass jeder Mensch voller Überraschungen steckt, nicht alles vorhersehbar ist und dies auch gut so ist. Die Menschen in meinem Leben sind schließlich alle frei und keine Marionetten meiner Empfindungen und Gedanken.

Jetzt komme ich zum Punkt. Bei manchen Menschen gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass sie genau diesen entscheidenden Punkt anders sehen.

Zum Glück bin ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der emphatisch ist. Einige wenige unter uns scheinen sich allerdings den „Spaß“ zu machen, diese Gabe für die eigenen Zwecke einzusetzen. Sie manipulieren und steuern Menschen in die Richtung, in der sie nach ihrer Ansicht den richtigen Platz finden. Wie ein Wettergott, der nach Belieben Schiffe durch die Bewegung der Wellen und kräftigen Wind über das Meer treibt. Dies ist zugegebenermaßen beängstigend.

Was tun, wenn nun jemand in die Fänge eines wetterbeherrschenden, also manipulierenden Menschen gerät? Das schwerste ich sicherlich zu erkennen, dass dies gerade geschieht. Denn es tut gut, Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Vielleicht ist auch die ein oder andere Schmeichelei dabei oder aber ein passendes Kompliment.

Wir vertrauen unsere Gedanken, die das Herz bewegen, nicht leichtsinnig anderen Menschen an.  Für den einen gilt dies vielleicht mehr als für den nächsten. Wir sind auf der anderen Seite aber empfänglich und offen, wenn unser Gesprächspartner das Gefühl von Interesse vermittelt, dann fühlen wir uns gesehen und wertgeschätzt für unsere Persönlichkeit und unser Handeln.

Doch genau hier lauert die geschmückte Gefahr. Das Interesse des Gegenübers ist tatsächlich da. Es ist jedoch zweckgebunden und auf eine bestimmtes Ziel gerichtet. Natürlich sind die wenigsten Menschen letztlich wirklich selbstlos. Mit dem Altruismus verhält es sich so wie mit dem Kommunismus. Ideale, nach denen das soziale Miteinander gestaltet sein könnte, bleiben Ideale. Menschen verspüren in der Regel den Drang sich selbst zu verwirklichen. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen, um zu wachsen, anerkannt zu werden und erfolgreich zu sein. Die Welt bietet uns alle Möglichkeiten dazu. Da wird es nicht leichter zu Gunsten des Gemeinwohls auf individuelle Entfaltung zu verzichten. Doch wie ist es mit der Verantwortung für die Empathie bestellt?

Es ist sicher verlockend, seine Gabe auszunutzen und manchmal vielleicht auch ein schmaler Grad zwischen Mitgefühl und Grenzüberschreitung. Deshalb ist es wichtig auch Menschen, die wir sehr gut zu kennen glauben, jedes Mal aufs neue gut zuzuhören. Die Bilder in unserem Kopf zu prüfen, sie zu modifizieren, um dann irgendwann an den Punkt zu gelangen, sich von den Bildern und Überzeugungen, die wir von und über andere besitzen, ganz zu lösen.

Das geben eines guten Rates ist eine vertrauensvolle Angelegenheit und nie frei von subjektiven Sichtweisen, darum machen wir Erfahrungen, die wir dann teilen können. Es bleibt jedoch eine Notwendigkeit unser Gegenüber und seine Entscheidungen nicht zu bewerten, zumindest in dem Sinne, dass wir dabei von uns und unseren Gefühlen ausgehen.

Wenn der emphatische Mensch an unserer Seite mehr von sich und weniger von uns ausgeht, ist jeder gut beraten einen Schritt zurückzutreten und zu reflektieren, welche Intentionen hier verfolgt werden.

Am Ende kennen wir bereits die Antwort auf unsere Fragen. Es ist aber okay, sich absichern zu wollen. Welchen Weg wir schließlich einschlagen wollen, liegt jedoch immer bei uns. Den Respekt vor Entscheidungen können wir uns aber nur selbst eingestehen.

Auch wenn es oft, vermutlich auch in eurem Leben. stürmisch zugeht, sollten wir uns nicht das Ruder aus der Hand nehmen lassen. Und wenn es ganz heftig wird, können wir einen Anker werfen, Rettungsbote gibt es vielleicht auch und schließlich können wir uns selbst auf die Schulter klopfen und den nächsten erbeten Rat guten Gewissens weitergeben.

 

Let it be!

Warum fällt es uns so schwer, die Dinge auf uns zukommen zu lassen? Warum haben wir Angst vor der Zukunft? Wieso ängstigen uns die Konsequenzen, die unsere Entscheidungen nach sich ziehen? Weshalb zögern wir, wenn uns eine unüberhörbare innere Stimme sagt, was wir tun können? Warum trauen wir uns nicht das zu, was andere schon längst in uns erkannt haben? Und – warum lassen wir uns ständig verunsichern, wenn unser Gegenüber uns versucht zu suggerieren, dass unsere Überzeugungen und Einstellungen nicht der Norm entsprechen, nicht kompatibel sein sollen oder schier falsch seien?

Auf all diese Fragen gibt es zahlreiche sinnvolle Antworten. Antworten, die uns Psychologen, Coaches und Freunde geben können. Es kommt aber wie so oft nicht auf die Qualität der Antworten an, sondern auf unsere Haltung diesen gegenüber. Sind wir bereit für die Wahrheit? Und – gibt es eine objektive Wahrheit? Gibt es ein Schwarz oder Weiß? Gibt es immer ein Falsch oder Richtig? Oder existieren ausschließlich subjektive Wahrnehmungen, die manchmal zufällig kongruent sind und andernfalls meilenweit voneinander entfernt?

Mögen unsere Gedanken auch determiniert sein von unserer Lebenswirklichkeit, Konventionen, Erfahrungen und Erziehungen, wir kennen die Antworten, die wir selbst auf diese zu Anfang gestellten Fragen geben würden und vor allem kennen wir unsere persönliche Wahrheit. Wir wissen, was wir wollen, lange bevor uns das Leben die Gewissheit darüber lehrt. Also, warum warten, bis das Schicksal seinen Job macht? Wieso nicht handeln und schauen, wohin uns unsere Entscheidungen führen? Warum nicht auf uns selbst vertrauen? Was kann passieren – im worst case – wenn wir uns falsch entscheiden? Ganz ehrlich? Der größte Gegner für uns alle sind wir selbst. Wenn wir auf unsere innere Stimme hören, bleibt kein anderer Weg, als selbst gerade zu stehen, für alles, was folgt, für alles Wunderbare und für alle Fehler.

Gerade den Menschen die wir lieben, stehen wir oft besonders kritisch gegenüber. Wir wünschen uns, dass wir verstanden werden, dass unsere Bedürfnisse gewürdigt werden.  Aus einer anderen Perspektive betrachtet wünschen wir uns jedoch angenommen zu werden, wie wir sind. Wir möchten, dass unsere Grenzen akzeptiert werden und wir dennoch geschätzt werden für das, was wir sind und leisten. Wie also umgehen mit diesem offenkundigen Dilemma?

Wieder einmal kann das Englische mein Denken und Fühlen besser ausdrücken als es das Deutsche vermag:

LET IT BE!

Es ist eine Kunst als vernunftsbegabter Mensch loszulassen und keine Labels zu verteilen. Wir wollen nicht bewertet und beurteilt werden. Also sollten wir es tunlichst unterlassen, unsere Entscheidungen und unser Handeln unmittelbar zu bewerten, abzuwerten und zu beurteilen. So kann kein Raum entstehen für Veränderungen, für Überraschungen und für Schöpferkraft. Wir sind Meister darin abzuwägen und vernünftig zu sein. Wir sind demütig, wenn unsere Gesprächspartner uns, wenn auch liebevoll, klassifizieren. Das sollten wir aber nicht sein. Wir sollten wir selbst sein. Wir sollten akzeptieren, wer wir sind und dann das beste daraus machen. Wir müssen anderen nicht gefallen. Niemand kann uns zu einer besseren Version unsere selbst machen.

Niemand – nur wir selbst.

Wir wissen, welche Version unserer Selbst die Beste ist. Das sollten wir nie vergessen. Selbstvertrauen ist eine wahre Herausforderungen, weil wir uns nicht immer hundertprozentig über den Weg trauen. Wir kennen uns selbst besser, als jeder Mensch uns je kennenlernen wird. Das ist von Zeit zu Zeit eine Bürde, aber im besten Fall steckt genau darin das größte Potential unseres Lebens, wenn wir mutig genug sind, uns selbst mit allen Schwächen und Stärken anzunehmen. Auch wenn eine Reihe Fehler unsere Vergangenheit schmückt, wissen wir doch, dass es Fehler waren. Wir können Verantwortungen dafür übernehmen. Es ist menschlich, nicht perfekt zu sein. Und noch menschlicher, nicht perfekt und angepasst sein zu wollen. Im Umkehrschluss sollten wir gleiches unserem Gegenüber zugestehen.

Es ist nicht leicht, Unterschiede auszuhalten. Unterschiede entziehen sich unserer Kontrolle und wir können uns nicht mehr spiegeln, wir können uns nicht identifizieren und fühlen uns missverstanden und entfremdet. Wir können schlicht nicht nachvollziehen, was der andere denkt oder fühlt. Was vollkommen okay ist, wenn wir aufhören, darin eine potentielle Gefahr zu sehen.

Wir sind, was wir sind. Anders. Anders schön. Anders mutig, traurig, tapfer, froh, glücklich, ängstlich, liebevoll, verschlossen, offen, verliebt, verärgert, besonnen, dickköpfig, stolz, tiefsinnig, unbelastet, klug …

Was uns verbindet ist das Mensch sein, das Hier sein, dass Fühlen und Denken und vor allem schlicht das Sein.

Let it be!

 

Ein Hoch auf uns, auf unsere Fantasie!

Leere, überall wo ich hinfühle ist nur der Platz, kahl und rau und ungefüllt. Ausgebrannt nennt man das heutzutage. Ich bin müde, ganz simpel und kann kaum die Gedanken greifen. Den Grund für diesen Zustand kenne ich auch:

Ich habe so viele Gedanken in die Abstellkammer gesperrt, damit sie mich nicht überrumpeln und mit ihrer Wucht, wenn ich sie denn frei ließe, erdrücken. Es hat sich etwas in mit freigesetzt und ich habe die Kontrolle verloren.

Obwohl ich vor langer Zeit wohl gewusst habe, wie man mit Fantasie umgeht, ist sie nun, da ich ihr Platz geschaffen haben, allgegenwärtig. Genau darum habe ich sie eingesperrt. Denn ansonsten erwischt sie mich mitten im Satz, schlägt quer durch alle feinen Gedanken und lässt mich zusammenzucken oder bricht sich bahn zwischen all der gut gepflegten Rationalität und Vernunft. Dann muss ich kichern und stelle mir vor, wie die Menschen um mich herum reagieren würden, wenn ich sie unmittelbar teilhaben ließe, einfach sagen würde, was mir gerade buntes durch den Kopf hüpft. Wie ich gerne antworten würde auf ihre Fragen, es aber tunlichst unterlasse, weil mich mein Umfeld dann vermutlich für unzurechnungsfähig halten würde.

So als ob plötzlich Pipi Langstrumpf aus mir sprechen würden und links und rechts von meinem Kopf ein Zopf baumeln würde. Der Schimmel würde auf mich warten, ich hätte Kniestrümpfe an und würde einfach losreiten, vorbei an hupenden Autos, die ich mit Blumen bewerfen würde, während ich mein Lied pfeife. Mein Flickenkleid würde die Blicke auf sich ziehen, Passanten würden empört den Kopf schütteln und mit einen Vogel zeigen.

Vielleicht hätte ich auch einen Piratenhut aufgesetzt und würde eine Augenklappe tragen, die mein rechtes Auge ziert, würde der Welt verraten, dass ich gefährlich bin, weil ich mich auf eine abenteuerliche Reise begebe und nicht weiß, ob ich als dieselbe zurückkehren werde. Mein Mut würde mir vorauseilen und den Weg frei machen. Mir würden neue Menschen begegnen, die Geschichten erzählen, die mich und meine Freunde zum lachen bringen. Alle hätten Kostüme an, würden tanzen, feiern und lachen.

Niemanden würde es stören, dass sich auf den Straßen eine Parade ihren Weg mit lauter Musik bahnt und schunkelnde Menschentrauben ihren Wegesrand säumen.

Wer weiß, so fantastisch können Ideen sein, die einmal entfesselt und frei entfaltet wachsen. Und manchmal sind sie ansteckend und motivierend und das Feuer greift über und aus dem bloßen Hirngespinst wird pure Lebensfreude und eine Tradition, die uns daran erinnert, dass wir alle Kinder waren und es auf bestimmte Weise immer bleiben werden, wenn wir Routinen und Professionalität aussperren und stattdessen feiern und lachen und tanzen und einfach glücklich sind.

Eine wunderschöne Karnevalszeit allen Jecken da draußen!

Heldengeschichten gibt es immer noch

Sie erinnerte sich genau. Jedes Märchen begann mit dem Satz „Es war einmal …“. Das wusste sie wie jedes Kind, weil ihr ihre Eltern oder gerne auch ihre Großeltern am Wochenende die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hatten. Später hatte sie einen roten Koffer geschenkt bekommen. In diesem Koffer war Platz für insgesamt 12 Kassetten gewesen. Sechs von ihnen fanden auf der rechten Seite und die übrigen sechs auf der linken Seite ihre passende Lücken, in der sie übernachten konnten und sich ausruhen konnten von der beschwerlichen Reise über die Spule des Kassettenrekorders. Manche dieser Geschichten waren so oft durch die Stimme des Erzählers zum Leben erweckt worden, dass das Tonband schon gefährlich instabil geworden war. Auch der berühmt berüchtigte Bandsalat, der nur mit viel Ruhe und Geduld gelöst werden konnte, hatten die Kassette über sich ergehen lassen müssen. Sie ertrugen ihr Schicksal mit Nachsicht, schließlich wussten sie, dass sie für Kinderhände hergestellt worden waren.

Ihre Oma brachte ihr an besonderen Tagen eine neue Kassette mit. Dann leuchteten Bettys Augen hell und sie konnte es kaum erwarte, dem Märchen zu lauschen, das auf dem Tonband auf sie wartete. Sie liebte die friedliche Stimmung, die entstand, wenn sie in ihrem Kinderzimmer saß und der angenehmen Stimme des Erzählers lauschen konnte, der ihr neue Welten eröffnete. Fantastisch dachte Betty dann und malte sich aus, wie es sein würde, Teil dieser unbekannten Welt zu sein, zu leben wir eine Prinzessin oder zu kämpfen wie ein Ritter. Als sie so jung war, hatte sie nie daran gezweifelt, dass sich diese Geschichten tatsächlich irgendwann ereignet hatten. Sie wusste zwar nicht, warum die Realität heute ohne Zauberei und Magie auskam, aber sie war sich ganz sicher, dass wenn sie eine Möglichkeit fände, durch die Zeit zu reisen, sie auch ihre Lieblingsfiguren aus den Märchen antreffen würde und mit ihnen zusammen ein Abenteuer nach dem anderen erleben konnte. Sprechende Tiere, fliegende Kutschen und mutige Prinzen. So sollte jeder Tag zu einer Überraschung werden, jede Mutprobe zu einem Erfolgserlebnis und jede Erinnerung zu einer Erkenntnis werden.

Betty saß zwanzig Jahre später auf ihrem Lieblingssessel zwischen gestapelten Umzugskartons. Der Einband der Ausgabe der Märchensammlung der Gebrüder Grimm war abgegriffen, die Ränder des Buchrückens abgestoßen und die Farben hatten ihre Intensität verloren. Wann hatte sie dieses Buch geschenkt bekommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie überhaupt jemals selbst eine Geschichte in diesem Buch mit ihren eigenen Augen verfolgt hatte. Sie erinnerte sich an die Titel der Märchen und an Ausschnitte aus der Handlung einiger weniger unglaublicher Geschichten. Sie verstand nicht recht, was sie als Kind so gefesselt hatte, denn viele der alten Märchen enthielten grausame Szenen und die Figuren, egal ob arm oder reich, mussten ein tristes Dasein fristen, zum Beispiel Rapunzel, die in einem Turm gefangen gehalten wurde, oder Rotkäppchen, deren unachtsame Mutter sie durch einen Wald schickte, in dem Gefahren auf das arme wehrlose Mädchen warteten. Vor allem Hänsel und Gretel taten ihr leid. Wie konnten Eltern so wenig acht auf ihre Kinder geben? Sie mussten doch gewusst haben, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzten. Gut, dass diese Zeiten vorbei waren. Besser Helikopter-Eltern als verwahrloste Kinder, die mit ansehen müssen, wie ihre Großmutter vom Wolf gefressen wird. Überhaupt sind Märchen nichts für Kinder, dachte Betty. Welche schrecklichen Bilder sich in den Köpfen kleiner Mädchen und Jungs einbrannten, wenn sie sich vorstellten, wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt wird. Disneys Filmindustrie hatte sogar noch einen großartigen Profit aus den alten Märchengeschichten gemacht. Von den ganzen Merchandising-Produkten ganz zu schweigen. Auf Kosten der unschuldigen und reinen Kinderseelen erzielten die Konzerne einen beachtlichen Gewinn.

Wenn es nach ihr ginge, dann sollten diese veralteten Texte nicht mehr als Klassiker vermarktet werden. Es wäre besser, pädagogisch wertvolle Kindergeschichten zu verfassen, die kindgerecht und lehrreich waren und die Fantasie in den Kinderköpfen sanft anschupsten und nicht schnurstracks das Tor zur Hölle öffneten. Verantwortungslos war die Verbreitung der Märchen, die ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht, sondern für Erwachsene geschrieben worden waren und darum müssten sie von Rechtswegen verboten werden. Das Ganze konnte sicherlich im Jugendschutzgesetz geregelt werden.

Sie überlegte gerade, in welchen Karton das Märchenbuch wandern sollte, als es an der Tür Sturm klingelte. Betty hatte in ihrem Ordnungswahn weiße und braune Umzugskartons ausgesucht. Die weißen Kartons waren dazu bestimmt, in die neue Wohnung umzuziehen, die braunen hingegen würden auf dem Sperrmüll landen. Sie erhob sich vom Sessel und drückte auf den Türöffner im Flur. Johanna war zu spät, wie immer. Trotzdem liebte sie ihre beste Freundin. Die letzten Wochen waren aufregend anstrengend gewesen und ohne ihre Unterstützung und vor allem ohne ihren Optimismus und Zuspruch hätte Betty sich zu der Entscheidung umziehen nicht so leicht durchringen können. Sie wohnte seit sieben Jahren in der Dachgeschosswohnung, obwohl sie damals nur eine Übergangslösung darstellen sollte. Ein Neuanfang sollte her, eine Wohnung, die ihr Alter und ihren Lebensstandard angemessen widerspiegelte. Es war Zeit endlich erwachsen zu werden.

Johanna schnaufte, als sie die Wohnung betrat. Betty hatte sich nicht die Mühe gemacht wieder aufzustehen, um ihre Freundin zu begrüßen. „Na, thronst du in Mitten deines Lebens?“ fragte Johanne lächelnd. „Ich throne nicht, ich habe mich auf die letzte sichere Insel gerettet.“ antwortete Betty mürrisch aber mit einem Augenzwinkern. „Wie es wohl mit deiner Heldengeschichte weitergehen wird. Bist du aufgeregt?“ „Aufgeregt? Ich fühle mich haltlos verloren, weil ich von meinen Erinnerungen und meiner Vergangenheit eingeholt werde. Siehst du nicht, dass mein Rettungsboot droht jede Sekunde unterzugehen“ maulte Betty. „Ich sehe, dass du zweifelst und großen Respekt vor der Zukunft hast, ja, aber dass du von wildem Gewässer bedrohst wirst, sehe ich nicht. Es macht mehr den Eindruck, dass du dich ganz alleine auf diese Insel begeben hast und nicht erkennst, dass du kein Rettungsboot brauchst, sondern dich daran erinnern sollest, dass du schwimmen kannst und sich das Festland in erreichbarer Nähe befindet.“ schmunzelte Johanna. „Stell dich nicht so an! Wo hakt es denn gerade?“ erkundigte sich Johanna dann. „Ich weiß nicht, was ich mit diesem Buch machen soll.“ gab Betty zu. „Zeig mal her.“ sagte Johanna. „Ah, das hast du schon ganz lange, es stand schon in deinem Kinderzimmer im Bücherregal. Wieso hast du es denn so lange aufgehoben? Das Buch hat ja schon einige Umzüge überlebt und wurde bisher auch noch nicht auf den Stapel der Verbannung verfrachtet.“ „Keine Ahnung, irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich das Buch jetzt gerade erst wiedergefunden hätte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer mir dieses Buch überhaupt geschenkt hat.“ gab Betty zur Antwort. „Deine Oma hat es dir bestimmt geschenkt Schatz.“ erwiderte Johanna sanft. „Meine Oma? Nein, dass kann nicht sein. Meine Oma hat mir als ich Kind war Märchenkassetten geschenkt, aber nie ein Buch, das weiß ich ganz sicher.“ Betty ging in Gedanken die Moment durch, die ihr mit ihrer Oma lebhaft vor Augen standen, als diese noch gelebt hatte. Das Buch tauchte nicht auf.

Johanna lehnte sich behutsam an einen wackligen Turm aus gestapelten Kartons. Dann sagte sie plötzlich: „Vielleicht war es auch dein Opa, der dir das Buch geben hat. Ich erinnere mich dunkel daran, dass es vorher deinen Großeltern gehört hat. Bestimmt hast du darum gebeten, dass deine Großeltern es dir vermachen. Und als deine Oma gestorben ist, hat dein Opa eine gründliche Inventur gemacht, weißt du noch? Deine Eltern waren total entnervt, aber dein Opa hat sich nicht beirren lassen, als er das gesamte Haus auf den Kopf gestellt hat, um die Dinge zu finden, die deiner Oma in seiner Erinnerung besonders wichtig waren. Dieses Buch war auch dabei, meine ich zumindest. Wir sind stundenlang im Haus deiner Großeltern über die kleinen Stapel gesprungen, die dein Opa aus den Erinnerungsstücken gebaut hatte. Da lagen Taschen, Kleidungsstücke, Schmuck und ganz viele Bücher auf dem Teppich im Wohnzimmer. Das kannst du doch nicht vergessen haben!“

Betty blieb still. Sie wandte den Kopf ab. Eine Träne lief ihr über ihre rechte Wange. Johanna hatte recht. Das Buch hatte im Arbeitszimmer ihres Opas gestanden. Dort hatte ihre Oma immer gebügelt und ihr Opa hatte das nie gemocht, obwohl er das Zimmer eigentlich nur noch zum Fernsehschauen nutzte. Er hatte immer gesagt, dass der Dampf des Bügeleisens die Bücher beschädigen würde. Ihre Oma hingegen hatte immer behauptet, Bücher müssten Gesellschaft haben. Den Figuren darin würde es sonst zu still sein. Mit dem gleiche Argument hatte ihre Oma auch immer wieder aus Büchern vorgelesen und gesagt, Märchenfiguren müssten zum sprechen gebracht werden, nur so könnte ihr Zauber in dieser Welt erhalten werden. Wie hatte sie das vergessen können? Wieso waren ihr nur die Kassetten in Erinnerung geblieben, nicht aber die vielen Nachmittage, an denen ihre Oma geduldig aus diesem Buch vorgelesen hatte? Sie glaubte zu ahnen, dass ihre Oma erst angefangen hatte, ihr diese Kassetten zu schenken, als diese die Entscheidung getroffen hatte, dass es immer eine Stimme geben sollte, die die Märchen erzählt, auch wenn sie dies eines Tages nicht mehr machen könnte.

Nun liefen Betty aus beiden Augen Tränen. Sie lächelte Johanna dankbar an. Die Entscheidung, ob sie das Märchenbuch behielt, war getroffen. Sie würde auch versuchen herauszufinden, ob man diese Koffer mit den Kassetten noch irgendwie erwerben könnte. Vielleicht bei Ebay? Oder sogar einem Antiquariat? Sie würde es herausfinden. Sie blickte zu Johanna herüber, die sich auf den Boden gesetzt hatte und behutsam die Seiten des Buches umblätterte.

„Helden gibt es heute immer noch.“ sagte Betty in Johannas Richtung gewandt. „Vielleicht können sie heute kein magisches Schwert mehr schwingen, aber Heldentaten vollbringen sie immer noch, manchmal sogar mit einem guten Gedächtnis.“

 

 

Rolex, du Spinner!

Hallo und herzliche Willkommen in meiner Welt. Diese Welt steht aus Ihrer Perspektive auf dem Kopf, schätze ich. Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Mein Name ist Rolex und ich funkele mit den hellsten Sternen und der Sonne um die Wette. Der Grund? Mein Zifferblatt zieren 8 schimmernde Diamanten, die auf Gold gebettet sind. Überhaupt bin ich sehr wertvoll. Dazu trägt auch mein Alter bei, ich bin nämlich schon über 30 Jahre alt. Sie fragen sich jetzt sicher, ob die Zeit ihre Spuren auf mir hinterlassen hat? Vielleicht können Sie es kaum glauben, aber weder mein Gehäuse noch meine Glasoberfläche weisen einen Kratzer auf. Dies liegt vermutlich an der guten Pflege meiner Besitzer und an der Sorgfalt, mit der ich hergestellt worden bin.

Es ist schon interessant, wie ihre Spezies auf meine Erscheinung reagiert. Ich mache mir gerne einen kleinen Spaß daraus, um die Menschen zu überraschen. Dann blitze ich unter dem Hemdsärmel unverhofft hervor. Das Licht reflektiert sich auf meiner glänzenden Oberfläche und auf diese Weise ziehe ich die Blicke auf mich. Wie sich das anfühlt fragen Sie sich? Großartig natürlich. Ich lächle den Betrachter manchmal beschämt, manchmal offen und freundlich an. Sie kennen das, an manchen Tagen wacht man froh und unbeschwert auf und begegnet der Welt mit einem Lächeln. An anderen Tagen fühlt man sich abgeschlagen und blass, dann kostet es mich viel Kraft, das Strahlen meiner Erscheinung in die Welt zu schicken. Oft weicht der spontanen Verwunderung die Bewunderung und der Respekt der Betrachter. Die Blicke verharren einen kurzen Moment auf mir und dann wandern sie weiter nach oben oder unten. Das schmerzt manchmal ein wenig. Dann fühle ich mich so, als wäre meine Anmut und Schönheit nicht genug. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als den Blick noch einmal einzufangen, ihn festzuhalten und die Augen des Menschen, der seinen Blick auf mich gerichtet hat, zu paralysieren. Das hört sich ein kleines bisschen größenwahnsinnig an, wenn ich das so frei von der Seele ausspreche, aber so ist es nun einmal. Ich bin so beschaffen. Ich bin genau so von meinen Schöpfer gestaltet worden. Geschaffen, um geliebt, verehrt und bewundert zu werden.

Manchmal frage ich mich schon, ob dieses wundervolle Leben, das ich führe, immer so sein wird. Ob mir diese Aufmerksamkeit immer zu teil werden wird, die ich jetzt genießen darf. Die Angst schleicht in diesem Fall leise um mich herum und wispert in mein Ohr, dass der Tag kommen wird, an dem mein Besitzer, mein Träger, sich an mir satt gesehen haben wird. Er werde mich dann achtlos in eine Schatulle legen, diese dann sicher in einem Tresor unterbringen und dann werde das Licht ausgehen, für immer. Oh Gott, ein Leben ohne Licht bedeutet ein Leben ohne Hoffnung. Ich kann nicht sein ohne dieses Licht. Ich weiß, dass das Licht allein mein Leuchten hervorbringt und ich nichts wäre, ohne die warmen Töne, die sich spiegeln. Ich möchte meinem Träger Freude bereiten, sonst nichts.

Wissen Sie, ich bin sehr bescheiden. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich ein Accessoires bin. Aber, und das ist wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ich bin ein zeitloses Stück Handwerkskunst. Das wurde mir von Geburt an beigebracht. Niemand würde so viel Zeit und Mühe aufbringen, um etwas herzustellen, das aus wertvollen Komponenten besteht, aber irgendwann Gefahr läuft, seinen Attraktivität zu verlieren. Irgendwann bin ich sogar zu einem Symbol geworden. Deshalb gibt es auch heute noch spezielle Werkstätten, in denen meine Nachfolger von Künstlern gefertigt werden. Die Nachfrage sei groß, habe ich gehört. Die Menschen, die mich tragen, wissen, wofür sie diese große Summe Geld aufbringen. Sie investieren in ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen. Ein schönes Bild, oder? So sind die Lebenslinien meiner und ihrer Spezies für immer verbunden.

Mir ist, und das sage ich überhaupt nicht gerne, auch schon zu Gehör gekommen, dass es Menschen geben soll, die den Versuch unternehmen, mich und meine Verwandten zu kopieren. Können Sie sich das vorstellen? Wie sollte das gehen? Wie können sich potentielle Käufer so blenden lassen? Wie kommen Menschen darauf, sich solchen kriminellen und unerhörten Machenschaften hinzugeben? Das frage ich mich. Zum Glück ist mir so eine unwürdige Fälschung noch nicht begegnet. Ich wüsste nicht, wozu ich mich hinreißen lassen würde, träfe ich je eine. Da würde mir sicher der Sekundenzeiger völlig durchdrehen.

Wissen Sie, was meine geheime Leidenschaft ist? Zuhören und Beobachten. Und sie werden verstehen, dass mir das ganz ausgezeichnet gelingt. Ich bin nicht gerade unauffällig, das ist mir bewusst, aber ich befinde mich immer mitten im Geschehen. Es würde doch niemand von Ihnen ernsthaft auf die Idee kommen, dass ich sie belauschen würde, oder? Wie Sie sicher schon festgestellt haben, konzentriere ich mich bei meinen Studien hauptsächlich auf ihre Spezies. Ich sehe, wie Ihre Blicke wandern, wie sie sich gegenseitig mustern und genau prüfen, wer ihr Gegenüber ist. Was er oder sie trägt, wie sich die Menschen geben und benehmen und was sie zu sagen haben. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass Sie als Mensch manchmal dazu geneigt sind zu denken, alles über eine Person zu wissen oder herausfinden zu können. Kennen Sie den Ausspruch: „Zeig mir, wie du dich kleidest und ich sage dir, wer du bist?“ oder aber „Zeig mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist?“ Es wäre ein manches Mal vielleicht einfacher, wenn dies tatsächlich so wäre, aber ich bitte Sie, wie langweilig wäre das Leben, wenn diese Einschätzungen immer der Wahrheit entsprechen würden.

Ich weiß genau, was Sie von dem Moment an dachten, an dem Sie begonnen haben, diese Geschichte zu lesen. Sie dachten etwas wie „Mein Gott ist diese Uhr überheblich, oder arrogant, das ist ja gar nicht zum aushalten, was dieses impertinente Stück hier zum besten gibt!“ Eventuell waren Ihre Gedanken auch etwas moderater, man kann ja nie wissen, wer Leser dieses Textes sein wird.

Ich verrate Ihnen etwas. Lesen Sie den Text nochmal und stellen Sie sich dabei keine Rolex vor. Vielleicht könnten Sie sich denken, der Text stammte von einer Uhr, die in einem Familienbetrieb in Bonn hergestellt worden ist, der eine lange Tradition besitzt. Warten Sie ab, was dann passiert, ich verspreche Ihnen, Sie werden sich wundern.

Haben Sie einen schönen Tag oder aber einen schönen Abend. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns irgendwann und Sie werden sich an diesen Text erinnern.

Der Schwan und das Wildschwein – eine Fabel

Der Schwan schwamm anmutig über den See, der in der abendlichen Sonne in allen warmen Farben schimmerte. Er sah sich gern an im Wasser, der ganze See eine einzige Spiegelfläche. Besonders mochte er es, wenn sein Gefieder frisch geputzt war und alle Enten, Gänse, Amseln und Meisen sich versammelten, um seine Schönheit und seine königliche Ausstrahlung zu bewundern.

Der Elch, der dieses Schauspiel vom Rande des Waldes, an dem der See gelegen war, allabendlich beobachtete, dachte nach, ob er je ein stolzeres Tier gesehen hatte. Von  seinem sicheren Ort aus jedenfalls hatte er nie ein dem Schwan ebenbürtiges Tier erblickt. Da kam ihm die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Gewinnen sollte das Tier, das am meisten Stolz ausstrahlte.

Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den Tieren und der nächste Samstag wurde als Wettbewerbstag ausgemacht. Um drei Uhr sollten sich alle Tiere treffen. An diesem Samstag versammelten sich alle Tiere auf der Wiese, die sich zwischen dem See und dem Wald befand. Das Publikum raunte begeistert Laute und es wurde spekuliert, wer der Sieger sein würde. Viele der Tiere dachten sich, dass der Schwan sicher gewinnen würde, schließlich war er der schönste und stolzeste Schwan, den sie je gesehen hatten. Vielleicht würde sogar niemand gegen den Schwan antreten wollen.

Der Elch begrüßte alle Tiere: „Seid willkommen meine lieben Freunde. Wie ihr euch schon sicher gedacht habt, tritt heute unser verehrter Schwan zum Wettbewerb an. Allerdings wurde mir auch noch ein weiterer Kandidat gemeldet.“ Erstauntes Murmeln ging durch den Wald und zog sich über die Wiese. „Wer denn?“ rief der Wolf. „Das Wildschein!“ antwortete der Elch. Manche Tiere kicherten. „Habt ihr das gehört? Das Wildschwein! Das ich nicht lache.“ sagte der Fuchs.

Der Schwan schwamm anmutig wie eh und je auf die Mitte des Sees zu und zog einige großflächige Kreise, hob seinen Kopf, öffnete seine Flügel und drehte eine Pirouette. Die Zuschauer jubelten. Wie sollte das Wildschwein da mithalten? Der Elch bat darum, das Ruhe einkehre. Er blickte Richtung Wald und da trottete behäbig das Wildschwein durch die Bäume bis an den Waldesrand. Es ließ sich alle Zeit der Welt, bis es endlich auf der Mitte der Wiese angekommen war. Es setzte sich auf seinen Hintern und furzte geräuschvoll dazu. Die übrigen Tiere rümpften die Nase, einige drehten sich angeekelt weg. „Nun, sagte der Elch, was möchtest du uns zeigen?“ „Gar nichts.“, antwortete das Wildschein. Das Publikum wurde unruhig. „Du verschwendest unsere Zeit!“ rief der Hase. Der Schwan hob seinen Kopf und blickte verächtlich in Richtung des Schweins.

Dieses räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich habe sieben Kinder. Sie alle sind putzmunter und haben ein gutes Leben. Ich heitere sie auf, wenn sie traurig sind und ermahne sie, wenn sie sich nicht benehmen. Nachts wache ich über sie und auch über euch, damit niemand uns angreift oder bedroht.“

Die übrigen Tiere richteten ihren Blick auf sein Maul und die großen Stoßzähne. „Wenn meine Kinder groß sind, werde auch sie euch und unsere Heimat verteidigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn ihr dies nicht sehen könnt.“

Stille war eingetreten unter den Tieren. Da ergriff der Schwan das Wort: „Du tust sehr viel Gutes für uns und deine Familie kann wirklich stolz auf dich sein.“

Alle Anwesenden freuten sich, dass sie erfahren hatten, wer nachts in ihrem Wald umherging, damit ihnen nichts geschehen konnte. Das Wesentliche schien für manche Augen unsichtbar, das hatten sie schon einmal gelesen, aber heute das erste Mal erfahren.

One day baby we will be old, Part II

Sieht die Welt eigentlich anders aus, wenn man alt ist? Und was heißt eigentlich „Altsein“? Meine Oma zum Beispiel hat immer gesagt, sie sei „Mittelalt“, dabei war sie zu diesem Zeitpunkt schon über siebzig Jahre alt. Ich habe großen Respekt vor älteren Menschen. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich dem Klatsch und Tratsch ältere Menschen im Bus  lausche. Von Zeit zu Zeit bin ich aber auch tief berührt, wenn ich in der Hektik des Lebens, in der vollgestopften und rüden City mit ihrem unwegsamen und überlaufendem Straßennetz Menschen beobachte, die sich tippelnd fortbewegen und mit großen, machmal auch ängstlichen Blicken das Gewusel um sie herum beobachten und aufpassen müssen, dass sie im Verkehrschaos nicht unter gehen oder einfach über den Haufen gefahren werden.

Natürlich gibt auch es regelrecht todesmutige Exemplare, die ohne nach links und rechts zu schauen einfach über die Straße laufen. Dann halte ich verdeckt hinter meinem Schal den Atem an und hoffe, dass nur sehr aufmerksame und achtsame Menschen auf den Straßen unterwegs sind und niemand verbotener Weise während des Autofahrens mit seinem Handy zu Gange ist.

Die Zeit, das Leben und die Kulissen sind im städtischen Bild durch junge, energiegeladene Artisten geprägt, die multitaskingfähig auf dem Fahrrad Termine mit dem Headset koordinieren oder philosophische Fragen erörtern, während sie sich ein Wettrennen mit dem tickenden Zeiger der Uhr leisten. Wo bleibt da der Raum fürs Älterwerden? Wo ist der Platzt für Langsamkeit, die Erinnerungen und Erfahrungen?Kann es diese Momente in der heutigen Zeit überhaupt noch geben?

Wenn ich an einem Pflegeheim vorbeilaufe, dann weiß ich, dass hinter verschlossenen Türen das Alter wartet. Es hat keine Eile, aber es wartet und bewegt sich nicht vom Fleck. Auf jeden von uns, ganz gleich wie erfolgreich wir diese Tatsache verdrängen, wartet es.

Manchmal ertappe ich mich dabei, besser gesagt frage ich mich, was meine Kinder, die nächsten Generationen von dem Leben halten werden, das wir heute führen. Ob sie dann auch milde lächeln werden? Sie werden es kaum glauben können, dass es heute noch möglich ist, Überweisungen in einen Postschlitz einer Bankfiliale zu werfen oder im Bus mit Kleingeld zu bezahlen.

Was wird sein in 30 Jahren? Was werde ich dann noch von dieser Welt verstehen? Diese Gedanken führen dann wieder zum Ausgangspunkt, dem Respekt vor den älteren Menschen heute, die ein ganz anderes Land, einen europäischen Kontinent ohne Europa und eine Welt kannten, sehr gut sogar, in der es kein Internet gab, in der das Leben analog verlief und sich der Fortschritt dennoch beständig seinen Weg bahnte.