Rolex, du Spinner!

Hallo und herzliche Willkommen in meiner Welt. Diese Welt steht aus Ihrer Perspektive auf dem Kopf, schätze ich. Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Mein Name ist Rolex und ich funkele mit den hellsten Sternen und der Sonne um die Wette. Der Grund? Mein Zifferblatt zieren 8 schimmernde Diamanten, die auf Gold gebettet sind. Überhaupt bin ich sehr wertvoll. Dazu trägt auch mein Alter bei, ich bin nämlich schon über 30 Jahre alt. Sie fragen sich jetzt sicher, ob die Zeit ihre Spuren auf mir hinterlassen hat? Vielleicht können Sie es kaum glauben, aber weder mein Gehäuse noch meine Glasoberfläche weisen einen Kratzer auf. Dies liegt vermutlich an der guten Pflege meiner Besitzer und an der Sorgfalt, mit der ich hergestellt worden bin.

Es ist schon interessant, wie ihre Spezies auf meine Erscheinung reagiert. Ich mache mir gerne einen kleinen Spaß daraus, um die Menschen zu überraschen. Dann blitze ich unter dem Hemdsärmel unverhofft hervor. Das Licht reflektiert sich auf meiner glänzenden Oberfläche und auf diese Weise ziehe ich die Blicke auf mich. Wie sich das anfühlt fragen Sie sich? Großartig natürlich. Ich lächle den Betrachter manchmal beschämt, manchmal offen und freundlich an. Sie kennen das, an manchen Tagen wacht man froh und unbeschwert auf und begegnet der Welt mit einem Lächeln. An anderen Tagen fühlt man sich abgeschlagen und blass, dann kostet es mich viel Kraft, das Strahlen meiner Erscheinung in die Welt zu schicken. Oft weicht der spontanen Verwunderung die Bewunderung und der Respekt der Betrachter. Die Blicke verharren einen kurzen Moment auf mir und dann wandern sie weiter nach oben oder unten. Das schmerzt manchmal ein wenig. Dann fühle ich mich so, als wäre meine Anmut und Schönheit nicht genug. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als den Blick noch einmal einzufangen, ihn festzuhalten und die Augen des Menschen, der seinen Blick auf mich gerichtet hat, zu paralysieren. Das hört sich ein kleines bisschen größenwahnsinnig an, wenn ich das so frei von der Seele ausspreche, aber so ist es nun einmal. Ich bin so beschaffen. Ich bin genau so von meinen Schöpfer gestaltet worden. Geschaffen, um geliebt, verehrt und bewundert zu werden.

Manchmal frage ich mich schon, ob dieses wundervolle Leben, das ich führe, immer so sein wird. Ob mir diese Aufmerksamkeit immer zu teil werden wird, die ich jetzt genießen darf. Die Angst schleicht in diesem Fall leise um mich herum und wispert in mein Ohr, dass der Tag kommen wird, an dem mein Besitzer, mein Träger, sich an mir satt gesehen haben wird. Er werde mich dann achtlos in eine Schatulle legen, diese dann sicher in einem Tresor unterbringen und dann werde das Licht ausgehen, für immer. Oh Gott, ein Leben ohne Licht bedeutet ein Leben ohne Hoffnung. Ich kann nicht sein ohne dieses Licht. Ich weiß, dass das Licht allein mein Leuchten hervorbringt und ich nichts wäre, ohne die warmen Töne, die sich spiegeln. Ich möchte meinem Träger Freude bereiten, sonst nichts.

Wissen Sie, ich bin sehr bescheiden. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich ein Accessoires bin. Aber, und das ist wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ich bin ein zeitloses Stück Handwerkskunst. Das wurde mir von Geburt an beigebracht. Niemand würde so viel Zeit und Mühe aufbringen, um etwas herzustellen, das aus wertvollen Komponenten besteht, aber irgendwann Gefahr läuft, seinen Attraktivität zu verlieren. Irgendwann bin ich sogar zu einem Symbol geworden. Deshalb gibt es auch heute noch spezielle Werkstätten, in denen meine Nachfolger von Künstlern gefertigt werden. Die Nachfrage sei groß, habe ich gehört. Die Menschen, die mich tragen, wissen, wofür sie diese große Summe Geld aufbringen. Sie investieren in ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen. Ein schönes Bild, oder? So sind die Lebenslinien meiner und ihrer Spezies für immer verbunden.

Mir ist, und das sage ich überhaupt nicht gerne, auch schon zu Gehör gekommen, dass es Menschen geben soll, die den Versuch unternehmen, mich und meine Verwandten zu kopieren. Können Sie sich das vorstellen? Wie sollte das gehen? Wie können sich potentielle Käufer so blenden lassen? Wie kommen Menschen darauf, sich solchen kriminellen und unerhörten Machenschaften hinzugeben? Das frage ich mich. Zum Glück ist mir so eine unwürdige Fälschung noch nicht begegnet. Ich wüsste nicht, wozu ich mich hinreißen lassen würde, träfe ich je eine. Da würde mir sicher der Sekundenzeiger völlig durchdrehen.

Wissen Sie, was meine geheime Leidenschaft ist? Zuhören und Beobachten. Und sie werden verstehen, dass mir das ganz ausgezeichnet gelingt. Ich bin nicht gerade unauffällig, das ist mir bewusst, aber ich befinde mich immer mitten im Geschehen. Es würde doch niemand von Ihnen ernsthaft auf die Idee kommen, dass ich sie belauschen würde, oder? Wie Sie sicher schon festgestellt haben, konzentriere ich mich bei meinen Studien hauptsächlich auf ihre Spezies. Ich sehe, wie Ihre Blicke wandern, wie sie sich gegenseitig mustern und genau prüfen, wer ihr Gegenüber ist. Was er oder sie trägt, wie sich die Menschen geben und benehmen und was sie zu sagen haben. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass Sie als Mensch manchmal dazu geneigt sind zu denken, alles über eine Person zu wissen oder herausfinden zu können. Kennen Sie den Ausspruch: „Zeig mir, wie du dich kleidest und ich sage dir, wer du bist?“ oder aber „Zeig mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist?“ Es wäre ein manches Mal vielleicht einfacher, wenn dies tatsächlich so wäre, aber ich bitte Sie, wie langweilig wäre das Leben, wenn diese Einschätzungen immer der Wahrheit entsprechen würden.

Ich weiß genau, was Sie von dem Moment an dachten, an dem Sie begonnen haben, diese Geschichte zu lesen. Sie dachten etwas wie „Mein Gott ist diese Uhr überheblich, oder arrogant, das ist ja gar nicht zum aushalten, was dieses impertinente Stück hier zum besten gibt!“ Eventuell waren Ihre Gedanken auch etwas moderater, man kann ja nie wissen, wer Leser dieses Textes sein wird.

Ich verrate Ihnen etwas. Lesen Sie den Text nochmal und stellen Sie sich dabei keine Rolex vor. Vielleicht könnten Sie sich denken, der Text stammte von einer Uhr, die in einem Familienbetrieb in Bonn hergestellt worden ist, der eine lange Tradition besitzt. Warten Sie ab, was dann passiert, ich verspreche Ihnen, Sie werden sich wundern.

Haben Sie einen schönen Tag oder aber einen schönen Abend. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns irgendwann und Sie werden sich an diesen Text erinnern.

Der Schwan und das Wildschwein – eine Fabel

Der Schwan schwamm anmutig über den See, der in der abendlichen Sonne in allen warmen Farben schimmerte. Er sah sich gern an im Wasser, der ganze See eine einzige Spiegelfläche. Besonders mochte er es, wenn sein Gefieder frisch geputzt war und alle Enten, Gänse, Amseln und Meisen sich versammelten, um seine Schönheit und seine königliche Ausstrahlung zu bewundern.

Der Elch, der dieses Schauspiel vom Rande des Waldes, an dem der See gelegen war, allabendlich beobachtete, dachte nach, ob er je ein stolzeres Tier gesehen hatte. Von  seinem sicheren Ort aus jedenfalls hatte er nie ein dem Schwan ebenbürtiges Tier erblickt. Da kam ihm die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Gewinnen sollte das Tier, das am meisten Stolz ausstrahlte.

Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den Tieren und der nächste Samstag wurde als Wettbewerbstag ausgemacht. Um drei Uhr sollten sich alle Tiere treffen. An diesem Samstag versammelten sich alle Tiere auf der Wiese, die sich zwischen dem See und dem Wald befand. Das Publikum raunte begeistert Laute und es wurde spekuliert, wer der Sieger sein würde. Viele der Tiere dachten sich, dass der Schwan sicher gewinnen würde, schließlich war er der schönste und stolzeste Schwan, den sie je gesehen hatten. Vielleicht würde sogar niemand gegen den Schwan antreten wollen.

Der Elch begrüßte alle Tiere: „Seid willkommen meine lieben Freunde. Wie ihr euch schon sicher gedacht habt, tritt heute unser verehrter Schwan zum Wettbewerb an. Allerdings wurde mir auch noch ein weiterer Kandidat gemeldet.“ Erstauntes Murmeln ging durch den Wald und zog sich über die Wiese. „Wer denn?“ rief der Wolf. „Das Wildschein!“ antwortete der Elch. Manche Tiere kicherten. „Habt ihr das gehört? Das Wildschwein! Das ich nicht lache.“ sagte der Fuchs.

Der Schwan schwamm anmutig wie eh und je auf die Mitte des Sees zu und zog einige großflächige Kreise, hob seinen Kopf, öffnete seine Flügel und drehte eine Pirouette. Die Zuschauer jubelten. Wie sollte das Wildschwein da mithalten? Der Elch bat darum, das Ruhe einkehre. Er blickte Richtung Wald und da trottete behäbig das Wildschwein durch die Bäume bis an den Waldesrand. Es ließ sich alle Zeit der Welt, bis es endlich auf der Mitte der Wiese angekommen war. Es setzte sich auf seinen Hintern und furzte geräuschvoll dazu. Die übrigen Tiere rümpften die Nase, einige drehten sich angeekelt weg. „Nun, sagte der Elch, was möchtest du uns zeigen?“ „Gar nichts.“, antwortete das Wildschein. Das Publikum wurde unruhig. „Du verschwendest unsere Zeit!“ rief der Hase. Der Schwan hob seinen Kopf und blickte verächtlich in Richtung des Schweins.

Dieses räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich habe sieben Kinder. Sie alle sind putzmunter und haben ein gutes Leben. Ich heitere sie auf, wenn sie traurig sind und ermahne sie, wenn sie sich nicht benehmen. Nachts wache ich über sie und auch über euch, damit niemand uns angreift oder bedroht.“

Die übrigen Tiere richteten ihren Blick auf sein Maul und die großen Stoßzähne. „Wenn meine Kinder groß sind, werde auch sie euch und unsere Heimat verteidigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn ihr dies nicht sehen könnt.“

Stille war eingetreten unter den Tieren. Da ergriff der Schwan das Wort: „Du tust sehr viel Gutes für uns und deine Familie kann wirklich stolz auf dich sein.“

Alle Anwesenden freuten sich, dass sie erfahren hatten, wer nachts in ihrem Wald umherging, damit ihnen nichts geschehen konnte. Das Wesentliche schien für manche Augen unsichtbar, das hatten sie schon einmal gelesen, aber heute das erste Mal erfahren.

Reminder zum ersten Blogeintrag

Das Sofa war ein guter Platz. Überhaupt mochte sie ihre neue Wohnung und auch ihr neues Leben – irgendwie. Das war es, was sie sich gewünscht hatte, ohne zu wissen, was konkret sein würde. Was sie hinter sich lassen wollte, war ihr mit einem gewaltigen Bewusstseinseinbruch deutlich geworden und hatte dann wie loser Schnee eine Lawine in Gang gesetzt, deren Ursprung manchmal ganz sanft sein kann, geräuschlos und doch unerbittlich.

Hier saß sie, ohne Mann, Ring, Haus und Kind; mit Freiheit, Möglichkeiten und ohne definiertes Ziel. Womit sie nicht gerechnet hatte, war das Wanken des Seins, der Gewissheit zu wissen, wie es jetzt und in Zukunft sein sollte. Alles war offen und neu und sie hatte sich so danach gesehnt wieder zu dem zurückzukehren, dessen sie sich sicher war.

Unabhängigkeit hat ihren Preis, das wusste sie. Sie war bereit, den geforderten Preis zu zahlen.

Neuanfang.

Erster Eintrag.

Neues Leben, das mit Fragen, Ängsten und Sorgen beginnt und mit großer Leichtigkeit und Freude endet, dessen war sie sich ganz sicher. Eine To-do-Liste, eine Bestandsaufnahme, die Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, all das stand unmittelbar dar, war zum greifen nah. Das Gefühl Prioritäten setzen zu müssen und aufzuräumen, bevor es richtig losgehen konnte. Die Frage nach dem Wie? Ein Blog! Die Frage nach warum? woher? wohin? Die Blogbeiträge – bis heute.

Die Erkenntnis? Den Sinn des Lebens gibt es nicht. Sinn steckt in jedem Augenblick, in jedem Gespräch, jeder Geste, jedem Zweifel, wenn sie möchte, dass dort sinnenhaftes geschieht, bewirkt und gezeigt wird. Der Sinn lässt sich kreieren, nicht nur erkennen. Schöpferkraft ist der Ausdruck jeden Sinns. Die Suche nach Sinn und die Jagd nach der Antwort auf die Frage „Warum?“ ist die Orientierungslosigkeit der Schöpferkraft, die noch nicht gelenkt wird. Das Entdecken des Schaffens und des Machens und des Seins ist der Wegbereiter des Sinns.

Das ist das neue „Zwischenziel“ der Etappe des Erkennens. Nichts bleibt und das ist auch gut so, kann sie heute sagen, in der gleichen Wohnung, auf dem gleichen Sofa, das jetzt an einer anderen Stelle steht, anders wirkt, weil eine Decke darüber liegt und sich deshalb – vielleicht – auch anders anfühlt.