Heldengeschichten gibt es immer noch

Sie erinnerte sich genau. Jedes Märchen begann mit dem Satz „Es war einmal …“. Das wusste sie wie jedes Kind, weil ihr ihre Eltern oder gerne auch ihre Großeltern am Wochenende die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hatten. Später hatte sie einen roten Koffer geschenkt bekommen. In diesem Koffer war Platz für insgesamt 12 Kassetten gewesen. Sechs von ihnen fanden auf der rechten Seite und die übrigen sechs auf der linken Seite ihre passende Lücken, in der sie übernachten konnten und sich ausruhen konnten von der beschwerlichen Reise über die Spule des Kassettenrekorders. Manche dieser Geschichten waren so oft durch die Stimme des Erzählers zum Leben erweckt worden, dass das Tonband schon gefährlich instabil geworden war. Auch der berühmt berüchtigte Bandsalat, der nur mit viel Ruhe und Geduld gelöst werden konnte, hatten die Kassette über sich ergehen lassen müssen. Sie ertrugen ihr Schicksal mit Nachsicht, schließlich wussten sie, dass sie für Kinderhände hergestellt worden waren.

Ihre Oma brachte ihr an besonderen Tagen eine neue Kassette mit. Dann leuchteten Bettys Augen hell und sie konnte es kaum erwarte, dem Märchen zu lauschen, das auf dem Tonband auf sie wartete. Sie liebte die friedliche Stimmung, die entstand, wenn sie in ihrem Kinderzimmer saß und der angenehmen Stimme des Erzählers lauschen konnte, der ihr neue Welten eröffnete. Fantastisch dachte Betty dann und malte sich aus, wie es sein würde, Teil dieser unbekannten Welt zu sein, zu leben wir eine Prinzessin oder zu kämpfen wie ein Ritter. Als sie so jung war, hatte sie nie daran gezweifelt, dass sich diese Geschichten tatsächlich irgendwann ereignet hatten. Sie wusste zwar nicht, warum die Realität heute ohne Zauberei und Magie auskam, aber sie war sich ganz sicher, dass wenn sie eine Möglichkeit fände, durch die Zeit zu reisen, sie auch ihre Lieblingsfiguren aus den Märchen antreffen würde und mit ihnen zusammen ein Abenteuer nach dem anderen erleben konnte. Sprechende Tiere, fliegende Kutschen und mutige Prinzen. So sollte jeder Tag zu einer Überraschung werden, jede Mutprobe zu einem Erfolgserlebnis und jede Erinnerung zu einer Erkenntnis werden.

Betty saß zwanzig Jahre später auf ihrem Lieblingssessel zwischen gestapelten Umzugskartons. Der Einband der Ausgabe der Märchensammlung der Gebrüder Grimm war abgegriffen, die Ränder des Buchrückens abgestoßen und die Farben hatten ihre Intensität verloren. Wann hatte sie dieses Buch geschenkt bekommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie überhaupt jemals selbst eine Geschichte in diesem Buch mit ihren eigenen Augen verfolgt hatte. Sie erinnerte sich an die Titel der Märchen und an Ausschnitte aus der Handlung einiger weniger unglaublicher Geschichten. Sie verstand nicht recht, was sie als Kind so gefesselt hatte, denn viele der alten Märchen enthielten grausame Szenen und die Figuren, egal ob arm oder reich, mussten ein tristes Dasein fristen, zum Beispiel Rapunzel, die in einem Turm gefangen gehalten wurde, oder Rotkäppchen, deren unachtsame Mutter sie durch einen Wald schickte, in dem Gefahren auf das arme wehrlose Mädchen warteten. Vor allem Hänsel und Gretel taten ihr leid. Wie konnten Eltern so wenig acht auf ihre Kinder geben? Sie mussten doch gewusst haben, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzten. Gut, dass diese Zeiten vorbei waren. Besser Helikopter-Eltern als verwahrloste Kinder, die mit ansehen müssen, wie ihre Großmutter vom Wolf gefressen wird. Überhaupt sind Märchen nichts für Kinder, dachte Betty. Welche schrecklichen Bilder sich in den Köpfen kleiner Mädchen und Jungs einbrannten, wenn sie sich vorstellten, wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt wird. Disneys Filmindustrie hatte sogar noch einen großartigen Profit aus den alten Märchengeschichten gemacht. Von den ganzen Merchandising-Produkten ganz zu schweigen. Auf Kosten der unschuldigen und reinen Kinderseelen erzielten die Konzerne einen beachtlichen Gewinn.

Wenn es nach ihr ginge, dann sollten diese veralteten Texte nicht mehr als Klassiker vermarktet werden. Es wäre besser, pädagogisch wertvolle Kindergeschichten zu verfassen, die kindgerecht und lehrreich waren und die Fantasie in den Kinderköpfen sanft anschupsten und nicht schnurstracks das Tor zur Hölle öffneten. Verantwortungslos war die Verbreitung der Märchen, die ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht, sondern für Erwachsene geschrieben worden waren und darum müssten sie von Rechtswegen verboten werden. Das Ganze konnte sicherlich im Jugendschutzgesetz geregelt werden.

Sie überlegte gerade, in welchen Karton das Märchenbuch wandern sollte, als es an der Tür Sturm klingelte. Betty hatte in ihrem Ordnungswahn weiße und braune Umzugskartons ausgesucht. Die weißen Kartons waren dazu bestimmt, in die neue Wohnung umzuziehen, die braunen hingegen würden auf dem Sperrmüll landen. Sie erhob sich vom Sessel und drückte auf den Türöffner im Flur. Johanna war zu spät, wie immer. Trotzdem liebte sie ihre beste Freundin. Die letzten Wochen waren aufregend anstrengend gewesen und ohne ihre Unterstützung und vor allem ohne ihren Optimismus und Zuspruch hätte Betty sich zu der Entscheidung umziehen nicht so leicht durchringen können. Sie wohnte seit sieben Jahren in der Dachgeschosswohnung, obwohl sie damals nur eine Übergangslösung darstellen sollte. Ein Neuanfang sollte her, eine Wohnung, die ihr Alter und ihren Lebensstandard angemessen widerspiegelte. Es war Zeit endlich erwachsen zu werden.

Johanna schnaufte, als sie die Wohnung betrat. Betty hatte sich nicht die Mühe gemacht wieder aufzustehen, um ihre Freundin zu begrüßen. „Na, thronst du in Mitten deines Lebens?“ fragte Johanne lächelnd. „Ich throne nicht, ich habe mich auf die letzte sichere Insel gerettet.“ antwortete Betty mürrisch aber mit einem Augenzwinkern. „Wie es wohl mit deiner Heldengeschichte weitergehen wird. Bist du aufgeregt?“ „Aufgeregt? Ich fühle mich haltlos verloren, weil ich von meinen Erinnerungen und meiner Vergangenheit eingeholt werde. Siehst du nicht, dass mein Rettungsboot droht jede Sekunde unterzugehen“ maulte Betty. „Ich sehe, dass du zweifelst und großen Respekt vor der Zukunft hast, ja, aber dass du von wildem Gewässer bedrohst wirst, sehe ich nicht. Es macht mehr den Eindruck, dass du dich ganz alleine auf diese Insel begeben hast und nicht erkennst, dass du kein Rettungsboot brauchst, sondern dich daran erinnern sollest, dass du schwimmen kannst und sich das Festland in erreichbarer Nähe befindet.“ schmunzelte Johanna. „Stell dich nicht so an! Wo hakt es denn gerade?“ erkundigte sich Johanna dann. „Ich weiß nicht, was ich mit diesem Buch machen soll.“ gab Betty zu. „Zeig mal her.“ sagte Johanna. „Ah, das hast du schon ganz lange, es stand schon in deinem Kinderzimmer im Bücherregal. Wieso hast du es denn so lange aufgehoben? Das Buch hat ja schon einige Umzüge überlebt und wurde bisher auch noch nicht auf den Stapel der Verbannung verfrachtet.“ „Keine Ahnung, irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich das Buch jetzt gerade erst wiedergefunden hätte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer mir dieses Buch überhaupt geschenkt hat.“ gab Betty zur Antwort. „Deine Oma hat es dir bestimmt geschenkt Schatz.“ erwiderte Johanna sanft. „Meine Oma? Nein, dass kann nicht sein. Meine Oma hat mir als ich Kind war Märchenkassetten geschenkt, aber nie ein Buch, das weiß ich ganz sicher.“ Betty ging in Gedanken die Moment durch, die ihr mit ihrer Oma lebhaft vor Augen standen, als diese noch gelebt hatte. Das Buch tauchte nicht auf.

Johanna lehnte sich behutsam an einen wackligen Turm aus gestapelten Kartons. Dann sagte sie plötzlich: „Vielleicht war es auch dein Opa, der dir das Buch geben hat. Ich erinnere mich dunkel daran, dass es vorher deinen Großeltern gehört hat. Bestimmt hast du darum gebeten, dass deine Großeltern es dir vermachen. Und als deine Oma gestorben ist, hat dein Opa eine gründliche Inventur gemacht, weißt du noch? Deine Eltern waren total entnervt, aber dein Opa hat sich nicht beirren lassen, als er das gesamte Haus auf den Kopf gestellt hat, um die Dinge zu finden, die deiner Oma in seiner Erinnerung besonders wichtig waren. Dieses Buch war auch dabei, meine ich zumindest. Wir sind stundenlang im Haus deiner Großeltern über die kleinen Stapel gesprungen, die dein Opa aus den Erinnerungsstücken gebaut hatte. Da lagen Taschen, Kleidungsstücke, Schmuck und ganz viele Bücher auf dem Teppich im Wohnzimmer. Das kannst du doch nicht vergessen haben!“

Betty blieb still. Sie wandte den Kopf ab. Eine Träne lief ihr über ihre rechte Wange. Johanna hatte recht. Das Buch hatte im Arbeitszimmer ihres Opas gestanden. Dort hatte ihre Oma immer gebügelt und ihr Opa hatte das nie gemocht, obwohl er das Zimmer eigentlich nur noch zum Fernsehschauen nutzte. Er hatte immer gesagt, dass der Dampf des Bügeleisens die Bücher beschädigen würde. Ihre Oma hingegen hatte immer behauptet, Bücher müssten Gesellschaft haben. Den Figuren darin würde es sonst zu still sein. Mit dem gleiche Argument hatte ihre Oma auch immer wieder aus Büchern vorgelesen und gesagt, Märchenfiguren müssten zum sprechen gebracht werden, nur so könnte ihr Zauber in dieser Welt erhalten werden. Wie hatte sie das vergessen können? Wieso waren ihr nur die Kassetten in Erinnerung geblieben, nicht aber die vielen Nachmittage, an denen ihre Oma geduldig aus diesem Buch vorgelesen hatte? Sie glaubte zu ahnen, dass ihre Oma erst angefangen hatte, ihr diese Kassetten zu schenken, als diese die Entscheidung getroffen hatte, dass es immer eine Stimme geben sollte, die die Märchen erzählt, auch wenn sie dies eines Tages nicht mehr machen könnte.

Nun liefen Betty aus beiden Augen Tränen. Sie lächelte Johanna dankbar an. Die Entscheidung, ob sie das Märchenbuch behielt, war getroffen. Sie würde auch versuchen herauszufinden, ob man diese Koffer mit den Kassetten noch irgendwie erwerben könnte. Vielleicht bei Ebay? Oder sogar einem Antiquariat? Sie würde es herausfinden. Sie blickte zu Johanna herüber, die sich auf den Boden gesetzt hatte und behutsam die Seiten des Buches umblätterte.

„Helden gibt es heute immer noch.“ sagte Betty in Johannas Richtung gewandt. „Vielleicht können sie heute kein magisches Schwert mehr schwingen, aber Heldentaten vollbringen sie immer noch, manchmal sogar mit einem guten Gedächtnis.“

 

 

Rolex, du Spinner!

Hallo und herzliche Willkommen in meiner Welt. Diese Welt steht aus Ihrer Perspektive auf dem Kopf, schätze ich. Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Mein Name ist Rolex und ich funkele mit den hellsten Sternen und der Sonne um die Wette. Der Grund? Mein Zifferblatt zieren 8 schimmernde Diamanten, die auf Gold gebettet sind. Überhaupt bin ich sehr wertvoll. Dazu trägt auch mein Alter bei, ich bin nämlich schon über 30 Jahre alt. Sie fragen sich jetzt sicher, ob die Zeit ihre Spuren auf mir hinterlassen hat? Vielleicht können Sie es kaum glauben, aber weder mein Gehäuse noch meine Glasoberfläche weisen einen Kratzer auf. Dies liegt vermutlich an der guten Pflege meiner Besitzer und an der Sorgfalt, mit der ich hergestellt worden bin.

Es ist schon interessant, wie ihre Spezies auf meine Erscheinung reagiert. Ich mache mir gerne einen kleinen Spaß daraus, um die Menschen zu überraschen. Dann blitze ich unter dem Hemdsärmel unverhofft hervor. Das Licht reflektiert sich auf meiner glänzenden Oberfläche und auf diese Weise ziehe ich die Blicke auf mich. Wie sich das anfühlt fragen Sie sich? Großartig natürlich. Ich lächle den Betrachter manchmal beschämt, manchmal offen und freundlich an. Sie kennen das, an manchen Tagen wacht man froh und unbeschwert auf und begegnet der Welt mit einem Lächeln. An anderen Tagen fühlt man sich abgeschlagen und blass, dann kostet es mich viel Kraft, das Strahlen meiner Erscheinung in die Welt zu schicken. Oft weicht der spontanen Verwunderung die Bewunderung und der Respekt der Betrachter. Die Blicke verharren einen kurzen Moment auf mir und dann wandern sie weiter nach oben oder unten. Das schmerzt manchmal ein wenig. Dann fühle ich mich so, als wäre meine Anmut und Schönheit nicht genug. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als den Blick noch einmal einzufangen, ihn festzuhalten und die Augen des Menschen, der seinen Blick auf mich gerichtet hat, zu paralysieren. Das hört sich ein kleines bisschen größenwahnsinnig an, wenn ich das so frei von der Seele ausspreche, aber so ist es nun einmal. Ich bin so beschaffen. Ich bin genau so von meinen Schöpfer gestaltet worden. Geschaffen, um geliebt, verehrt und bewundert zu werden.

Manchmal frage ich mich schon, ob dieses wundervolle Leben, das ich führe, immer so sein wird. Ob mir diese Aufmerksamkeit immer zu teil werden wird, die ich jetzt genießen darf. Die Angst schleicht in diesem Fall leise um mich herum und wispert in mein Ohr, dass der Tag kommen wird, an dem mein Besitzer, mein Träger, sich an mir satt gesehen haben wird. Er werde mich dann achtlos in eine Schatulle legen, diese dann sicher in einem Tresor unterbringen und dann werde das Licht ausgehen, für immer. Oh Gott, ein Leben ohne Licht bedeutet ein Leben ohne Hoffnung. Ich kann nicht sein ohne dieses Licht. Ich weiß, dass das Licht allein mein Leuchten hervorbringt und ich nichts wäre, ohne die warmen Töne, die sich spiegeln. Ich möchte meinem Träger Freude bereiten, sonst nichts.

Wissen Sie, ich bin sehr bescheiden. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich ein Accessoires bin. Aber, und das ist wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ich bin ein zeitloses Stück Handwerkskunst. Das wurde mir von Geburt an beigebracht. Niemand würde so viel Zeit und Mühe aufbringen, um etwas herzustellen, das aus wertvollen Komponenten besteht, aber irgendwann Gefahr läuft, seinen Attraktivität zu verlieren. Irgendwann bin ich sogar zu einem Symbol geworden. Deshalb gibt es auch heute noch spezielle Werkstätten, in denen meine Nachfolger von Künstlern gefertigt werden. Die Nachfrage sei groß, habe ich gehört. Die Menschen, die mich tragen, wissen, wofür sie diese große Summe Geld aufbringen. Sie investieren in ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen. Ein schönes Bild, oder? So sind die Lebenslinien meiner und ihrer Spezies für immer verbunden.

Mir ist, und das sage ich überhaupt nicht gerne, auch schon zu Gehör gekommen, dass es Menschen geben soll, die den Versuch unternehmen, mich und meine Verwandten zu kopieren. Können Sie sich das vorstellen? Wie sollte das gehen? Wie können sich potentielle Käufer so blenden lassen? Wie kommen Menschen darauf, sich solchen kriminellen und unerhörten Machenschaften hinzugeben? Das frage ich mich. Zum Glück ist mir so eine unwürdige Fälschung noch nicht begegnet. Ich wüsste nicht, wozu ich mich hinreißen lassen würde, träfe ich je eine. Da würde mir sicher der Sekundenzeiger völlig durchdrehen.

Wissen Sie, was meine geheime Leidenschaft ist? Zuhören und Beobachten. Und sie werden verstehen, dass mir das ganz ausgezeichnet gelingt. Ich bin nicht gerade unauffällig, das ist mir bewusst, aber ich befinde mich immer mitten im Geschehen. Es würde doch niemand von Ihnen ernsthaft auf die Idee kommen, dass ich sie belauschen würde, oder? Wie Sie sicher schon festgestellt haben, konzentriere ich mich bei meinen Studien hauptsächlich auf ihre Spezies. Ich sehe, wie Ihre Blicke wandern, wie sie sich gegenseitig mustern und genau prüfen, wer ihr Gegenüber ist. Was er oder sie trägt, wie sich die Menschen geben und benehmen und was sie zu sagen haben. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass Sie als Mensch manchmal dazu geneigt sind zu denken, alles über eine Person zu wissen oder herausfinden zu können. Kennen Sie den Ausspruch: „Zeig mir, wie du dich kleidest und ich sage dir, wer du bist?“ oder aber „Zeig mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist?“ Es wäre ein manches Mal vielleicht einfacher, wenn dies tatsächlich so wäre, aber ich bitte Sie, wie langweilig wäre das Leben, wenn diese Einschätzungen immer der Wahrheit entsprechen würden.

Ich weiß genau, was Sie von dem Moment an dachten, an dem Sie begonnen haben, diese Geschichte zu lesen. Sie dachten etwas wie „Mein Gott ist diese Uhr überheblich, oder arrogant, das ist ja gar nicht zum aushalten, was dieses impertinente Stück hier zum besten gibt!“ Eventuell waren Ihre Gedanken auch etwas moderater, man kann ja nie wissen, wer Leser dieses Textes sein wird.

Ich verrate Ihnen etwas. Lesen Sie den Text nochmal und stellen Sie sich dabei keine Rolex vor. Vielleicht könnten Sie sich denken, der Text stammte von einer Uhr, die in einem Familienbetrieb in Bonn hergestellt worden ist, der eine lange Tradition besitzt. Warten Sie ab, was dann passiert, ich verspreche Ihnen, Sie werden sich wundern.

Haben Sie einen schönen Tag oder aber einen schönen Abend. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns irgendwann und Sie werden sich an diesen Text erinnern.

One day baby we will be old, Part II

Sieht die Welt eigentlich anders aus, wenn man alt ist? Und was heißt eigentlich „Altsein“? Meine Oma zum Beispiel hat immer gesagt, sie sei „Mittelalt“, dabei war sie zu diesem Zeitpunkt schon über siebzig Jahre alt. Ich habe großen Respekt vor älteren Menschen. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich dem Klatsch und Tratsch ältere Menschen im Bus  lausche. Von Zeit zu Zeit bin ich aber auch tief berührt, wenn ich in der Hektik des Lebens, in der vollgestopften und rüden City mit ihrem unwegsamen und überlaufendem Straßennetz Menschen beobachte, die sich tippelnd fortbewegen und mit großen, machmal auch ängstlichen Blicken das Gewusel um sie herum beobachten und aufpassen müssen, dass sie im Verkehrschaos nicht unter gehen oder einfach über den Haufen gefahren werden.

Natürlich gibt auch es regelrecht todesmutige Exemplare, die ohne nach links und rechts zu schauen einfach über die Straße laufen. Dann halte ich verdeckt hinter meinem Schal den Atem an und hoffe, dass nur sehr aufmerksame und achtsame Menschen auf den Straßen unterwegs sind und niemand verbotener Weise während des Autofahrens mit seinem Handy zu Gange ist.

Die Zeit, das Leben und die Kulissen sind im städtischen Bild durch junge, energiegeladene Artisten geprägt, die multitaskingfähig auf dem Fahrrad Termine mit dem Headset koordinieren oder philosophische Fragen erörtern, während sie sich ein Wettrennen mit dem tickenden Zeiger der Uhr leisten. Wo bleibt da der Raum fürs Älterwerden? Wo ist der Platzt für Langsamkeit, die Erinnerungen und Erfahrungen?Kann es diese Momente in der heutigen Zeit überhaupt noch geben?

Wenn ich an einem Pflegeheim vorbeilaufe, dann weiß ich, dass hinter verschlossenen Türen das Alter wartet. Es hat keine Eile, aber es wartet und bewegt sich nicht vom Fleck. Auf jeden von uns, ganz gleich wie erfolgreich wir diese Tatsache verdrängen, wartet es.

Manchmal ertappe ich mich dabei, besser gesagt frage ich mich, was meine Kinder, die nächsten Generationen von dem Leben halten werden, das wir heute führen. Ob sie dann auch milde lächeln werden? Sie werden es kaum glauben können, dass es heute noch möglich ist, Überweisungen in einen Postschlitz einer Bankfiliale zu werfen oder im Bus mit Kleingeld zu bezahlen.

Was wird sein in 30 Jahren? Was werde ich dann noch von dieser Welt verstehen? Diese Gedanken führen dann wieder zum Ausgangspunkt, dem Respekt vor den älteren Menschen heute, die ein ganz anderes Land, einen europäischen Kontinent ohne Europa und eine Welt kannten, sehr gut sogar, in der es kein Internet gab, in der das Leben analog verlief und sich der Fortschritt dennoch beständig seinen Weg bahnte.