Freundschaft, Abschied und das Nichts

Jeder kennt das. Abschied nehmen müssen. Egal ob es sich dabei um banale Dinge handelt wie dem wehmütigen Abschied von einer schönen und inspirierenden Reise, an die man sich gerne zurückerinnern wird oder aber gewichtige Abschiede wie der von einem guten Freund, der sich entschieden hat, das nächste Jahr im Ausland zu verbringen oder aber der an einem anderen Platz auf der Welt sein Glück finden möchte. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Und das ist gut so. Denn an eine gute Zeit und tolle Episoden aus unserem Leben oder einer Freundschaft erinnern wir uns gerne.

Anders sieht es aus, wenn wir beschließen, Abschied zu nehmen. Wenn wir ein Kapitel in unserem Leben verlassen, die Tür schließen und nicht mehr zurückblicken. Das sind Abschiede ganz besonderer Art. Sie helfen uns zu vergessen, unangenehme, schmerzhafte Erfahrungen hinter uns zu lassen und etwas Neuem in unserem Leben eine Chance zu geben. Uns neu zu definieren, uns neu zu erfinden, ein besserer Mensch zu werden oder einfach nur wieder frei atmen zu können. Doch was in der Zwischenzeit mit unseren Herzen passiert, darauf sind wir nicht gefasst.

So wichtig der Entschluss sein kann, Vergangenes hinter sich zu lassen, so schwer ist es, durch das tiefe Tal der Trennung und Ungewissheit zu gehen, ohne zu wissen, wann wir wieder Licht sehen, wann es wieder bergauf geht und das Leben wieder beginnen kann, ohne dieses Nichts. Wenn wir uns selbst nicht antreiben können, mit schnellen und selbstbewussten Schritten durch dieses Tal zu gehen, dann ist es tatsächlich der Himmel auf Erden, wenn wir Freunde haben, die diesen beschwerlichen Weg mit uns gehen. Die als Gefährten neben uns wandern, Witze erzählen, uns in die Seite piksen und nicht müde werden uns davon zu überzeugen, dass wir den ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben. Diese Freunde lachen und weinen mit uns, halten uns aufrecht, weisen uns auf Wegmarkierungen hin und feuern uns an, wenn wir die Bergetappe antreten. Sie winken vom Gipfel und spenden uns Trost, wenn uns die Blessuren den Weg erschweren.

Ich kann nicht oft genug Danke sagen für diese Menschen in meinem Leben. Die sich meine Gedanken, Sorgen und Nöte zu ihren eigenen machen. Ohne zu urteilen. Diese Freunde sind einzig darauf bedacht, gangbare Wege sichtbar und die scheinbar unüberwindbaren Hürden zu Herausforderungen zu machen, die mit Einsatz, Kraft und Willen zu meistern sind.

Leben, lieben und andere Katastrophen

Ich habe mich gestern Abend mit ehemaligen Kommilitonen getroffen. Es gibt doch wirklich nichts schöneres, als mit alten Vertrauten in Erinnerungen an eine unwiederbringliche Jugend zu schwelgen. Jedenfalls dann, wenn es sich um ähnlich unangepasste und unkonventionelle Zeitgenossen handelt, wie ich einer bin. Wir haben den Abend damit verbracht uns gegenseitig zu bestärken, dass es wirklich voll ok ist, dreißig und unverheiratet sowie kinderlos zu sein. Mit Verachtung haben wir auf die Teile unseres Freundeskreises geschaut, die im Reihenhaus mit Garten, Webergrill und mit VW vor der Haustür im Neubaugebiet ihr Dasein fristen. Das tut richtig gut, den Spieß mal umzudrehen. In anderer Konstellation schlägt nämlich dem ewigen Single gerne die unverhohlene Skepsis gegenüber der Unfähigkeit eine dauerhafte und ernsthafte Beziehung zu führen entgegen. Manchmal ist auch eine gehörige Portion Mitleid dabei, was mich persönlich derart rasend macht, dass ich selbst gute Freunde manchmal schütteln und anschreien möchte, weil ich ihre Verbohrtheit und ihr Spießertum nur schlecht ertragen kann. Dann frage ich mich immer, wie man so alt und gleichzeitig so naiv und engstirnig sein kann. Vielleicht liegt diese Selbstgerechtigkeit der Menschen, die in ihrem Leben alles richtig gemacht haben, aber auch gerade in ihrem Alter begründet. Der Erfolg kam mit den Jahren, genau wie die vermeintlichen Neider, die Weisheit, Güte und Toleranz haben sich gleichzeitig aber aus dem Staub gemacht. Puh! Ja, es war richtig schön gestern…ja so schön sogar, dass wir uns auch über etwas unbequemere Themen ausgetauscht haben.

Das Staunen über die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf die Ehrlichkeit und Offenheit ansonsten sehr verschlossener Menschen lässt bei mir auch nach vielen Jahren nicht nach. Tief berührt habe ich auch gestern wieder einem Freund zugehört, der an Liebeskummer gefühlt gerade zu Grunde geht. Denn auch Singles in der Dreißigern haben Gefühle, Träume und Hoffnungen und manchmal wagen auch sie es daran zu glauben, den Menschen fürs Leben gefunden zu haben. Allerdings unterscheidet sich das Verliebtsein von heute immens von dem sich unbeschwert ins Abenteuer stürzen mit sechzehn. Mit dem Verliebtsein kommen immer auch Zweifel. Die Frage, ob diese Liebe eine Zukunft haben könnte, drehen und wenden wir im Kopf, bevor wir unsere neue Liebe öffentlich machen und bevor wir zum offiziellen Teil nach Hause zu den Eltern reisen also bevor wir der Liebe die Chance gegeben haben, zu wachsen. Unsicherheit und Verlustängste und die Angst, nicht genug für das geliebte Gegenüber zu sein überschatten diesen wunderbaren Anfang einer neuen Liebe und der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt, kann seine Wirkung nicht entfalten. Wir rationalisieren was das Zeug hält, wägen ab und kalkulieren, bis selbst die Glut zu wenig Sauerstoff bekommt.

Es bleibt die Frage, was schwieriger ist. Einen Menschen zu finden, der uns bedingungslos und uneingeschränkt liebt oder Liebe zu schenken, um der Liebe Willen. Denn nach vielen Jahren des Singledaseins wünschen wir uns nichts sehnlicher als die Vertrautheit und Geborgenheit innerhalb einer Beziehung, natürlich ohne Haus, Hund und Kegel. Wir sind genügsam und schätzen die Zweisamkeit. „Nur“ dieses Bedürfnis zu befriedigen und eine Situation zu schaffen, in der wir nicht mehr alleine sind, ist nicht so unrealistisch. Schwieriger scheint es zu sein, auf unser Herz zu hören und Gefühle zu zulassen, ganz unabhängig von der Frage, welches Etikett man einer Verbindung gibt oder welchen Nutzen wir aus ihr zu können oder was die Zukunft bringt. Es kostet viel Mut sich auf etwas so unbestimmtes einzulassen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass die Bereitschaft ein Risiko einzugehen und alles auf rot zu setzen, Voraussetzung ist, um den Jackpot zu knacken. Emanuel Kant hat gesagt, „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, er hat also Werbung für den Verstand gemacht, den wir Gott sei Dank in die Wiege gelegt bekommen, vielleicht sollten wir  in unserer Zeit mehr Werbung für unser Herz machen und darauf vertrauen, dass es recht behält.