Heldengeschichten gibt es immer noch

Sie erinnerte sich genau. Jedes Märchen begann mit dem Satz „Es war einmal …“. Das wusste sie wie jedes Kind, weil ihr ihre Eltern oder gerne auch ihre Großeltern am Wochenende die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hatten. Später hatte sie einen roten Koffer geschenkt bekommen. In diesem Koffer war Platz für insgesamt 12 Kassetten gewesen. Sechs von ihnen fanden auf der rechten Seite und die übrigen sechs auf der linken Seite ihre passende Lücken, in der sie übernachten konnten und sich ausruhen konnten von der beschwerlichen Reise über die Spule des Kassettenrekorders. Manche dieser Geschichten waren so oft durch die Stimme des Erzählers zum Leben erweckt worden, dass das Tonband schon gefährlich instabil geworden war. Auch der berühmt berüchtigte Bandsalat, der nur mit viel Ruhe und Geduld gelöst werden konnte, hatten die Kassette über sich ergehen lassen müssen. Sie ertrugen ihr Schicksal mit Nachsicht, schließlich wussten sie, dass sie für Kinderhände hergestellt worden waren.

Ihre Oma brachte ihr an besonderen Tagen eine neue Kassette mit. Dann leuchteten Bettys Augen hell und sie konnte es kaum erwarte, dem Märchen zu lauschen, das auf dem Tonband auf sie wartete. Sie liebte die friedliche Stimmung, die entstand, wenn sie in ihrem Kinderzimmer saß und der angenehmen Stimme des Erzählers lauschen konnte, der ihr neue Welten eröffnete. Fantastisch dachte Betty dann und malte sich aus, wie es sein würde, Teil dieser unbekannten Welt zu sein, zu leben wir eine Prinzessin oder zu kämpfen wie ein Ritter. Als sie so jung war, hatte sie nie daran gezweifelt, dass sich diese Geschichten tatsächlich irgendwann ereignet hatten. Sie wusste zwar nicht, warum die Realität heute ohne Zauberei und Magie auskam, aber sie war sich ganz sicher, dass wenn sie eine Möglichkeit fände, durch die Zeit zu reisen, sie auch ihre Lieblingsfiguren aus den Märchen antreffen würde und mit ihnen zusammen ein Abenteuer nach dem anderen erleben konnte. Sprechende Tiere, fliegende Kutschen und mutige Prinzen. So sollte jeder Tag zu einer Überraschung werden, jede Mutprobe zu einem Erfolgserlebnis und jede Erinnerung zu einer Erkenntnis werden.

Betty saß zwanzig Jahre später auf ihrem Lieblingssessel zwischen gestapelten Umzugskartons. Der Einband der Ausgabe der Märchensammlung der Gebrüder Grimm war abgegriffen, die Ränder des Buchrückens abgestoßen und die Farben hatten ihre Intensität verloren. Wann hatte sie dieses Buch geschenkt bekommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie überhaupt jemals selbst eine Geschichte in diesem Buch mit ihren eigenen Augen verfolgt hatte. Sie erinnerte sich an die Titel der Märchen und an Ausschnitte aus der Handlung einiger weniger unglaublicher Geschichten. Sie verstand nicht recht, was sie als Kind so gefesselt hatte, denn viele der alten Märchen enthielten grausame Szenen und die Figuren, egal ob arm oder reich, mussten ein tristes Dasein fristen, zum Beispiel Rapunzel, die in einem Turm gefangen gehalten wurde, oder Rotkäppchen, deren unachtsame Mutter sie durch einen Wald schickte, in dem Gefahren auf das arme wehrlose Mädchen warteten. Vor allem Hänsel und Gretel taten ihr leid. Wie konnten Eltern so wenig acht auf ihre Kinder geben? Sie mussten doch gewusst haben, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzten. Gut, dass diese Zeiten vorbei waren. Besser Helikopter-Eltern als verwahrloste Kinder, die mit ansehen müssen, wie ihre Großmutter vom Wolf gefressen wird. Überhaupt sind Märchen nichts für Kinder, dachte Betty. Welche schrecklichen Bilder sich in den Köpfen kleiner Mädchen und Jungs einbrannten, wenn sie sich vorstellten, wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt wird. Disneys Filmindustrie hatte sogar noch einen großartigen Profit aus den alten Märchengeschichten gemacht. Von den ganzen Merchandising-Produkten ganz zu schweigen. Auf Kosten der unschuldigen und reinen Kinderseelen erzielten die Konzerne einen beachtlichen Gewinn.

Wenn es nach ihr ginge, dann sollten diese veralteten Texte nicht mehr als Klassiker vermarktet werden. Es wäre besser, pädagogisch wertvolle Kindergeschichten zu verfassen, die kindgerecht und lehrreich waren und die Fantasie in den Kinderköpfen sanft anschupsten und nicht schnurstracks das Tor zur Hölle öffneten. Verantwortungslos war die Verbreitung der Märchen, die ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht, sondern für Erwachsene geschrieben worden waren und darum müssten sie von Rechtswegen verboten werden. Das Ganze konnte sicherlich im Jugendschutzgesetz geregelt werden.

Sie überlegte gerade, in welchen Karton das Märchenbuch wandern sollte, als es an der Tür Sturm klingelte. Betty hatte in ihrem Ordnungswahn weiße und braune Umzugskartons ausgesucht. Die weißen Kartons waren dazu bestimmt, in die neue Wohnung umzuziehen, die braunen hingegen würden auf dem Sperrmüll landen. Sie erhob sich vom Sessel und drückte auf den Türöffner im Flur. Johanna war zu spät, wie immer. Trotzdem liebte sie ihre beste Freundin. Die letzten Wochen waren aufregend anstrengend gewesen und ohne ihre Unterstützung und vor allem ohne ihren Optimismus und Zuspruch hätte Betty sich zu der Entscheidung umziehen nicht so leicht durchringen können. Sie wohnte seit sieben Jahren in der Dachgeschosswohnung, obwohl sie damals nur eine Übergangslösung darstellen sollte. Ein Neuanfang sollte her, eine Wohnung, die ihr Alter und ihren Lebensstandard angemessen widerspiegelte. Es war Zeit endlich erwachsen zu werden.

Johanna schnaufte, als sie die Wohnung betrat. Betty hatte sich nicht die Mühe gemacht wieder aufzustehen, um ihre Freundin zu begrüßen. „Na, thronst du in Mitten deines Lebens?“ fragte Johanne lächelnd. „Ich throne nicht, ich habe mich auf die letzte sichere Insel gerettet.“ antwortete Betty mürrisch aber mit einem Augenzwinkern. „Wie es wohl mit deiner Heldengeschichte weitergehen wird. Bist du aufgeregt?“ „Aufgeregt? Ich fühle mich haltlos verloren, weil ich von meinen Erinnerungen und meiner Vergangenheit eingeholt werde. Siehst du nicht, dass mein Rettungsboot droht jede Sekunde unterzugehen“ maulte Betty. „Ich sehe, dass du zweifelst und großen Respekt vor der Zukunft hast, ja, aber dass du von wildem Gewässer bedrohst wirst, sehe ich nicht. Es macht mehr den Eindruck, dass du dich ganz alleine auf diese Insel begeben hast und nicht erkennst, dass du kein Rettungsboot brauchst, sondern dich daran erinnern sollest, dass du schwimmen kannst und sich das Festland in erreichbarer Nähe befindet.“ schmunzelte Johanna. „Stell dich nicht so an! Wo hakt es denn gerade?“ erkundigte sich Johanna dann. „Ich weiß nicht, was ich mit diesem Buch machen soll.“ gab Betty zu. „Zeig mal her.“ sagte Johanna. „Ah, das hast du schon ganz lange, es stand schon in deinem Kinderzimmer im Bücherregal. Wieso hast du es denn so lange aufgehoben? Das Buch hat ja schon einige Umzüge überlebt und wurde bisher auch noch nicht auf den Stapel der Verbannung verfrachtet.“ „Keine Ahnung, irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich das Buch jetzt gerade erst wiedergefunden hätte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer mir dieses Buch überhaupt geschenkt hat.“ gab Betty zur Antwort. „Deine Oma hat es dir bestimmt geschenkt Schatz.“ erwiderte Johanna sanft. „Meine Oma? Nein, dass kann nicht sein. Meine Oma hat mir als ich Kind war Märchenkassetten geschenkt, aber nie ein Buch, das weiß ich ganz sicher.“ Betty ging in Gedanken die Moment durch, die ihr mit ihrer Oma lebhaft vor Augen standen, als diese noch gelebt hatte. Das Buch tauchte nicht auf.

Johanna lehnte sich behutsam an einen wackligen Turm aus gestapelten Kartons. Dann sagte sie plötzlich: „Vielleicht war es auch dein Opa, der dir das Buch geben hat. Ich erinnere mich dunkel daran, dass es vorher deinen Großeltern gehört hat. Bestimmt hast du darum gebeten, dass deine Großeltern es dir vermachen. Und als deine Oma gestorben ist, hat dein Opa eine gründliche Inventur gemacht, weißt du noch? Deine Eltern waren total entnervt, aber dein Opa hat sich nicht beirren lassen, als er das gesamte Haus auf den Kopf gestellt hat, um die Dinge zu finden, die deiner Oma in seiner Erinnerung besonders wichtig waren. Dieses Buch war auch dabei, meine ich zumindest. Wir sind stundenlang im Haus deiner Großeltern über die kleinen Stapel gesprungen, die dein Opa aus den Erinnerungsstücken gebaut hatte. Da lagen Taschen, Kleidungsstücke, Schmuck und ganz viele Bücher auf dem Teppich im Wohnzimmer. Das kannst du doch nicht vergessen haben!“

Betty blieb still. Sie wandte den Kopf ab. Eine Träne lief ihr über ihre rechte Wange. Johanna hatte recht. Das Buch hatte im Arbeitszimmer ihres Opas gestanden. Dort hatte ihre Oma immer gebügelt und ihr Opa hatte das nie gemocht, obwohl er das Zimmer eigentlich nur noch zum Fernsehschauen nutzte. Er hatte immer gesagt, dass der Dampf des Bügeleisens die Bücher beschädigen würde. Ihre Oma hingegen hatte immer behauptet, Bücher müssten Gesellschaft haben. Den Figuren darin würde es sonst zu still sein. Mit dem gleiche Argument hatte ihre Oma auch immer wieder aus Büchern vorgelesen und gesagt, Märchenfiguren müssten zum sprechen gebracht werden, nur so könnte ihr Zauber in dieser Welt erhalten werden. Wie hatte sie das vergessen können? Wieso waren ihr nur die Kassetten in Erinnerung geblieben, nicht aber die vielen Nachmittage, an denen ihre Oma geduldig aus diesem Buch vorgelesen hatte? Sie glaubte zu ahnen, dass ihre Oma erst angefangen hatte, ihr diese Kassetten zu schenken, als diese die Entscheidung getroffen hatte, dass es immer eine Stimme geben sollte, die die Märchen erzählt, auch wenn sie dies eines Tages nicht mehr machen könnte.

Nun liefen Betty aus beiden Augen Tränen. Sie lächelte Johanna dankbar an. Die Entscheidung, ob sie das Märchenbuch behielt, war getroffen. Sie würde auch versuchen herauszufinden, ob man diese Koffer mit den Kassetten noch irgendwie erwerben könnte. Vielleicht bei Ebay? Oder sogar einem Antiquariat? Sie würde es herausfinden. Sie blickte zu Johanna herüber, die sich auf den Boden gesetzt hatte und behutsam die Seiten des Buches umblätterte.

„Helden gibt es heute immer noch.“ sagte Betty in Johannas Richtung gewandt. „Vielleicht können sie heute kein magisches Schwert mehr schwingen, aber Heldentaten vollbringen sie immer noch, manchmal sogar mit einem guten Gedächtnis.“

 

 

Von kleinen Prinzen und großen Träumen

Wie weit ist es eigentlich gekommen, wenn 5 Euro während des Toilettengangs aus Versehens ins Klo fallen und ich mir währenddessen Gedanken darüber mache, dass es sich bei diesem Versehen vermutlich um Umweltverschmutzung handelt, die ich ansonsten tunlichst versuche zu vermeiden?

Wieviel Wert 5 Euro für mich und andere Menschen auf der Welt besitzen, soll allerdings hier kein Thema sein. Es geht eher um die Symptomatik. Es geht darum, wie entrückt Gedankengänge sein können. Wie sich die Perspektive auf die Dinge ändert, wenn man sich monatelang viele Stunden am Tag Gedanken um existentielle Fragen des Lebens gemacht hat.

Wer bin ich? Was möchte ich im Leben erreichen? Wie sieht mich meine Umwelt? Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? Wie kann ich das Beste aus mir herausholen? Welche Rolle spielen alte und neue Freunde in meinem Leben? Ist es zu viel verlangt, glücklich sein zu wollen oder geht es mir eher um eine innere Zufriedenheit, um Ruhe, Einkehr, Besinnung? Muss ich mich ändern, um Altes hinter mir zu lassen usw.?

Viele von euch haben die Blockeinträge der letzten Monate verfolgt und Anteil genommen an meinem Schicksal, das kein schlechtes ist. Ganz im Gegenteil eigentlich. Geredet habe ich allerdings immer über dasselbe Thema, nämlich die Liebe. Genauer gesagt, über die unerfüllte oder unerwiderte Liebe und den Schmerz, die Hilflosigkeit, das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber diesem schier übermächtigen Gefühl. Auch das ist symptomatisch. Ich habe verzweifelt nach Erfüllung, Bestätigung, Anerkennung oder was auch immer gesucht. Ich wollte geliebt, gebraucht und geschätzt werden. Warum ist offensichtlich. Zumindest seit kurzer Zeit habe ich einen Erklärungsansatz dafür gefunden. Ich bin scheinbar nicht im Stande gewesen, mich selbst zu sehen. Das ist eine harte Erkenntnis, zumal ich meinen Mitmenschen stetig predige, dass es sich dabei um die Grundvoraussetzung handelt, um andere Menschen lieben zu können. Es war mir scheinbar nicht bewusst, dass ich über das Hin- und Herwenden der vielen Gedanken und der Reflexion mich selbst vergessen habe. Nicht im Sinne von, dass ich mir selbst keine Beachtung geschenkt habe. Ganz im Gegenteil, ich habe in meinem Leben noch nie so viel und so lange und soooooo intensiv über mich und mein Leben nachgedacht. Aber ich habe über die Beleuchtung meiner inneren Verfassung scheinbar vergessen, wer ich eigentlich schon bin. Ich bin hart mit mir ins Gericht gegangen und gleichzeitig in Selbstmitleid versunken. Die letzten Monate gehören mit Sicherheit zu den anstrengendsten, die ich erleben dürfte. Was das zeigt, ist Folgendes: Ich habe in meinem Leben unfassbares Glück gehabt, mir geht es gut und ich muss mich mit verschwindet geringen Problemen auseinandersetzen, wenn ich meine Probleme in eine verhältnismäßige Relation zu Lebensumständen und Schicksalen anderer Menschen setze.

Es war schwer zu erkennen, sich einzugestehen, dass dem so ist. Ich hätte nie gedacht, dass diese naheliegende Erkenntnis so weit entrückt werden könnte, sodass ich alle in meinem Leben vorhandenen und nicht vorhandenen Aspekte der Existenz hinterfragt habe, verzweifelt nach Erklärungsansätzen für scheinbar fehlende Elemente gesucht und mich wahnsinnig versteift und verstellt auf die Suche nach einem Sinn gemacht habe. Ich habe tatsächlich kurz verlernt das Gute zu sehen oder es in den kleinen und großen Dingen zu erkennen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Wie man sich doch täuschen kann.

Ich habe versucht, mein Leben neu zu definieren, Entscheidungen zu überdenken und Prioritäten neu zu setzen. Begriffen habe ich allerdings nicht, dass es vielleicht sinnvoll wäre auch eine Bilanz dahingehend zu ziehen, was bereits wertvoll in meinem Leben und für mein Leben ist, anstatt ständig über Aspekte zu stolpern, die noch fehlen oder unwiederbringlich verloren sind. Zeit bekommt der Mensch geschenkt, jedoch nur ein einziges Mal. Diese Zeit zu nutzen, zu genießen, dankbar zu sein und Menschen und Erinnerungen wertzuschätzen, sind kleine, aber wichtige Ziele, die ich anstreben möchte. Den Hang zur übermäßigen Selbstreflexion werde ich wohl nie gänzlich abschütteln, aber bestimmt eindämmen können. Die Basis zu akzeptieren, das Grundgerüst meines Charakters und meine Erfahrungen zu respektieren, sind erste Schritte, die es gilt zu machen, um wieder zu mir zurückzufinden. Ich habe die ganze Zeit nach etwas gesucht, ohne zu ahnen, dass es bereits gegeben ist. Sicherlich bin ich nicht perfekt, sicherlich ist mein Leben nicht perfekt. Das ändert aber nichts daran, dass ich mein Leben liebe und die Menschen darin. Das ist nicht bescheiden oder demütig noch reumütig. Es ist eine Tatsache, auf die ich stolz sein sollte und über die es sich zu freuen gilt. Veränderungen werden sich von alleine einstellen, mit der Zeit kommt hoffentlich auch wieder der gute und nicht nur der selbstkritische Rat sowie die Intuition zurück. Ich habe mir vorgenommen, mich locker zu machen.

Die Lebensphilosophie, die der Fuchs dem kleinen Prinzen mit auf den Weg gibt ist diese:

„Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Ergo: Es lohnt sich, die Weisheit auch auf die Selbstwahrnehmung anzuwenden.

Also liebe …, einen schönen, sonnigen Frühling wünsche ich dir!

Wieder Abschied nehmen

Wie gut es tut, sich richtig zu streiten. Natürlich unter der Prämisse, dass die Basis nicht ins Wanken gerät. Streitkultur ist nicht nur auf globaler Ebene wichtig für die Demokratie und die politische Partizipation sowie die gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch auf der persönlichen Ebene. Um auf den berühmten gemeinsamen Nenner zu kommen, ist oftmals eine intensive Auseinandersetzung über persönliche Ansichten, Ängste und Grenzen erforderlich. So sehr ich Harmonie zu schätzen weiß, so wichtig bleibt mir dennoch der ehrliche und aufrichtige Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen, auch wenn das bedeutet, dass zuweilen Funkstille herrscht.

Doch was passiert, wenn keine Partei bereit ist, den eigenen Stolz beiseite zu lassen, um den Kontakt wieder aufzunehmen? Wenn die Situation so prekär oder die Meinungsverschiedenheiten so unüberwindbar scheinen, dass nach dem Sturm keine Einigung erfolgt, keine Annäherung mehr möglich ist?

Noch schlimmer, was passiert, wenn keine Zeit mehr bleibt, um sich wieder zu vertragen? Wenn wir vor die Tatsache gestellt werden, dass der Mensch, mit dem wir keinen Kontakt mehr haben, aus dem Leben gerissen wird?

In meiner Familie hat es diesen Fall gegeben. Und was jetzt bleibt ist nicht nur Fassungslosigkeit und Trauer, sondern auch unbändige Wut darüber, dass man nicht früher gehandelt hat. Jeder Tag hätte der Tag sein können, an dem man zum Telefonhörer greift und den ersten Schritt macht. Natürlich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Wohlwissend, dass dieser Versuch auch nach hinten losgehen kann und man nichts erntet außer einer Abfuhr oder Schweigen. All dies scheint mir jetzt eine verschwindend geringe Gefahr zu sein im Angesicht der Tatsache, dass ich keine Möglichkeit mehr haben werde zu erfahren, was passiert wäre. Wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte zu bemerken, wie viel Zeit vergangen ist, dann müsste ich jetzt nicht damit leben einen lieben Menschen verloren zu haben, dem ich nicht mehr sagen konnte, wie dankbar ich ihm für alles gewesen bin, was er getan und bewirkt hat.

Hätte ich mir nicht nur Zeit genommen, sondern mich ernsthaft mit der Perspektive dieses Menschen auseinandergesetzt, dann hätte ich wohl nicht nur mir Leid erspart, sondern auch meinem Gegenüber, darüber bin ich mir bewusst und mit dieser Schuld muss ich jetzt leben.

„Jetzt ist es zu spät“. Und wieder Mal erhält eine sprachliche Wendung eine erweiterte persönliche Bedeutung für mich. Es ist nun nicht mehr nur zu spät, um noch pünktlich zu kommen oder zu Abend zu essen, sondern es ist gänzlich zu spät. Der Zeitpunkt kommt nie wieder zurück, nicht morgen, nicht nächste Woche und auch nicht nächster Jahr. Ohnmacht ist ein nahezu unerträglicher Zustand. Wenn ich mich nicht so wichtig genommen hätte, dann hätte ich die Macht besessen, etwas zu ändern, präventiv und umsichtig zu handeln. Ich habe eine entscheidende Chance im Leben verpasst. Mal wieder. Dabei war ich der Überzeugung, ich hätte meine egozentrische Seite im Griff. Schade. Sehr schade sogar.

Was bleibt ist in diesem Zusammenhang nicht viel. Es ist nur gerecht, dass ich nun machtlos zurückbleibe. Ich hätte Verantwortung übernehmen können und habe aber die Resignation, den Stolz und die Bequemlichkeit sowie das Vergessen gewählt. Diese Entscheidung fordert nun ihren Tribut. Das hätte ich wissen müssen. Man kann eben scheinbar doch nicht alles in Gänze bedenken und weiterdenken und zu Ende denken. Mensch sein ist nicht leicht.

Freundschaft, Abschied und das Nichts

Jeder kennt das. Abschied nehmen müssen. Egal ob es sich dabei um banale Dinge handelt wie dem wehmütigen Abschied von einer schönen und inspirierenden Reise, an die man sich gerne zurückerinnern wird oder aber gewichtige Abschiede wie der von einem guten Freund, der sich entschieden hat, das nächste Jahr im Ausland zu verbringen oder aber der an einem anderen Platz auf der Welt sein Glück finden möchte. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Und das ist gut so. Denn an eine gute Zeit und tolle Episoden aus unserem Leben oder einer Freundschaft erinnern wir uns gerne.

Anders sieht es aus, wenn wir beschließen, Abschied zu nehmen. Wenn wir ein Kapitel in unserem Leben verlassen, die Tür schließen und nicht mehr zurückblicken. Das sind Abschiede ganz besonderer Art. Sie helfen uns zu vergessen, unangenehme, schmerzhafte Erfahrungen hinter uns zu lassen und etwas Neuem in unserem Leben eine Chance zu geben. Uns neu zu definieren, uns neu zu erfinden, ein besserer Mensch zu werden oder einfach nur wieder frei atmen zu können. Doch was in der Zwischenzeit mit unseren Herzen passiert, darauf sind wir nicht gefasst.

So wichtig der Entschluss sein kann, Vergangenes hinter sich zu lassen, so schwer ist es, durch das tiefe Tal der Trennung und Ungewissheit zu gehen, ohne zu wissen, wann wir wieder Licht sehen, wann es wieder bergauf geht und das Leben wieder beginnen kann, ohne dieses Nichts. Wenn wir uns selbst nicht antreiben können, mit schnellen und selbstbewussten Schritten durch dieses Tal zu gehen, dann ist es tatsächlich der Himmel auf Erden, wenn wir Freunde haben, die diesen beschwerlichen Weg mit uns gehen. Die als Gefährten neben uns wandern, Witze erzählen, uns in die Seite piksen und nicht müde werden uns davon zu überzeugen, dass wir den ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben. Diese Freunde lachen und weinen mit uns, halten uns aufrecht, weisen uns auf Wegmarkierungen hin und feuern uns an, wenn wir die Bergetappe antreten. Sie winken vom Gipfel und spenden uns Trost, wenn uns die Blessuren den Weg erschweren.

Ich kann nicht oft genug Danke sagen für diese Menschen in meinem Leben. Die sich meine Gedanken, Sorgen und Nöte zu ihren eigenen machen. Ohne zu urteilen. Diese Freunde sind einzig darauf bedacht, gangbare Wege sichtbar und die scheinbar unüberwindbaren Hürden zu Herausforderungen zu machen, die mit Einsatz, Kraft und Willen zu meistern sind.

Von der Leichtigkeit des Seins

Du siehst das Licht der Welt in seinem hellen Schein,

wenn Menschen dir begegnen in ihrem vollen Sein

fernab von jedem Trug und jeder List

bahnen Wahrheit und Beständigkeit

sich ihren Weg zur Herrlichkeit –

bis hin zum Inneren der Seele, die niemals ganz vergisst,

was war und wie es hätte sein können,

in einem Leben brennender Leichtigkeit des Seins.