Leben, lieben und andere Katastrophen

Ich habe mich gestern Abend mit ehemaligen Kommilitonen getroffen. Es gibt doch wirklich nichts schöneres, als mit alten Vertrauten in Erinnerungen an eine unwiederbringliche Jugend zu schwelgen. Jedenfalls dann, wenn es sich um ähnlich unangepasste und unkonventionelle Zeitgenossen handelt, wie ich einer bin. Wir haben den Abend damit verbracht uns gegenseitig zu bestärken, dass es wirklich voll ok ist, dreißig und unverheiratet sowie kinderlos zu sein. Mit Verachtung haben wir auf die Teile unseres Freundeskreises geschaut, die im Reihenhaus mit Garten, Webergrill und mit VW vor der Haustür im Neubaugebiet ihr Dasein fristen. Das tut richtig gut, den Spieß mal umzudrehen. In anderer Konstellation schlägt nämlich dem ewigen Single gerne die unverhohlene Skepsis gegenüber der Unfähigkeit eine dauerhafte und ernsthafte Beziehung zu führen entgegen. Manchmal ist auch eine gehörige Portion Mitleid dabei, was mich persönlich derart rasend macht, dass ich selbst gute Freunde manchmal schütteln und anschreien möchte, weil ich ihre Verbohrtheit und ihr Spießertum nur schlecht ertragen kann. Dann frage ich mich immer, wie man so alt und gleichzeitig so naiv und engstirnig sein kann. Vielleicht liegt diese Selbstgerechtigkeit der Menschen, die in ihrem Leben alles richtig gemacht haben, aber auch gerade in ihrem Alter begründet. Der Erfolg kam mit den Jahren, genau wie die vermeintlichen Neider, die Weisheit, Güte und Toleranz haben sich gleichzeitig aber aus dem Staub gemacht. Puh! Ja, es war richtig schön gestern…ja so schön sogar, dass wir uns auch über etwas unbequemere Themen ausgetauscht haben.

Das Staunen über die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf die Ehrlichkeit und Offenheit ansonsten sehr verschlossener Menschen lässt bei mir auch nach vielen Jahren nicht nach. Tief berührt habe ich auch gestern wieder einem Freund zugehört, der an Liebeskummer gefühlt gerade zu Grunde geht. Denn auch Singles in der Dreißigern haben Gefühle, Träume und Hoffnungen und manchmal wagen auch sie es daran zu glauben, den Menschen fürs Leben gefunden zu haben. Allerdings unterscheidet sich das Verliebtsein von heute immens von dem sich unbeschwert ins Abenteuer stürzen mit sechzehn. Mit dem Verliebtsein kommen immer auch Zweifel. Die Frage, ob diese Liebe eine Zukunft haben könnte, drehen und wenden wir im Kopf, bevor wir unsere neue Liebe öffentlich machen und bevor wir zum offiziellen Teil nach Hause zu den Eltern reisen also bevor wir der Liebe die Chance gegeben haben, zu wachsen. Unsicherheit und Verlustängste und die Angst, nicht genug für das geliebte Gegenüber zu sein überschatten diesen wunderbaren Anfang einer neuen Liebe und der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt, kann seine Wirkung nicht entfalten. Wir rationalisieren was das Zeug hält, wägen ab und kalkulieren, bis selbst die Glut zu wenig Sauerstoff bekommt.

Es bleibt die Frage, was schwieriger ist. Einen Menschen zu finden, der uns bedingungslos und uneingeschränkt liebt oder Liebe zu schenken, um der Liebe Willen. Denn nach vielen Jahren des Singledaseins wünschen wir uns nichts sehnlicher als die Vertrautheit und Geborgenheit innerhalb einer Beziehung, natürlich ohne Haus, Hund und Kegel. Wir sind genügsam und schätzen die Zweisamkeit. „Nur“ dieses Bedürfnis zu befriedigen und eine Situation zu schaffen, in der wir nicht mehr alleine sind, ist nicht so unrealistisch. Schwieriger scheint es zu sein, auf unser Herz zu hören und Gefühle zu zulassen, ganz unabhängig von der Frage, welches Etikett man einer Verbindung gibt oder welchen Nutzen wir aus ihr zu können oder was die Zukunft bringt. Es kostet viel Mut sich auf etwas so unbestimmtes einzulassen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass die Bereitschaft ein Risiko einzugehen und alles auf rot zu setzen, Voraussetzung ist, um den Jackpot zu knacken. Emanuel Kant hat gesagt, „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, er hat also Werbung für den Verstand gemacht, den wir Gott sei Dank in die Wiege gelegt bekommen, vielleicht sollten wir  in unserer Zeit mehr Werbung für unser Herz machen und darauf vertrauen, dass es recht behält.

 

 

Erster Eintrag 26.07.2016

Es ist sehr lange her, dass ich Tagebuch geschrieben habe. Um den Versuch zu wagen genau zu sein, etwa 17 Jahre. Für mich mehr als die Hälfte der Zeit, die mein Leben bereits andauert. Damals hätte ich wohl nicht zu ahnen vermocht, wie früh der Zeitpunkt kommt, an dem sich die Menschen anfangen zu fragen, was Endlichkeit bedeutet. Was es bedeutet, nicht ewig Zeit zu haben. Welche Fehler ihr Leben verändert haben, die sie wider besseres Wissen dennoch im vollen Bewusstsein gemacht haben. Im Angesicht ihrer Nichtigkeit und Unzulänglichkeit. Das ich heute schreiben kann, habe ich dem unfassbaren Luxus zu verdanken, studiert zu haben und aufgrund meines gut bezahlten Jobs auf einem der neusten MacBooks tippen zu können. Tippen kann ich, weil ich jeden Tag mit der digitalen Abbildung unserer Sprache zu tun habe. Die Liebe zur Sprache ist geblieben. Wenigstens etwas.
Um zum Punkt zu kommen. Ich bin dreißig Jahre alt. Und ich werde bald einunddreißig Jahre alt. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass ich nichts weiß. Ich kenne diesen platonischen Ausspruch schon viele Jahre. Jetzt beginne ich langsam zu verstehen, welches Ausmaß dieser Satz beschreibt.
Ich hätte heute verheiratet sein können, in einem Haus mit ein oder vielleicht sogar bereits zwei kleinen Kindern und einem liebenden Mann wohnen können. Das tue ich aber nicht. Stattdessen wohne ich in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer der größten und bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands. Das habe ich mir immer gewünscht. Zumindest den Teil mit der Unabhängigkeit und dem Stadtleben. Über alles andere bin ich mir nicht mehr so wirklich im Klaren.
Heute nennen das popularisierende Scheinsoziologen „Generation beziehungsunfähig“. Ob dieses Attribut das einzige ist, was unsere, meine Generation beschreibt, weiß ich nicht genau. Ich für meinen Teil bin getrieben, verängstigt, zu tiefst beunruhigt und fassungslos. Daher rührt mich die Erkenntnis, dass ich zu einer Generation gehöre, die von Bindungsängsten geplagt wird, reichlich wenig.
Vielleicht kann das Schreiben mir helfen zu erkennen, welchen Weg ich einschlagen kann, um, ja, um was eigentlich? Selbst das Ziel kann ich nicht in Worte fassen.
Seit Tagen geht mir schon die Idee einer besonderen – in jedem guten „Wie-wird-man-erwachsen-Roman – vorkommenden To-do-Liste durch den Kopf. Sicherlich findet sich dort jeder wieder…
Mit sechzehn wollte ich achtzehn sein, mit achtzehn dann zwanzig, weil man erst mit zwanzig wirklich, wirklich erwachsen ist. Mit Mitte zwanzig war ich froh, im besten Alter zu sein und nicht schon sehenden Auges in den sicheren Abgrund der Dreißiger schauen zu müssen. Diesen Abgrund habe ich jetzt durchschritten, befinde mich also auf direkter Talfahrt.
Wenn ich die nächsten Tage nicht wieder bereits andere, neue, unstete Pläne geschmiedet haben werde, schreibe ich vielleicht einen neuen Tagebucheintrag.
XOXO

To do:

• Nichts!
• Ein Kleeblatt auf die rechte Arschbacke tätowieren
• Alleine in Urlaub fahren, im besten Fall meinen persönlichen Jakobsweg gehen
• Keine Angst mehr haben
• Die Frage beantworten, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen möchte
• Fair, ehrlich und aufrichtig mit meinen Mitmenschen sein
• Mich bei der DKMS anmelden
• Aus den Schulden rauskommen (Shoppingsucht zumindest eindämmen)
• Die Frage klären, ob ich Kinder haben möchte oder nicht, es wird schließlich höchste Zeit
• Selbstlos anderen Menschen helfen
• Die Welt (auf jeden Fall Europa) retten und nicht tatenlos zusehen, wie die Welt durch Hass und Fehlinterpretationen des göttlichen Willens zu Grunde gerichtet wird
• Mit dem Rauchen aufhören
• …