Heldengeschichten gibt es immer noch

Sie erinnerte sich genau. Jedes Märchen begann mit dem Satz „Es war einmal …“. Das wusste sie wie jedes Kind, weil ihr ihre Eltern oder gerne auch ihre Großeltern am Wochenende die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hatten. Später hatte sie einen roten Koffer geschenkt bekommen. In diesem Koffer war Platz für insgesamt 12 Kassetten gewesen. Sechs von ihnen fanden auf der rechten Seite und die übrigen sechs auf der linken Seite ihre passende Lücken, in der sie übernachten konnten und sich ausruhen konnten von der beschwerlichen Reise über die Spule des Kassettenrekorders. Manche dieser Geschichten waren so oft durch die Stimme des Erzählers zum Leben erweckt worden, dass das Tonband schon gefährlich instabil geworden war. Auch der berühmt berüchtigte Bandsalat, der nur mit viel Ruhe und Geduld gelöst werden konnte, hatten die Kassette über sich ergehen lassen müssen. Sie ertrugen ihr Schicksal mit Nachsicht, schließlich wussten sie, dass sie für Kinderhände hergestellt worden waren.

Ihre Oma brachte ihr an besonderen Tagen eine neue Kassette mit. Dann leuchteten Bettys Augen hell und sie konnte es kaum erwarte, dem Märchen zu lauschen, das auf dem Tonband auf sie wartete. Sie liebte die friedliche Stimmung, die entstand, wenn sie in ihrem Kinderzimmer saß und der angenehmen Stimme des Erzählers lauschen konnte, der ihr neue Welten eröffnete. Fantastisch dachte Betty dann und malte sich aus, wie es sein würde, Teil dieser unbekannten Welt zu sein, zu leben wir eine Prinzessin oder zu kämpfen wie ein Ritter. Als sie so jung war, hatte sie nie daran gezweifelt, dass sich diese Geschichten tatsächlich irgendwann ereignet hatten. Sie wusste zwar nicht, warum die Realität heute ohne Zauberei und Magie auskam, aber sie war sich ganz sicher, dass wenn sie eine Möglichkeit fände, durch die Zeit zu reisen, sie auch ihre Lieblingsfiguren aus den Märchen antreffen würde und mit ihnen zusammen ein Abenteuer nach dem anderen erleben konnte. Sprechende Tiere, fliegende Kutschen und mutige Prinzen. So sollte jeder Tag zu einer Überraschung werden, jede Mutprobe zu einem Erfolgserlebnis und jede Erinnerung zu einer Erkenntnis werden.

Betty saß zwanzig Jahre später auf ihrem Lieblingssessel zwischen gestapelten Umzugskartons. Der Einband der Ausgabe der Märchensammlung der Gebrüder Grimm war abgegriffen, die Ränder des Buchrückens abgestoßen und die Farben hatten ihre Intensität verloren. Wann hatte sie dieses Buch geschenkt bekommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie überhaupt jemals selbst eine Geschichte in diesem Buch mit ihren eigenen Augen verfolgt hatte. Sie erinnerte sich an die Titel der Märchen und an Ausschnitte aus der Handlung einiger weniger unglaublicher Geschichten. Sie verstand nicht recht, was sie als Kind so gefesselt hatte, denn viele der alten Märchen enthielten grausame Szenen und die Figuren, egal ob arm oder reich, mussten ein tristes Dasein fristen, zum Beispiel Rapunzel, die in einem Turm gefangen gehalten wurde, oder Rotkäppchen, deren unachtsame Mutter sie durch einen Wald schickte, in dem Gefahren auf das arme wehrlose Mädchen warteten. Vor allem Hänsel und Gretel taten ihr leid. Wie konnten Eltern so wenig acht auf ihre Kinder geben? Sie mussten doch gewusst haben, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzten. Gut, dass diese Zeiten vorbei waren. Besser Helikopter-Eltern als verwahrloste Kinder, die mit ansehen müssen, wie ihre Großmutter vom Wolf gefressen wird. Überhaupt sind Märchen nichts für Kinder, dachte Betty. Welche schrecklichen Bilder sich in den Köpfen kleiner Mädchen und Jungs einbrannten, wenn sie sich vorstellten, wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt wird. Disneys Filmindustrie hatte sogar noch einen großartigen Profit aus den alten Märchengeschichten gemacht. Von den ganzen Merchandising-Produkten ganz zu schweigen. Auf Kosten der unschuldigen und reinen Kinderseelen erzielten die Konzerne einen beachtlichen Gewinn.

Wenn es nach ihr ginge, dann sollten diese veralteten Texte nicht mehr als Klassiker vermarktet werden. Es wäre besser, pädagogisch wertvolle Kindergeschichten zu verfassen, die kindgerecht und lehrreich waren und die Fantasie in den Kinderköpfen sanft anschupsten und nicht schnurstracks das Tor zur Hölle öffneten. Verantwortungslos war die Verbreitung der Märchen, die ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht, sondern für Erwachsene geschrieben worden waren und darum müssten sie von Rechtswegen verboten werden. Das Ganze konnte sicherlich im Jugendschutzgesetz geregelt werden.

Sie überlegte gerade, in welchen Karton das Märchenbuch wandern sollte, als es an der Tür Sturm klingelte. Betty hatte in ihrem Ordnungswahn weiße und braune Umzugskartons ausgesucht. Die weißen Kartons waren dazu bestimmt, in die neue Wohnung umzuziehen, die braunen hingegen würden auf dem Sperrmüll landen. Sie erhob sich vom Sessel und drückte auf den Türöffner im Flur. Johanna war zu spät, wie immer. Trotzdem liebte sie ihre beste Freundin. Die letzten Wochen waren aufregend anstrengend gewesen und ohne ihre Unterstützung und vor allem ohne ihren Optimismus und Zuspruch hätte Betty sich zu der Entscheidung umziehen nicht so leicht durchringen können. Sie wohnte seit sieben Jahren in der Dachgeschosswohnung, obwohl sie damals nur eine Übergangslösung darstellen sollte. Ein Neuanfang sollte her, eine Wohnung, die ihr Alter und ihren Lebensstandard angemessen widerspiegelte. Es war Zeit endlich erwachsen zu werden.

Johanna schnaufte, als sie die Wohnung betrat. Betty hatte sich nicht die Mühe gemacht wieder aufzustehen, um ihre Freundin zu begrüßen. „Na, thronst du in Mitten deines Lebens?“ fragte Johanne lächelnd. „Ich throne nicht, ich habe mich auf die letzte sichere Insel gerettet.“ antwortete Betty mürrisch aber mit einem Augenzwinkern. „Wie es wohl mit deiner Heldengeschichte weitergehen wird. Bist du aufgeregt?“ „Aufgeregt? Ich fühle mich haltlos verloren, weil ich von meinen Erinnerungen und meiner Vergangenheit eingeholt werde. Siehst du nicht, dass mein Rettungsboot droht jede Sekunde unterzugehen“ maulte Betty. „Ich sehe, dass du zweifelst und großen Respekt vor der Zukunft hast, ja, aber dass du von wildem Gewässer bedrohst wirst, sehe ich nicht. Es macht mehr den Eindruck, dass du dich ganz alleine auf diese Insel begeben hast und nicht erkennst, dass du kein Rettungsboot brauchst, sondern dich daran erinnern sollest, dass du schwimmen kannst und sich das Festland in erreichbarer Nähe befindet.“ schmunzelte Johanna. „Stell dich nicht so an! Wo hakt es denn gerade?“ erkundigte sich Johanna dann. „Ich weiß nicht, was ich mit diesem Buch machen soll.“ gab Betty zu. „Zeig mal her.“ sagte Johanna. „Ah, das hast du schon ganz lange, es stand schon in deinem Kinderzimmer im Bücherregal. Wieso hast du es denn so lange aufgehoben? Das Buch hat ja schon einige Umzüge überlebt und wurde bisher auch noch nicht auf den Stapel der Verbannung verfrachtet.“ „Keine Ahnung, irgendwie kommt es mir so vor, als ob ich das Buch jetzt gerade erst wiedergefunden hätte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer mir dieses Buch überhaupt geschenkt hat.“ gab Betty zur Antwort. „Deine Oma hat es dir bestimmt geschenkt Schatz.“ erwiderte Johanna sanft. „Meine Oma? Nein, dass kann nicht sein. Meine Oma hat mir als ich Kind war Märchenkassetten geschenkt, aber nie ein Buch, das weiß ich ganz sicher.“ Betty ging in Gedanken die Moment durch, die ihr mit ihrer Oma lebhaft vor Augen standen, als diese noch gelebt hatte. Das Buch tauchte nicht auf.

Johanna lehnte sich behutsam an einen wackligen Turm aus gestapelten Kartons. Dann sagte sie plötzlich: „Vielleicht war es auch dein Opa, der dir das Buch geben hat. Ich erinnere mich dunkel daran, dass es vorher deinen Großeltern gehört hat. Bestimmt hast du darum gebeten, dass deine Großeltern es dir vermachen. Und als deine Oma gestorben ist, hat dein Opa eine gründliche Inventur gemacht, weißt du noch? Deine Eltern waren total entnervt, aber dein Opa hat sich nicht beirren lassen, als er das gesamte Haus auf den Kopf gestellt hat, um die Dinge zu finden, die deiner Oma in seiner Erinnerung besonders wichtig waren. Dieses Buch war auch dabei, meine ich zumindest. Wir sind stundenlang im Haus deiner Großeltern über die kleinen Stapel gesprungen, die dein Opa aus den Erinnerungsstücken gebaut hatte. Da lagen Taschen, Kleidungsstücke, Schmuck und ganz viele Bücher auf dem Teppich im Wohnzimmer. Das kannst du doch nicht vergessen haben!“

Betty blieb still. Sie wandte den Kopf ab. Eine Träne lief ihr über ihre rechte Wange. Johanna hatte recht. Das Buch hatte im Arbeitszimmer ihres Opas gestanden. Dort hatte ihre Oma immer gebügelt und ihr Opa hatte das nie gemocht, obwohl er das Zimmer eigentlich nur noch zum Fernsehschauen nutzte. Er hatte immer gesagt, dass der Dampf des Bügeleisens die Bücher beschädigen würde. Ihre Oma hingegen hatte immer behauptet, Bücher müssten Gesellschaft haben. Den Figuren darin würde es sonst zu still sein. Mit dem gleiche Argument hatte ihre Oma auch immer wieder aus Büchern vorgelesen und gesagt, Märchenfiguren müssten zum sprechen gebracht werden, nur so könnte ihr Zauber in dieser Welt erhalten werden. Wie hatte sie das vergessen können? Wieso waren ihr nur die Kassetten in Erinnerung geblieben, nicht aber die vielen Nachmittage, an denen ihre Oma geduldig aus diesem Buch vorgelesen hatte? Sie glaubte zu ahnen, dass ihre Oma erst angefangen hatte, ihr diese Kassetten zu schenken, als diese die Entscheidung getroffen hatte, dass es immer eine Stimme geben sollte, die die Märchen erzählt, auch wenn sie dies eines Tages nicht mehr machen könnte.

Nun liefen Betty aus beiden Augen Tränen. Sie lächelte Johanna dankbar an. Die Entscheidung, ob sie das Märchenbuch behielt, war getroffen. Sie würde auch versuchen herauszufinden, ob man diese Koffer mit den Kassetten noch irgendwie erwerben könnte. Vielleicht bei Ebay? Oder sogar einem Antiquariat? Sie würde es herausfinden. Sie blickte zu Johanna herüber, die sich auf den Boden gesetzt hatte und behutsam die Seiten des Buches umblätterte.

„Helden gibt es heute immer noch.“ sagte Betty in Johannas Richtung gewandt. „Vielleicht können sie heute kein magisches Schwert mehr schwingen, aber Heldentaten vollbringen sie immer noch, manchmal sogar mit einem guten Gedächtnis.“

 

 

Rolex, du Spinner!

Hallo und herzliche Willkommen in meiner Welt. Diese Welt steht aus Ihrer Perspektive auf dem Kopf, schätze ich. Ich darf mich an dieser Stelle vorstellen. Mein Name ist Rolex und ich funkele mit den hellsten Sternen und der Sonne um die Wette. Der Grund? Mein Zifferblatt zieren 8 schimmernde Diamanten, die auf Gold gebettet sind. Überhaupt bin ich sehr wertvoll. Dazu trägt auch mein Alter bei, ich bin nämlich schon über 30 Jahre alt. Sie fragen sich jetzt sicher, ob die Zeit ihre Spuren auf mir hinterlassen hat? Vielleicht können Sie es kaum glauben, aber weder mein Gehäuse noch meine Glasoberfläche weisen einen Kratzer auf. Dies liegt vermutlich an der guten Pflege meiner Besitzer und an der Sorgfalt, mit der ich hergestellt worden bin.

Es ist schon interessant, wie ihre Spezies auf meine Erscheinung reagiert. Ich mache mir gerne einen kleinen Spaß daraus, um die Menschen zu überraschen. Dann blitze ich unter dem Hemdsärmel unverhofft hervor. Das Licht reflektiert sich auf meiner glänzenden Oberfläche und auf diese Weise ziehe ich die Blicke auf mich. Wie sich das anfühlt fragen Sie sich? Großartig natürlich. Ich lächle den Betrachter manchmal beschämt, manchmal offen und freundlich an. Sie kennen das, an manchen Tagen wacht man froh und unbeschwert auf und begegnet der Welt mit einem Lächeln. An anderen Tagen fühlt man sich abgeschlagen und blass, dann kostet es mich viel Kraft, das Strahlen meiner Erscheinung in die Welt zu schicken. Oft weicht der spontanen Verwunderung die Bewunderung und der Respekt der Betrachter. Die Blicke verharren einen kurzen Moment auf mir und dann wandern sie weiter nach oben oder unten. Das schmerzt manchmal ein wenig. Dann fühle ich mich so, als wäre meine Anmut und Schönheit nicht genug. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als den Blick noch einmal einzufangen, ihn festzuhalten und die Augen des Menschen, der seinen Blick auf mich gerichtet hat, zu paralysieren. Das hört sich ein kleines bisschen größenwahnsinnig an, wenn ich das so frei von der Seele ausspreche, aber so ist es nun einmal. Ich bin so beschaffen. Ich bin genau so von meinen Schöpfer gestaltet worden. Geschaffen, um geliebt, verehrt und bewundert zu werden.

Manchmal frage ich mich schon, ob dieses wundervolle Leben, das ich führe, immer so sein wird. Ob mir diese Aufmerksamkeit immer zu teil werden wird, die ich jetzt genießen darf. Die Angst schleicht in diesem Fall leise um mich herum und wispert in mein Ohr, dass der Tag kommen wird, an dem mein Besitzer, mein Träger, sich an mir satt gesehen haben wird. Er werde mich dann achtlos in eine Schatulle legen, diese dann sicher in einem Tresor unterbringen und dann werde das Licht ausgehen, für immer. Oh Gott, ein Leben ohne Licht bedeutet ein Leben ohne Hoffnung. Ich kann nicht sein ohne dieses Licht. Ich weiß, dass das Licht allein mein Leuchten hervorbringt und ich nichts wäre, ohne die warmen Töne, die sich spiegeln. Ich möchte meinem Träger Freude bereiten, sonst nichts.

Wissen Sie, ich bin sehr bescheiden. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich ein Accessoires bin. Aber, und das ist wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ich bin ein zeitloses Stück Handwerkskunst. Das wurde mir von Geburt an beigebracht. Niemand würde so viel Zeit und Mühe aufbringen, um etwas herzustellen, das aus wertvollen Komponenten besteht, aber irgendwann Gefahr läuft, seinen Attraktivität zu verlieren. Irgendwann bin ich sogar zu einem Symbol geworden. Deshalb gibt es auch heute noch spezielle Werkstätten, in denen meine Nachfolger von Künstlern gefertigt werden. Die Nachfrage sei groß, habe ich gehört. Die Menschen, die mich tragen, wissen, wofür sie diese große Summe Geld aufbringen. Sie investieren in ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen. Ein schönes Bild, oder? So sind die Lebenslinien meiner und ihrer Spezies für immer verbunden.

Mir ist, und das sage ich überhaupt nicht gerne, auch schon zu Gehör gekommen, dass es Menschen geben soll, die den Versuch unternehmen, mich und meine Verwandten zu kopieren. Können Sie sich das vorstellen? Wie sollte das gehen? Wie können sich potentielle Käufer so blenden lassen? Wie kommen Menschen darauf, sich solchen kriminellen und unerhörten Machenschaften hinzugeben? Das frage ich mich. Zum Glück ist mir so eine unwürdige Fälschung noch nicht begegnet. Ich wüsste nicht, wozu ich mich hinreißen lassen würde, träfe ich je eine. Da würde mir sicher der Sekundenzeiger völlig durchdrehen.

Wissen Sie, was meine geheime Leidenschaft ist? Zuhören und Beobachten. Und sie werden verstehen, dass mir das ganz ausgezeichnet gelingt. Ich bin nicht gerade unauffällig, das ist mir bewusst, aber ich befinde mich immer mitten im Geschehen. Es würde doch niemand von Ihnen ernsthaft auf die Idee kommen, dass ich sie belauschen würde, oder? Wie Sie sicher schon festgestellt haben, konzentriere ich mich bei meinen Studien hauptsächlich auf ihre Spezies. Ich sehe, wie Ihre Blicke wandern, wie sie sich gegenseitig mustern und genau prüfen, wer ihr Gegenüber ist. Was er oder sie trägt, wie sich die Menschen geben und benehmen und was sie zu sagen haben. Ich denke, ich gehe richtig in der Annahme, dass Sie als Mensch manchmal dazu geneigt sind zu denken, alles über eine Person zu wissen oder herausfinden zu können. Kennen Sie den Ausspruch: „Zeig mir, wie du dich kleidest und ich sage dir, wer du bist?“ oder aber „Zeig mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist?“ Es wäre ein manches Mal vielleicht einfacher, wenn dies tatsächlich so wäre, aber ich bitte Sie, wie langweilig wäre das Leben, wenn diese Einschätzungen immer der Wahrheit entsprechen würden.

Ich weiß genau, was Sie von dem Moment an dachten, an dem Sie begonnen haben, diese Geschichte zu lesen. Sie dachten etwas wie „Mein Gott ist diese Uhr überheblich, oder arrogant, das ist ja gar nicht zum aushalten, was dieses impertinente Stück hier zum besten gibt!“ Eventuell waren Ihre Gedanken auch etwas moderater, man kann ja nie wissen, wer Leser dieses Textes sein wird.

Ich verrate Ihnen etwas. Lesen Sie den Text nochmal und stellen Sie sich dabei keine Rolex vor. Vielleicht könnten Sie sich denken, der Text stammte von einer Uhr, die in einem Familienbetrieb in Bonn hergestellt worden ist, der eine lange Tradition besitzt. Warten Sie ab, was dann passiert, ich verspreche Ihnen, Sie werden sich wundern.

Haben Sie einen schönen Tag oder aber einen schönen Abend. Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns irgendwann und Sie werden sich an diesen Text erinnern.

Der Schwan und das Wildschwein – eine Fabel

Der Schwan schwamm anmutig über den See, der in der abendlichen Sonne in allen warmen Farben schimmerte. Er sah sich gern an im Wasser, der ganze See eine einzige Spiegelfläche. Besonders mochte er es, wenn sein Gefieder frisch geputzt war und alle Enten, Gänse, Amseln und Meisen sich versammelten, um seine Schönheit und seine königliche Ausstrahlung zu bewundern.

Der Elch, der dieses Schauspiel vom Rande des Waldes, an dem der See gelegen war, allabendlich beobachtete, dachte nach, ob er je ein stolzeres Tier gesehen hatte. Von  seinem sicheren Ort aus jedenfalls hatte er nie ein dem Schwan ebenbürtiges Tier erblickt. Da kam ihm die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Gewinnen sollte das Tier, das am meisten Stolz ausstrahlte.

Die Nachricht verbreitete sich rasch unter den Tieren und der nächste Samstag wurde als Wettbewerbstag ausgemacht. Um drei Uhr sollten sich alle Tiere treffen. An diesem Samstag versammelten sich alle Tiere auf der Wiese, die sich zwischen dem See und dem Wald befand. Das Publikum raunte begeistert Laute und es wurde spekuliert, wer der Sieger sein würde. Viele der Tiere dachten sich, dass der Schwan sicher gewinnen würde, schließlich war er der schönste und stolzeste Schwan, den sie je gesehen hatten. Vielleicht würde sogar niemand gegen den Schwan antreten wollen.

Der Elch begrüßte alle Tiere: „Seid willkommen meine lieben Freunde. Wie ihr euch schon sicher gedacht habt, tritt heute unser verehrter Schwan zum Wettbewerb an. Allerdings wurde mir auch noch ein weiterer Kandidat gemeldet.“ Erstauntes Murmeln ging durch den Wald und zog sich über die Wiese. „Wer denn?“ rief der Wolf. „Das Wildschein!“ antwortete der Elch. Manche Tiere kicherten. „Habt ihr das gehört? Das Wildschwein! Das ich nicht lache.“ sagte der Fuchs.

Der Schwan schwamm anmutig wie eh und je auf die Mitte des Sees zu und zog einige großflächige Kreise, hob seinen Kopf, öffnete seine Flügel und drehte eine Pirouette. Die Zuschauer jubelten. Wie sollte das Wildschwein da mithalten? Der Elch bat darum, das Ruhe einkehre. Er blickte Richtung Wald und da trottete behäbig das Wildschwein durch die Bäume bis an den Waldesrand. Es ließ sich alle Zeit der Welt, bis es endlich auf der Mitte der Wiese angekommen war. Es setzte sich auf seinen Hintern und furzte geräuschvoll dazu. Die übrigen Tiere rümpften die Nase, einige drehten sich angeekelt weg. „Nun, sagte der Elch, was möchtest du uns zeigen?“ „Gar nichts.“, antwortete das Wildschein. Das Publikum wurde unruhig. „Du verschwendest unsere Zeit!“ rief der Hase. Der Schwan hob seinen Kopf und blickte verächtlich in Richtung des Schweins.

Dieses räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich habe sieben Kinder. Sie alle sind putzmunter und haben ein gutes Leben. Ich heitere sie auf, wenn sie traurig sind und ermahne sie, wenn sie sich nicht benehmen. Nachts wache ich über sie und auch über euch, damit niemand uns angreift oder bedroht.“

Die übrigen Tiere richteten ihren Blick auf sein Maul und die großen Stoßzähne. „Wenn meine Kinder groß sind, werde auch sie euch und unsere Heimat verteidigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn ihr dies nicht sehen könnt.“

Stille war eingetreten unter den Tieren. Da ergriff der Schwan das Wort: „Du tust sehr viel Gutes für uns und deine Familie kann wirklich stolz auf dich sein.“

Alle Anwesenden freuten sich, dass sie erfahren hatten, wer nachts in ihrem Wald umherging, damit ihnen nichts geschehen konnte. Das Wesentliche schien für manche Augen unsichtbar, das hatten sie schon einmal gelesen, aber heute das erste Mal erfahren.

One day baby we will be old

Manchmal laufen die Gedanken wie von selbst. Dann fließen sie wie ein natürlich Strom durch mich hindurch, dachte sie, als sie die fast menschenleere Bahnhofshalle betrat. Es war spät geworden, später als sie gedacht hatte. Morgen in der Frühe würde der Wecker erbarmungslos klingeln. Es half alles nichts. Jeden Morgen diese elende Quälerei im Winter. Im Frühjahr würde alles besser werden. Wenn es langsam wieder angenehm werden würde vor die Tür zu gehen, sich in ein Straßen-Café zu setzen und den Stimmen der Stadt, den Verkehrsgeräuschen und den Menschenstimmen, zu lauschen. Sie ertappte sich dabei, wie ihre Gedanken wieder das Hier uns Jetzt verließen. In die Zukunft schweiften und sich ausmalten, wie es sein würde, wenn… ja, wenn was eigentlich? Hier schien das Problem zu bestehen. Richtet man die Gedanken auf das, was kommen wird, dann sind sie vogelfrei und strecken sich aus, dehnen sich auf unbekannte Weiten aus und schlagen Wege ein, die niemand kennt oder gegangen ist. Es war aber gerade wichtig, sich der Gegenwart zu stellen, auch wenn sie ihr Leben momentan nicht besonders mochte. Die Devise hieß: Zeit ist Geld. Sie hatte weder das eine noch das andere. Ihr fehlte die Muße, um sich einen vernünftigen Nebenjob zu suchen. Zu stressig war die Uni, zu unpraktisch die Zeiten, zu denen sie in Vorlesungen und Seminaren sitzen musste. Sie hielt das Geldverdienen für pure Lebenszeitverschwendung. Niemand auf der Welt sollte auf Geld angewiesen sein, dachte sie. Sozialismus mit seiner Planwirtschaft wäre gut, auch für den übermäßigen Hipster-Konsum und die Nachhaltigkeit und für die Umwelt sowieso. Wieso begriff nur sie das? Sie könnte auch nach Israel gehen und in einen Kibbuz ziehen. Dort könnte sie sich der Kunst widmen. Kreativität braucht Raum und Zeit. Dort würde sie essen und schlafen können und würde dafür ihren Beitrag leisten. Sie könnte zum Beispiel Gitarre spielen und den Kindern Unterricht geben. Das könnte sie alles auf einer bunten Wiese tun, umringt von Gleichgesinnten, die schon längst wie sie erkannt hätten, dass Minimalismus einen wahren Wert besaß und wesentlich mehr war als ein angesagter Lifestyle. Sie hasste die Menschen, die Ausschnitte aus ihrem Leben auf Instagram teilten, um  minimalistische Ideale zu heucheln und gleichzeitig als gehypte und gesponserte Influencer so viel Zeit hatten, weil sie sich keine Gedanken über ihren Lebensunterhalt machen mussten. Es kotzte sie einfach an. Wieso war das Leben so kompliziert, wann hatte das angefangen?

Auf dem richtigen Gleis angekommen, verriet ihr die Anzeigetafel, dass ihr Zug jeden Moment einfahren würde. So musste sie wenigstens der Kälte nicht zu lange trotzen. Im Zugabteil würde sie sich einen ruhigen Platz suchen, an dem sie und ihre Gedanken endlich zur Ruhe kommen konnten. Sie hatte sich in der vergangen Wochen weiter belesen zum Thema persönliche spirituelle Weiterentwicklung und wollte eine Meditationspraxis in ihren Alltag integrieren. Ein Meditationskissen samt Kerze und Räucherstäbchen hatte sie sich schon zugelegt.  Ihr Konto hatte es ihr mit roten Zahlen gedankt, wie immer am Monatsende. Sie würde es nie lernen, richtig mit Geld umzugehen. Auch ihre Eltern klagten ständig über finanzielle Nöte. Wie sollte ein junger Mensch unter solchen Umständen lernen, seine Finanzen in Ordnung zu halten? Jetzt musste sie nur noch den richtigen Tageszeitpunkt für ihre Meditation finden. Eine regelmäßige Praxis war nötig, damit sich die Ruhe und die Gelassenheit im Alltag etablieren konnten. Morgens war sie zu müde, abends eigentlich auch. Vielleicht wäre eine halbe Stunde nach dem Mittagessen der richtige Zeitpunkt. Aber wenn sie ehrlich war, aß sie in vier von fünf Fällen gar nicht zu Mittag. Sie war selten tagsüber zu Hause, was auch an ihren Mitbewohnern lag, die zu nichts zu gebrauchen waren, außer dafür, in der Küche ein Chaos zu hinterlassen. Was war eigentlich aus ihren Plänen geworden, sich nach einer WG umzusehen, deren Bewohner in ihrem Alter waren? Am besten würde sie mit Berufstätigen zusammenziehen. Dann hätte sie über Tag ihre Ruhe, eine ordentliche Wohnung und so mehr Zeit für sich und die Dinge, die ihr wichtig waren.

Der Zug hielt am hintersten Ende des Gleises. Sie musste über den vereisten Boden rutschen, um das letzte Abteil noch rechtzeitig vor der Abfahrt zu erreichen. Endlich! Die Flucht vor dem schneidenden Wind tat gut. Ihre Brille beschlug sofort, als sich die Türen des Zuges hinter ihr schlossen. Auf einem der Wärme versprechenden Sitze angekommen, ließ sie sich nieder und packte ihr Heiligtum aus. Es war schwarz gebunden und voll von Wörtern und Sätzen, die sie geschrieben hatte an Orten, die sie oft besuchte, wie der Cafeteria in der Uni und ihrem Stammplatz im Garten ihrer Eltern. Doch in all der Hektik der Gewohnheiten kam das Schreiben doch viel zu kurz. Jede Geschichte hatte ihren Anfang. Inspiration war so wundervoll. Doch die Konsequenz fehlte ihr. Ihre Gedanken mochten keine Struktur. Sie zierten sich, die Notwendigkeit anzuerkennen, eine letzte Hürde zu nehmen und dann zu einem Ende zu kommen. So viele vielversprechende Möglichkeiten, eine Fülle wie auf einem Markt, auf dem es an jeder Ecke gut roch und der so vielstimmig war, dass sich der Geist nie fokussieren konnte.

Was wäre, wenn sie ihr Studium nicht beenden würde? Was wäre, wenn sie zu lange in ihrem zu kleinen Zimmer in ihrer WG ausharren würde? Was wäre, wenn sie sich mit ihrem Studienkredit übernommen hätte? Wenn sie alt sein würde, bevor sie alle Orte auf der Welt gesehen hätte, die sie besuchen wollte? Was wäre, wenn sie den Menschen nie finden würde, den sie lieben könnte, ohne etwas zu bereuen? Was wäre, wenn sie nie im Ausland gelebt hätte, um eine andere Kultur kennenzulernen und ihren Horizont zu erweitern? Ja, was wäre wenn? Konjunktiv reihte sich an Konjunktiv, das Gedanken-Karussell nahm fahrt auf, entfernte sich immer weiter vom Jetzt, von dem Ort, an den sie sich selbst verordnet hatte, um endlich Ordnung zu schaffen, wo nichts war, außer Flausen, Ängste und Sorgen im Kopf.

Sie vernahm die Stimme des Kontrolleurs erst nur unterbewusst, bis er neben ihr stehen blieb und sie fragend anschaute. Ob sie eine Fahrkarte hätte, lautet die Frage. Shit, dachte sie, hatte sie nicht. Verflixt dachte sie, das kommt davon, wenn man ständig mit seinen Gedanken woanders ist. Sie wühlte hektisch in ihrer Tasche. Sie hatte ein Studententicket, das reichte aber nicht bis zu dem Ort, an dem sie heute gewesen war. Der Kontrolleur schaute ihrer Aufregung geduldig zu. Der Zug war leer zu dieser Zeit. Sie hob ihm ihr Ticket entgegen. Ein langer Moment verging. Dann lächelte er ihr zu und sagte: „Wissen Sie, meine Tochter ist in ihrem Alter, schätze ich.“ Sie wartete. “ „Sie ist vor einem Jahr in die USA ausgewandert. Ihren Weg finden, nannte sie das. Sie wollte alle Zelte hinter ihr abbrechen, reisen und sich selbst wiederfinden. Manchmal frage ich mich, wie das geht, sich selbst zu verlieren.“ Er schaute zur Seite Richtung Fenster und es sah so aus, als ob er dort draußen etwas suchte, was ihm erklären könnte, warum seine Tochter ihn verlassen hatte. „Nächste Woche kommt sie zurück.“ sagte er nachdenklich und zog seine Stirn in Falten. Er atmete tief ein und dann wieder aus und fragte dann: „Was schreiben Sie da?“ Ihr fiel es schwer, seinen Blick zu erwidern, weil sie auf das Verkünden ihrer Strafe wartet, ihrer Strafe für ihre Verpeiltheit. „Ich schreibe Geschichten.“ antwortete sie. „Geschichten sind ein guter Anfang.“ erwiderte er. „Alles fängt mit der Vorstellung im Kopf an. Wenn sie aufgeschrieben wird, nimmt sie Gestalt an und der Schöpfer kann wählen, welche Möglichkeiten für die Charaktere passend wären, sich ausprobieren und für seine Figuren ein Leben schaffen, das er vielleicht nie selbst führen würde.“ Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit. „Ja, aber was nützt dem Autor seine Fantasie, wenn sie ihm nur vor Augen führt, was möglich wäre, statt selbst diese ganzen Erfahrungen zu machen?“ Darüber dachte er einen kleinen Moment nach. Sie war sich nicht sicher, ob er die Antwort nicht kannte, oder ob er darüber nachdachte, wie er sie formulieren sollte. Dann setzte er zu einer Antwort an, zögert wieder und lehnte sich schließlich etwas näher zu ihr herüber. „Fantasie ist kein Spiegel, sondern ein Tor, durch das der Besitzer schauen kann. Ob er hindurch geht, ist seine ganz eigene Entscheidung.“

Der Zug rappelte, doch nahm er weiter seine Fahrt auf. Ihre Nase spiegelte sich in der Scheibe, als sie aufschaute. Sie konnte nicht genau sehen, was sich dahinter befand. Sie fuhren über plattes Land, ohne Lichtquellen und künstlicher Beleuchtung. Das Zugabteil war hell erleuchtet, die Heizung strahlte warme Luft aus und Stille legte sich auf ihre Ohren. Sie würde in ungefähr einer Stunde an ihrem Ziel ankommen. Genug Zeit dachte sie.

Der Pinguin und der Eisbär – eine Fabel

Die Eisschollen glänzten in der Abendsonne, als sich der Eisbär wieder auf die Suche nach etwas Essbarem begab. So weit er auch schaute, er konnte nirgendwo eine Robbe oder aber einen Fisch ausmachen. Er dachte bei sich, es wäre gut, wenn sich die kleinen Robben nicht so sehr vor ihm fürchten würden, am liebsten wäre es ihm ja auch, wenn er sich von Algen und Seetang ernähren könnte, wie es die schönen großen Wale taten. Aber sein Magen knurrte schon hörbar. Da tauchte direkt vor ihm aus dem Wasser ein Pinguin auf. Noch nie hatte der Eisbär ein solches Tier gesehen. Erstaunt hielt er inne und wartet. Der Pinguin warf sich erschöpft auf eine der Eisschollen und schnaufte erleichtert. „Bin ich hier richtig?“ fragte er. „Das weiß ich nicht.“ antwortete der Eisbär. „Wo wolltest du denn hin?“ „Na zurück zum Südpol natürlich!“ erwiderte der Pinguin entgeistert. „Der Südpol ist dein Zuhause?“ „Ja!“ antwortete der Pinguin, „Ich habe mich auf den Weg in die Welt begeben. Dabei bin ich durch viele Meere und Flüsse geschwommen, habe Fische, Krebse und Vögel getroffen und mich mit Ihnen unterhalten.“ Der Eisbar sah in verdutzt an. „Warst du auch auf der Suche nach Futter? Mir geht es da ganz ähnlich, ich finde keine Robben mehr, die ich fressen kann. Fische habe ich hier schon ewig nicht mehr gesehen.“ gab er betrübt zur Auskunft. Jetzt sah in der Pinguin misstrauisch von der Seite an und fragte zögerlich: „Du weißt es nicht?“ „Was weiß ich nicht?“ entgegnete der Eisbär. „Ihr habt die Fisch und Robben verjagt!“ Aufgeregt richtete der Pinguin sich zur vollen Größe auf und watschelte von einem Ende der Eisscholle zum anderen. „Ihr habt eure Beute bedingungslos gejagt. Jeden Tag habt ihr euch den Bauch vollgeschlagen und euch in der Sonne ausgeruht. Ihr habt mehr gegessen, als ihr zum Leben gebraucht habt und nun leben hier keine Fische und Robben mehr!“ Der Bär setzte sich betrübt auf einen kleinen Berg Eis, der ihn unangenehm in den Hinter pikste. Nach einer Weile sprach er: „Wir? Es gibt kein „wir“ mehr. Ich lebe alleine am Nordpol, schon seit vielen, vielen Jahren. An meine Eltern kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich bin der letzte Eisbär auf der Welt.“ Traurig erhob er sich, schlich gebeugt zum Rand der Scholle und steckte seine Nase kurz in das eiskalte Wasser. Der Pinguin blickte ihm nach. Dann plusterte er sich entschlossen auf, steckte die Brust aus und ließ sich auf seinen Bauch fallen. Dadurch rutschte er mit Schwung über den Rand der Eisscholle und plumpste ins Wasser. Bevor er seinen Schwanz in die Höhe reckte, um dann Kopfüber ins Wasser zu tauchen, drehte er sich bekümmert zu dem Bären um. Er erklärte ihm: „Es ist einfach sich zu bedienen, wenn der Tisch reich gedeckt ist.“ Mit diesen Worten tauchte er unter und verschwand. 

Das Ende, der Anfang und die Zeit zwischen den Jahren

Licht brach sich Bahn zwischen den schwer mit Schnee bedeckten Ästen der Weiß-Tannen. Sie standen wie Zeugen still und unverwüstlich. Die Sonnenstrahlen ließen die mikroskopisch kleinen Kristalle auf den Fußabdrücken im Schnee tanzen. Das Netz aus kleinen und großen Abdrücken wurde aus alten und neuen Wegen gebildet, die sich schlängelten, kreuzten und zusammen- sowie auseinanderführten. Kein menschlicher Ton war zu hören. Hier konnte die Natur ihrem Wesen nachgehen, wild wuchern, sich ausbreiten und gedeihen. Welch Paradoxon, ging es ihr durch den Kopf. Die meisten Menschen kamen regelmäßig auf den Friedhof, um die Gräber vom Wildwuchs zu befreien. Auf der Oberfläche Ordnung zu schaffen schien das höchste Ziel, wenngleich jeder Angehörige wusste, dass das Chaos, bestehend aus Verwirrung, Wut und Wahnsinn, nie zu bändigen sein würde. Sie dachte an Heuchelei. Letzten Winter hatte es so häufig und intensiv gestürmt, dass der Schneeregen unbarmherzig jede Grabverzierung, jedes Gesteck aus Tannen und Kerzen, erst hinweggefegt und dann bedeckt hatte, sobald man es aufgestellt und die schützenden Hände entfernt hatte. Nichts bleibt an seinem Ort, dachte sie. Die Vorstellung von der Zukunft kann realistisch sein, detailgetreu, ehrlich und philanthropisch. Dennoch findet Bewegung statt, in den Köpfen der Menschen und im Leben selbst. Wozu sich dann immerzu Gedanken machen, dachte sie und lächelte obgleich ihres Geistes, den sie in diesem Moment liebevoll aus der Distanz betrachtete. Fortschritt ist gut, überlegte sie. Fortschritt im buchstäblichen Sinne. Sich weiter auf den Weg machen. Sie hatte Pläne gemacht für dieses Jahr. Eine Reise mit dem Schiff, einen Kurs im kreativen Schreiben, regelmäßige Besuche ihrer Eltern, eine Umschulung, eine kleinere Wohnung. Noch sieben Tage, bis sie sich eingestehen musste, dass sie sich erfolgreich gegen das Voranschreiten des Lebens gewährt hatte. Zum dritten Mal stand sie nun an diesem Erinnerungsort vor dem Jahreswechsel, blickte auf ihre vor dem Oberkörper gefalteten Hände und fragte sich, ob es Zeitschleifen gab. So wie in dem Film Täglich grüßt das Murmeltier. Was würde sie tun, wenn die Zeit zwar weiter von Tag zu Tag voranschreitet, aber in beschränkten Bahnen? In einem Zyklus von genau 365 Tagen? Dann müsste sie die Verantwortung nicht mehr tragen, sondern könnte sie guten Gewissens an eine höhere Macht abgeben, was sie ohnehin schon tat.

Wie jeden Dienstag hörte sie Schritte, die ihr mittlerweile vertraut waren und sah links herüber dem Hut entgegen, der, dicht ins Gesicht gezogen, getragen wurde von einem grauen Mantel und schicken schwarzen Lederschuhen, die sich im Wiegeschritt auf ihr Ziel zubewegten. Sie fragte sich, warum er diesen Aufzug wählte. Nicht nur zu Festtagen. Er musste ausschließlich mit dem Reinigen seines Mantels und dem Putzen seiner Schuhe beschäftigt sein. Er zog, wie jede Woche, den Hut als er sie sah. Sie zuckte innerlich zusammen, gab sich aber einen Ruck und hob ihre linke Hand zum Gruß. Sie sah ihm nach, als er um die Ecke gewandert war. Verbündete im Geiste waren sie. Auch wenn sie die Fakten seines Lebens nicht kannte, erkannte sie sich in ihm wieder. In dem Drang, das Vergangene zu schützen. Wie viele Jahre mochte er diesen Platz schon aufsuchen? Wie viel Zeit war verstrichen, verschenkt, seitdem ihre geliebten Menschen gestorben waren? Sie wusste, dass sie ein Verbrechen beging. Sie war sich ihrer Schuld bewusst. Sie verschenkte Lebenszeit. Ein Wind kam auf und sie zog den Kragen ihrer Jacke über die Ohren. Sie blickte einen stillen Moment auf die Schneerose, die der Kälte mit erstaunlichem Willen trotzte. Die kleine Blume reckte tapfer ihre weißen Blüten gen Himmel der Sonne entgegen. Da spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie erschrak und drehte sich der Hand entgegen. „Fröhliche Weihnachten“ sagte er. Entgeistert erwiderte sie „Gleichfalls Fröhliche Weihnachten“. „Ich dachte mir, es wäre an der Zeit, Ihnen beiden einen Besuch abzustatten.“ erklärte er. „Uns beiden?“ fragte sie irritiert. „Ja, Ihnen und Ihrem Mann.“ Sie blickte innerlich über die Schulter auf den Grabstein. „Wissen Sie, meine Frau hat immer viel Wert auf ihr Äußeres und ihre Kleidung gelegt. Ich wiederum bin eher der Freizeitlook-Typ.“ Mit einem Lächeln sagte er dies, was sie dazu veranlasste, ihm ein kleines Lächeln zu schenken und zu sagen: „Das sehe ich!“ Er grinste sie an. Da fiel ihr auf, dass er jünger war, als sie gedacht hatte. Sie fragte „Woher wissen Sie, für wen ich hier bin?“ „Ich glaube, dass wir nicht um unserer Liebsten Willen hier sind. Wir sind für uns hier. Weil wir Versprechen halten wollen, weil wir Dinge besser machen wollen als früher, weil wir treu sein wollen und wir Angst haben zu vergessen.“ Seine ausführliche Antwort gab ihr mehr Rätsel als Antworten auf. Sie schaute ihn kritisch an und gab zur Antwort „Es ist leicht, eine abstrakte Antwort auf eine unangenehme pragmatische Frage zu geben, der man ausweichen will.“ Er lachte laut auf und erwiderte: „Ich habe Ihre konkrete Frage zum einen nicht beantwortet, weil Sie die Antwort bereits kennen. Ich habe mir den Grabstein Ihres Mannes angeschaut. Zum anderen beinhaltet Ihrer Frage eine weitreichende Intention. Sie wollen wissen, warum ich mich dafür interessiert habe, wen Sie hier besuchen.“ Sie blickte beschämt auf ihre Hände, erinnert sich daran, wer sie gewesen war und sagt: „Ja, vielleicht habe ich mich das gefragt.“ „Die Antwort ist dieses Mal simpel. Ich wollte Sie gerne fragen, ob sie Lust hätten, einen Kaffee mit mir zu trinken.“ fragte er vorsichtig. „An Weihnachten?“ wunderte sie sich. „Trinken Sie zu Weihnachten lieber Tee?“ tastete er sich behutsam vor. Wieder musste sie schmunzeln. Dennoch gab sie im barsch zur Antwort: „Und dann reden wir über unser beider Schicksal und bemitleiden uns gegenseitig?“. Dieses Mal verengten sich seine Augen. „Nein. Wir könnten zum Beispiel über die Schneerosen auf dem Grab Ihres Mannes und die Orchideen auf dem Grab meiner Frau sprechen. Vielleicht haben Sie einen Tipp für mich, wie ich verhindern kann, dass sie ständig kaputtgehen.“ Dieses Mal lächelte sie wieder. „Orchideen sind keine Winterblumen. Darum gehen sie ein, wenn man sie bei bitterer Kälte nach draußen stellt“ erläuterte sie. „Sehen Sie.“ sagte er erfreut, „Sie können mir viele hilfreiche Hinweise geben und dafür würde ich Ihnen den Kaffee oder Tee ausgeben.“

Sie zögerte. Ihr Blick wanderte über das Wegenetz aus glitzernden Fußabdrücken. Ihre Wege hatten sich heute das erste Mal gekreuzt. Vielleicht, dachte sie, könnte dies der Anfang des Fortschritts sein. Vielleicht würde sie nächstes Jahr berichten können, dass sie sich ein kleines Stück in Richtung Zukunft bewegt haben würde.

„Ich würde einen Eistee trinken.“ erklärte sie entschlossen. Er schaute verwundert, nickte dann aber. Parallele Fußspuren zogen sich von dem Grab ihres Mannes zum Grab seiner Frau, stellte sie fest und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön es war, dass Verbündete im Geiste Spuren im Schnee hinterlassen können.

Sonnenallee

Herbstlaub rauschte auf der Straße. Mützen wanderten wohin das Auge reichte. Menschen huschten von einem Hauseingang zum nächstgelegenen wie Ratten in der Dunkelheit, um sich vor der steifen Nordbrise zu schützen. Es war wie eine Reise, auf die sich niemand freiwillig begeben wollte. Die Kälte erbarmte sich seit Tagen nicht, die Hoffnung auf einige sonnige Spätherbsttage verblasste unter der Neonbeleuchtung, die nun bereits am späten Nachmittag die Sonnenallee in ein Meer aus unnatürlichem Schein tauchte. Wenn er an diesen Tag gedacht hatte, an dem er zurückkehren würde, wie es sich anfühlen würde, dann hatte er stets die Sonnenstrahlen auf seinen Armen gespürt, hatte die sirrend heiße, stickige und dickflüssige Großstadtluft während des Einatmens in seinen Lungen gespürt. In seiner Vorstellung hatten Kinder an der Bushaltestelle Lärm aus ihren Boxen ertönen lassen, den er nicht zuordnen konnte, hatten die Bewohner seiner Heimatstadt bauchfreie Tops getragen, die alles entblößten, was die Tattoo- und Narbenkunst zu bieten hat. In seinen Gedanken war er unzählige Male zurückgekehrt, ohne es zu wollen. Sein Geist hatte dieses Spiel in unbedachten Momenten mit seinem Bewusstsein gespielt, so oft, dass ihm diese Version der Ereignisse falsch, sogar unwahr und wie ein Betrug vorkam. Sie war gegangen und mit ihr der Sinn in allem Sein. Die mit Graffiti kunstvoll verzierten Rollläden ihres Geschäftes hatten sich seither keinen Zentimeter bewegt, dessen war er sich sicher, als er einen Moment im eisig peitschenden Wind ungeschützt vor der Hausnummer 49 stehen blieb. Er entließ mit seinem Atem alle Erinnerungen an den Tag im vergangenen Sommer, an dem er vergebens in seiner Mittagspause durch die Straßen gehetzt war, um sie zu sehen, denn wenn er wie gewöhnlich zu spät am Abend von der Arbeit kam, hatte ihr Café schon geschlossen. Ihm war die Reise auf den Hauptschlagadern der Stadt binnen einer Stunde von Charlottenburg nach Neukölln und wieder zurück wie ein Wimpernschlag vorgekommen. Er hatte nicht ein einziges Mal daran gezweifelt, ob diese Fahrt es wert sein könnte. Wenn er sie hinter dem Tresen erblickte, lösten sich noch die tiefsten rationalen Grundfeste seines Daseins auf. Auf den grau an grau gestapelten Latten prangte das Logo des Cafés. Ein Kaffeebecher, in dessen Mitte sich ein Einhörnchen befand, das den Betrachter blöd angrinste. Wer denkt sich so etwas aus? dachte er. Eine Mischung aus einer hübschen Ratte und einem gehypten Fabelwesen? Er schüttelte den Kopf, fuhr sich mit der rechten Hand durch sein Haar, drehte dem Café den Rücken zu und und lief los, ohne ein Ziel zu haben. Er hatte gelesen, dass Eichhörnchen zu den Tieren gehörten, die man als Kulturfolger bezeichnet. Wie passend, sinnierte er, dass eben dieses Tier nun auf dem Kaffeebecher, dem Symbol des kulturvierten Großstädters, als Abbild, Götzenbild verewigt worden war. Er hatte sich eine gänzlich andere Ewigkeit gewünscht. Der scharfe Wind lies nach. Die Wolkentürme ragten nun fast bewegungslos über den Häuserdächern empor. Vor ihm das U-Bahn-Schild mit der Aufschrift Sonnenallee. Ein Wimpernschlag, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Er blickte nach rechts, sein Blick fiel auf die Dönerbude. Ein Stück Heimat könnte das Fernweh, das wie ein Fieber ausgebrochen war und sich in seinem Körper ausbreitete, betäuben. Als er die Tür aufschob, begrüßte ihn der vertraute Geruch nach zu altem Fett wie ein alter Freund, dessen Namen er vergessen hatte. Er bestellte eine Falafel mit Salat. Der Mann hinter der Theke fragte: „Scharf?“, „Ja, bitte.“, gab er abwesend zur Antwort. „Zum mitnehmen?“ folgte auch sogleich die zweite Frage. „Haben sie einen Geist gesehen? lautete die folgende Frage, die ihn aus seinen Gedanken riss. „Wie bitte?“ „Naja, ob sie ein Gespenst gesehen haben, wollte ich wissen?“ Der Mann hinter der Theke grinste ihn breit und mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich, nein, wie kommen Sie denn darauf?“ „Ich weiß es nicht, sie sehen eben verwirrt aus, auch auf dem Kopf.“ Wieder lächelte der Mann, nahm das Geld entgegen, das ihm über der Theke gereicht wurde, und wendete sich der Fritteuse zu, in der goldgelbe Fritten brutzelten. „Entschuldigen Sie bitte…“ Hob er zu einer Frage an: „Kennen Sie das Café in der Treptower Str. 49?“ Der Mann drehte sich um, blickte ihn verständnisvoll an, lächelte wieder, dieses Mal zaghafter, sanfter. „Jawoll, Wunderland, das kenne ich. Besser gesagt, ich kannte es, denn es hat seit geraumer Zeit geschlossen.“ Pause. „Wir vermissen sie alle sehr. Im Sommer hat sie den Nachbarskindern heimlich Kekse zugesteckt und dabei immer ein strahlend helles Lächeln im Gesicht gehabt.“ Er stand auf, die Falafel lag perfekt eingewickelt in Alufolie auf dem Tresen. Er sah nicht zur Theke, er schob die Tür erneut zur Seite, trat in das blendend hartweiße Licht und bewegte sich erst langsam, dann immer schneller Richtung U-Bahn-Haltstelle. Jetzt rannte er, er bog um die Ecke, stürzte die Treppenstufen zu den Bahngleisen hinauf, sprintete durch den Plexiglastunnel oberhalb der Schienen und sprang in die gelbe Tram, die zur Abfahrt bereitstand. Er blickte nicht zurück. Er dachte an die Sonnenstrahlen, die auf dem Asphalt tanzten, in diesem Sommer, in der Treptower Straße 49. Er dachte an ihr Lächeln, er dachte an sein Lächeln.