Bridge

Bridge

Die Sonne schien auf das dunkle Kopfsteinpflaster. Er blinzelte nicht. Ruhig stand er da, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Die Einkehr zu sich selbst.

Um ihn herum bewegte sich das Leben. Eine Mutter schob ihren Nachwuchs durch die Straße, die vom Marktplatz abging. Eine andere Frau wiegte ihre Einkaufstaschen hin und her. Einige Studenten hielten einen Plausch auf ihren Fahrrädern und lachten laut.

Er aber befand sich in einer Blase, die ihn von allem abschirmte, dachte sie. Ihr kam es so vor, dass er minutenlang dort stand. Aus dem Hauseingang konnte sie ihn gut beobachten. Sie lehnte an der Backsteinwand, die ihren Rücken kühlte. Sie hatte bereits geschwitzt, als sie heute Morgen aufgewacht war. Einige Zeit waren die Nächte traumlos vorübergegangen und etwas Erholung hatte eingesetzt. Doch diese Nacht hatte sie um Meilen zurückgeworfen, das spürte sie. Wieder war er in ihren Träumen aufgetaucht, wie ein Wal aus ruhigem Gewässer auftaucht. Niemand erahnt , wie viel Wasser dieses riesige Tier zu verdrängen vermag, wenn sich der gesamte Körper an die Oberfläche schiebt.

Sie staunte immer noch über die Kraft und den Phantasiereichtum ihres Unterbewusstseins. In dieser Nacht hatte sie hoch oben auf einem der Brückenpfeiler der Brooklyn Bridge gelehnt, auf der sie wie selbstverständlich gestanden hatte. Im Leben ließ ihre Höhenangst das Besteigen einer einfachen Autobahnbrücke nicht zu. Dort hatte der Wind mit ihren Haaren gespielt und war um ihre Hüften gepeitscht. Doch sie genoss das Gefühl im Traum schwerelos zu sein. Entspannt mit geschlossenen Augen hatte sie ihre Arme den Windböen entgegengestreckt und begann zu tanzen. Über die ganze Länge der Brücke bewegten sich ihre Füße, trugen sie unbeschwert bis zum anderen Ende. Die Sterne hatten ihrem Tanz zugesehen und gelächelt. Es war leicht gewesen – bis die Brücke begonnen hatte zu wanken. Erst ganz sanft im Rhythmus des Windes. Dann mit mehr Schwung in größeren Bögen. Ihr Körper hatte versucht sich den Wogen anzupassen, frei zu schwingen. Die Schwerkraft ließ allerdings keinen Zweifel daran, wer siegen würde. Als sie im Traum die Augen öffnete, schwand die Hingabe und Furcht kroch an ihren Beinen herauf.

Im Wasser stand er auf einem weißen Segelboot, das aus der Höhe noch gut zu erkennen war. Das Flusswasser unter ihr war so dunkel wie der Himmel nur bedrohlicher. Sie wollte nicht gerettet werden. Sie wollte nicht die Hilflose sein, die ihren eignen Traum nicht kontrollieren konnte.

 

Er stand nur da und sah sie an. Das Boot lag unbewegt im Wasser. Sie wollte fliehen, begann zu rennen. Ihr wurde klar, sie würde springen müssen. Der Wind hob die Brücke an und drückte sie auf die Seite, auf der er im Boot auf sie wartete. Sie wählte die entgegengesetzte Seite, kletterte an dem Geländer herauf und schwang ihre Beine über den Rand, sodass sie aus dem Sitzen abspringen konnte. Sie schloss ihre Augen wieder und drückte sich ab. Der Fall war kürzer als gedacht. Das Wasser umfing sie und zog sie mit sich. Es war kalt. Sie öffnete ihre Augen, breitete ihre Arme aus und schwamm in Richtung Oberfläche, denn die Sterne wiesen ihr den Weg. Luftblasen säumten ihren Aufstieg, der keiner war. Ihre Lunge presste die Luft in den Fluss. Lange würde sie so nicht weiter schwimmen können. Aus irgendeinem Grund kam die Oberfläche nicht näher. Die Erkenntnis kam zu spät. Panisch aber mühsam drehte sie ihren schweren Körper, doch beim Ausatmen versiegte der Strom der Wasserblasen. Nun schwamm sie auf dem Rücken, ihre Augen fest auf die Wasseroberfläche gerichtet, während sie langsam auf den Grund sank.

Keuchend hatte sie das Licht auf ihrem Nachtisch angeschaltet und sich mit den Handflächen von der Stirn über die Haare gestrichen. Halb vier. Dieses Arschloch! Es konnte doch nicht sein, dass er in diesem Moment, der nur ihr gehört hatte, aus dem Nichts auftauchte. Sie brauchte ihn nicht. Sie hatte ihn und seine Besonnenheit aus ihrem Leben verbannt. Jetzt suchte er sie in ihren Träumen auf, um ihr etwas zu sagen.

Als er die Augen öffnete, sah er sie nicht an. Ein Lächeln in seinem Mundwinkel verbogen zog er sein Handy aus der Tasche. Ein kurzer Blick. Er sah sich auf dem Vorplatz um, als käme nun auch zu ihm die Realität zurück, die alle anderen umgab. Er schob seinen Rucksack über die Schultern und kehrte ihr den Rücken zu. Sie sah ihm nach. Dann trat sie in das Sonnenlicht und schützte ihre Augen mit einer Sonnenbrille. Das Severinsgässchen lag in der entgegensetzten Richtung. Dort lag ihr Weg.

 

 

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