Feels like a stranger

Eigentlich fällt es mir leicht, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Aber mit der Empathie ist das so eine Sache. Manchmal fließt sie durch mich hindurch und ich zweifele keinen Moment an meinem Eindruck, den ich von meinem Gegenüber gewonnen habe. Im Laufe der Zeit bestätigt sich meine Einschätzung und ich grinse still in mich hinein. Dann kommt auch ein Gefühl des Stolzes auf. Wie cool, dass ich diese Fähigkeit besitze. So kann ich entscheiden, mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte.

Wenn ich meine Empathie nicht hätte, wer weiß, dann hätten sich vielleicht die Freundschaftsbänder nicht geknüpft, die mich heute halten, wenn ich im Begriff bin zu fallen und die ich festhalte, wenn ein Freund droht seinen Halt zu verlieren. Wahrscheinlich hätte ich auch nicht so viel über die Menschen an sich lernen können und wäre vermutlich auch keinen Deut schlauer aus mir selbst geworden als ich es in der Pubertät gewesen bin.

Irritiert bin ich vor allem dann, wenn Menschen etwas unternehmen, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Dann sträubt sich etwas in mir dies hinzunehmen und ich muss mir eingestehen, dass jeder Mensch voller Überraschungen steckt, nicht alles vorhersehbar ist und dies auch gut so ist. Die Menschen in meinem Leben sind schließlich alle frei und keine Marionetten meiner Empfindungen und Gedanken.

Jetzt komme ich zum Punkt. Bei manchen Menschen gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass sie genau diesen entscheidenden Punkt anders sehen.

Zum Glück bin ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der emphatisch ist. Einige wenige unter uns scheinen sich allerdings den „Spaß“ zu machen, diese Gabe für die eigenen Zwecke einzusetzen. Sie manipulieren und steuern Menschen in die Richtung, in der sie nach ihrer Ansicht den richtigen Platz finden. Wie ein Wettergott, der nach Belieben Schiffe durch die Bewegung der Wellen und kräftigen Wind über das Meer treibt. Dies ist zugegebenermaßen beängstigend.

Was tun, wenn nun jemand in die Fänge eines wetterbeherrschenden, also manipulierenden Menschen gerät? Das schwerste ich sicherlich zu erkennen, dass dies gerade geschieht. Denn es tut gut, Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Vielleicht ist auch die ein oder andere Schmeichelei dabei oder aber ein passendes Kompliment.

Wir vertrauen unsere Gedanken, die das Herz bewegen, nicht leichtsinnig anderen Menschen an.  Für den einen gilt dies vielleicht mehr als für den nächsten. Wir sind auf der anderen Seite aber empfänglich und offen, wenn unser Gesprächspartner das Gefühl von Interesse vermittelt, dann fühlen wir uns gesehen und wertgeschätzt für unsere Persönlichkeit und unser Handeln.

Doch genau hier lauert die geschmückte Gefahr. Das Interesse des Gegenübers ist tatsächlich da. Es ist jedoch zweckgebunden und auf eine bestimmtes Ziel gerichtet. Natürlich sind die wenigsten Menschen letztlich wirklich selbstlos. Mit dem Altruismus verhält es sich so wie mit dem Kommunismus. Ideale, nach denen das soziale Miteinander gestaltet sein könnte, bleiben Ideale. Menschen verspüren in der Regel den Drang sich selbst zu verwirklichen. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen, um zu wachsen, anerkannt zu werden und erfolgreich zu sein. Die Welt bietet uns alle Möglichkeiten dazu. Da wird es nicht leichter zu Gunsten des Gemeinwohls auf individuelle Entfaltung zu verzichten. Doch wie ist es mit der Verantwortung für die Empathie bestellt?

Es ist sicher verlockend, seine Gabe auszunutzen und manchmal vielleicht auch ein schmaler Grad zwischen Mitgefühl und Grenzüberschreitung. Deshalb ist es wichtig auch Menschen, die wir sehr gut zu kennen glauben, jedes Mal aufs neue gut zuzuhören. Die Bilder in unserem Kopf zu prüfen, sie zu modifizieren, um dann irgendwann an den Punkt zu gelangen, sich von den Bildern und Überzeugungen, die wir von und über andere besitzen, ganz zu lösen.

Das geben eines guten Rates ist eine vertrauensvolle Angelegenheit und nie frei von subjektiven Sichtweisen, darum machen wir Erfahrungen, die wir dann teilen können. Es bleibt jedoch eine Notwendigkeit unser Gegenüber und seine Entscheidungen nicht zu bewerten, zumindest in dem Sinne, dass wir dabei von uns und unseren Gefühlen ausgehen.

Wenn der emphatische Mensch an unserer Seite mehr von sich und weniger von uns ausgeht, ist jeder gut beraten einen Schritt zurückzutreten und zu reflektieren, welche Intentionen hier verfolgt werden.

Am Ende kennen wir bereits die Antwort auf unsere Fragen. Es ist aber okay, sich absichern zu wollen. Welchen Weg wir schließlich einschlagen wollen, liegt jedoch immer bei uns. Den Respekt vor Entscheidungen können wir uns aber nur selbst eingestehen.

Auch wenn es oft, vermutlich auch in eurem Leben. stürmisch zugeht, sollten wir uns nicht das Ruder aus der Hand nehmen lassen. Und wenn es ganz heftig wird, können wir einen Anker werfen, Rettungsbote gibt es vielleicht auch und schließlich können wir uns selbst auf die Schulter klopfen und den nächsten erbeten Rat guten Gewissens weitergeben.

 

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