Sonnenallee

Herbstlaub rauschte auf der Straße. Mützen wanderten wohin das Auge reichte. Menschen huschten von einem Hauseingang zum nächstgelegenen wie Ratten in der Dunkelheit, um sich vor der steifen Nordbrise zu schützen. Es war wie eine Reise, auf die sich niemand freiwillig begeben wollte. Die Kälte erbarmte sich seit Tagen nicht, die Hoffnung auf einige sonnige Spätherbsttage verblasste unter der Neonbeleuchtung, die nun bereits am späten Nachmittag die Sonnenallee in ein Meer aus unnatürlichem Schein tauchte. Wenn er an diesen Tag gedacht hatte, an dem er zurückkehren würde, wie es sich anfühlen würde, dann hatte er stets die Sonnenstrahlen auf seinen Armen gespürt, hatte die sirrend heiße, stickige und dickflüssige Großstadtluft während des Einatmens in seinen Lungen gespürt. In seiner Vorstellung hatten Kinder an der Bushaltestelle Lärm aus ihren Boxen ertönen lassen, den er nicht zuordnen konnte, hatten die Bewohner seiner Heimatstadt bauchfreie Tops getragen, die alles entblößten, was die Tattoo- und Narbenkunst zu bieten hat. In seinen Gedanken war er unzählige Male zurückgekehrt, ohne es zu wollen. Sein Geist hatte dieses Spiel in unbedachten Momenten mit seinem Bewusstsein gespielt, so oft, dass ihm diese Version der Ereignisse falsch, sogar unwahr und wie ein Betrug vorkam. Sie war gegangen und mit ihr der Sinn in allem Sein. Die mit Graffiti kunstvoll verzierten Rollläden ihres Geschäftes hatten sich seither keinen Zentimeter bewegt, dessen war er sich sicher, als er einen Moment im eisig peitschenden Wind ungeschützt vor der Hausnummer 49 stehen blieb. Er entließ mit seinem Atem alle Erinnerungen an den Tag im vergangenen Sommer, an dem er vergebens in seiner Mittagspause durch die Straßen gehetzt war, um sie zu sehen, denn wenn er wie gewöhnlich zu spät am Abend von der Arbeit kam, hatte ihr Café schon geschlossen. Ihm war die Reise auf den Hauptschlagadern der Stadt binnen einer Stunde von Charlottenburg nach Neukölln und wieder zurück wie ein Wimpernschlag vorgekommen. Er hatte nicht ein einziges Mal daran gezweifelt, ob diese Fahrt es wert sein könnte. Wenn er sie hinter dem Tresen erblickte, lösten sich noch die tiefsten rationalen Grundfeste seines Daseins auf. Auf den grau an grau gestapelten Latten prangte das Logo des Cafés. Ein Kaffeebecher, in dessen Mitte sich ein Einhörnchen befand, das den Betrachter blöd angrinste. Wer denkt sich so etwas aus? dachte er. Eine Mischung aus einer hübschen Ratte und einem gehypten Fabelwesen? Er schüttelte den Kopf, fuhr sich mit der rechten Hand durch sein Haar, drehte dem Café den Rücken zu und und lief los, ohne ein Ziel zu haben. Er hatte gelesen, dass Eichhörnchen zu den Tieren gehörten, die man als Kulturfolger bezeichnet. Wie passend, sinnierte er, dass eben dieses Tier nun auf dem Kaffeebecher, dem Symbol des kulturvierten Großstädters, als Abbild, Götzenbild verewigt worden war. Er hatte sich eine gänzlich andere Ewigkeit gewünscht. Der scharfe Wind lies nach. Die Wolkentürme ragten nun fast bewegungslos über den Häuserdächern empor. Vor ihm das U-Bahn-Schild mit der Aufschrift Sonnenallee. Ein Wimpernschlag, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Er blickte nach rechts, sein Blick fiel auf die Dönerbude. Ein Stück Heimat könnte das Fernweh, das wie ein Fieber ausgebrochen war und sich in seinem Körper ausbreitete, betäuben. Als er die Tür aufschob, begrüßte ihn der vertraute Geruch nach zu altem Fett wie ein alter Freund, dessen Namen er vergessen hatte. Er bestellte eine Falafel mit Salat. Der Mann hinter der Theke fragte: „Scharf?“, „Ja, bitte.“, gab er abwesend zur Antwort. „Zum mitnehmen?“ folgte auch sogleich die zweite Frage. „Haben sie einen Geist gesehen? lautete die folgende Frage, die ihn aus seinen Gedanken riss. „Wie bitte?“ „Naja, ob sie ein Gespenst gesehen haben, wollte ich wissen?“ Der Mann hinter der Theke grinste ihn breit und mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich, nein, wie kommen Sie denn darauf?“ „Ich weiß es nicht, sie sehen eben verwirrt aus, auch auf dem Kopf.“ Wieder lächelte der Mann, nahm das Geld entgegen, das ihm über der Theke gereicht wurde, und wendete sich der Fritteuse zu, in der goldgelbe Fritten brutzelten. „Entschuldigen Sie bitte…“ Hob er zu einer Frage an: „Kennen Sie das Café in der Treptower Str. 49?“ Der Mann drehte sich um, blickte ihn verständnisvoll an, lächelte wieder, dieses Mal zaghafter, sanfter. „Jawoll, Wunderland, das kenne ich. Besser gesagt, ich kannte es, denn es hat seit geraumer Zeit geschlossen.“ Pause. „Wir vermissen sie alle sehr. Im Sommer hat sie den Nachbarskindern heimlich Kekse zugesteckt und dabei immer ein strahlend helles Lächeln im Gesicht gehabt.“ Er stand auf, die Falafel lag perfekt eingewickelt in Alufolie auf dem Tresen. Er sah nicht zur Theke, er schob die Tür erneut zur Seite, trat in das blendend hartweiße Licht und bewegte sich erst langsam, dann immer schneller Richtung U-Bahn-Haltstelle. Jetzt rannte er, er bog um die Ecke, stürzte die Treppenstufen zu den Bahngleisen hinauf, sprintete durch den Plexiglastunnel oberhalb der Schienen und sprang in die gelbe Tram, die zur Abfahrt bereitstand. Er blickte nicht zurück. Er dachte an die Sonnenstrahlen, die auf dem Asphalt tanzten, in diesem Sommer, in der Treptower Straße 49. Er dachte an ihr Lächeln, er dachte an sein Lächeln.

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