Erster Eintrag 26.07.2016

Es ist sehr lange her, dass ich Tagebuch geschrieben habe. Um den Versuch zu wagen genau zu sein, etwa 17 Jahre. Für mich mehr als die Hälfte der Zeit, die mein Leben bereits andauert. Damals hätte ich wohl nicht zu ahnen vermocht, wie früh der Zeitpunkt kommt, an dem sich die Menschen anfangen zu fragen, was Endlichkeit bedeutet. Was es bedeutet, nicht ewig Zeit zu haben. Welche Fehler ihr Leben verändert haben, die sie wider besseres Wissen dennoch im vollen Bewusstsein gemacht haben. Im Angesicht ihrer Nichtigkeit und Unzulänglichkeit. Das ich heute schreiben kann, habe ich dem unfassbaren Luxus zu verdanken, studiert zu haben und aufgrund meines gut bezahlten Jobs auf einem der neusten MacBooks tippen zu können. Tippen kann ich, weil ich jeden Tag mit der digitalen Abbildung unserer Sprache zu tun habe. Die Liebe zur Sprache ist geblieben. Wenigstens etwas.
Um zum Punkt zu kommen. Ich bin dreißig Jahre alt. Und ich werde bald einunddreißig Jahre alt. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass ich nichts weiß. Ich kenne diesen platonischen Ausspruch schon viele Jahre. Jetzt beginne ich langsam zu verstehen, welches Ausmaß dieser Satz beschreibt.
Ich hätte heute verheiratet sein können, in einem Haus mit ein oder vielleicht sogar bereits zwei kleinen Kindern und einem liebenden Mann wohnen können. Das tue ich aber nicht. Stattdessen wohne ich in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer der größten und bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands. Das habe ich mir immer gewünscht. Zumindest den Teil mit der Unabhängigkeit und dem Stadtleben. Über alles andere bin ich mir nicht mehr so wirklich im Klaren.
Heute nennen das popularisierende Scheinsoziologen „Generation beziehungsunfähig“. Ob dieses Attribut das einzige ist, was unsere, meine Generation beschreibt, weiß ich nicht genau. Ich für meinen Teil bin getrieben, verängstigt, zu tiefst beunruhigt und fassungslos. Daher rührt mich die Erkenntnis, dass ich zu einer Generation gehöre, die von Bindungsängsten geplagt wird, reichlich wenig.
Vielleicht kann das Schreiben mir helfen zu erkennen, welchen Weg ich einschlagen kann, um, ja, um was eigentlich? Selbst das Ziel kann ich nicht in Worte fassen.
Seit Tagen geht mir schon die Idee einer besonderen – in jedem guten „Wie-wird-man-erwachsen-Roman – vorkommenden To-do-Liste durch den Kopf. Sicherlich findet sich dort jeder wieder…
Mit sechzehn wollte ich achtzehn sein, mit achtzehn dann zwanzig, weil man erst mit zwanzig wirklich, wirklich erwachsen ist. Mit Mitte zwanzig war ich froh, im besten Alter zu sein und nicht schon sehenden Auges in den sicheren Abgrund der Dreißiger schauen zu müssen. Diesen Abgrund habe ich jetzt durchschritten, befinde mich also auf direkter Talfahrt.
Wenn ich die nächsten Tage nicht wieder bereits andere, neue, unstete Pläne geschmiedet haben werde, schreibe ich vielleicht einen neuen Tagebucheintrag.
XOXO

To do:

• Nichts!
• Ein Kleeblatt auf die rechte Arschbacke tätowieren
• Alleine in Urlaub fahren, im besten Fall meinen persönlichen Jakobsweg gehen
• Keine Angst mehr haben
• Die Frage beantworten, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen möchte
• Fair, ehrlich und aufrichtig mit meinen Mitmenschen sein
• Mich bei der DKMS anmelden
• Aus den Schulden rauskommen (Shoppingsucht zumindest eindämmen)
• Die Frage klären, ob ich Kinder haben möchte oder nicht, es wird schließlich höchste Zeit
• Selbstlos anderen Menschen helfen
• Die Welt (auf jeden Fall Europa) retten und nicht tatenlos zusehen, wie die Welt durch Hass und Fehlinterpretationen des göttlichen Willens zu Grunde gerichtet wird
• Mit dem Rauchen aufhören
• …

19 Gedanken zu „Erster Eintrag 26.07.2016

  1. Ben Froehlich sagt:

    Irgendwie klingen deine Worte verdammt vertraut, so als wären es die meinigen. Nun, zumindest die innere, mahnende Stimme erscheint mir höchst gegenwärtig.

  2. Mme Contraire sagt:

    Hey, vielen Dank fürs Vorbeischauen und Folgen! Dein Blog ist ja noch recht jung, ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und viele tolle Begegnungen und Inspiration! Ich würde sagen: Bis bald!
    Liebe Grüße, Mme C.

    • Meinungsmacher sagt:

      Kein Thema. Kenne ich gut. Zynismus ist ja oftmals die einzige verbliebene Möglichkeit, wie man der Realität den Stinkefinger zeigen kann, ohne weinerlich oder selbstmitleidig zu wirken. ^^ Würde mein Blog auch hin und wieder gerne mit sehr viel mehr Zynismus oder zumindest anständigem Sarkasmus füllen, um das Leben zu persiflieren – was es das oftmals verdient hat. 😛
      Bin aber nie wirklich motiviert genug. .__.

      Danke übrigens für Dein Checkup und Dein Like UND das Kompliment. :3
      Hätte nicht gedacht das wir im Prinzip etwas gemeinsam haben. Und Hut ab, dass Du Deiner Mutter auf diese radikale Weise die Stirn geboten hast. Das konnte ich nie. :O Vielleichst wirst Du ja eines Tages herausfinden, was hinter ihrem Psychoterror steckt.

      ***Zitat****
      So, keinen Plan, ob du das hören wolltest, aber jetzt ist es raus. Danke für deinen Kommentar 🙂
      ************
      Nun ja, warum nicht? ^-^ Bitte sehr, gern geschehen. ^^ Ich finde likes zwar gut, aber eher unpersönlich. Da schreibe ich lieber meine Meinung. Dann weiß mein Gegenüber wenigstens was ich denke – sofern mein Hirn mal funktioniert. 😀

      • keinenplanblog sagt:

        Naja, mir scheint als ob dein Hirn sehr wohl arbeitet, ob du das nun beabsichtigst oder nicht:)) Ich weiß nicht, ob dich das beeindrucken sollte, wie ich mich meiner Mutter gegenüber verhalten habe, ich wusste mir irgendwann einfach nicht mehr zu helfen.
        Aber ich finds auch gut und viel persönlicher sich über Kommentare auszutauschen. Ich bin ja quasi als „Blogger“ noch taufrisch und find das Ganze hier deshalb unheimlich spannend und bin froh, dass ich so ehrliche und persönliche Texte anderer Menschen lesen darf:)

  3. keinenplanblog sagt:

    Das ist die wahrscheinlichste Version meiner Bloggerkarriere :)))
    Ich glaube, die Beziehung, die wir zu unseren Eltern haben, ist immer sehr komplex und undurchdringlich. Ich für meinen Teil kann rückblickend nur sagen, dass Verantwortungs- und Zugehörigkeitsgefühl auch innerhalb der Familie nicht für selbstverständlich erachtet und vor allem nicht ausgenutzt werden dürfen. Respekt und Vertrauen muss man sich verdienen und das gilt auch für unsere Eltern. Schließlich sind Kinder – und damit wir – kein Besitz und keine Errungenschaft.

  4. Meinungsmacher sagt:

    Wenn Du jetzt schon überzeugt bist dass Du berühmt wirst, öhm … darf ich dann schon jetzt ein Autogramm haben, was ich dann, wenn es soweit ist, für ein Vermögen auf eBay versteigern werde? ^^

    Das wir Kinder keine Erungenschaft oder Eigentum unserer Eltern sind, hat meine Mutter nie begriffen. ^^ Für sie war und bin ich ein Teil von ihr, über das sie die volle Gewalt besitzt. Und wenn ich daran zweifle, kommt der Spruch, dass sie 36 Jahre lang (die Jahreszahl variierte immer) für mich da war und auf alles in ihrem Leben verzichtet hat.

    • keinenplanblog sagt:

      Haha, wenn ich wüsste, wie das hier mit den vor lachen heulenden Emojis funktioniert, hätte ich wohl schon in dem vorherigen Kommentar eines hinter den ersten Satz setzen sollen…das war ironisch gemeint „vor Lachen weinender Smiley! Ok, aber auch wenn Mütter meinen sie hätten solche Entscheidungen nur aufgrund der Tatsache getroffen, dass sie eben Mütter seien, dann liegt da leider ein Wahrnehmungsproblem vor. Denn es (und du wahrscheinlich auch nicht) hat sie niemand gezwungen, sich selbst aufzugeben bzw. kann sie dann nicht sehen, was sie für den Verzicht zurückbekommen hat. Diesen Angaben hier sind natürlich alle ohne Gewähr, ich habe keinerlei psychologische Kenntnisse:)

      • Meinungsmacher sagt:

        Ja, ich weiß dass es ironisch gemeint war. ^^

        Natürlich zwingt niemand unsere Mütter, ihre Rolle permanent und unter größten Anstrengungen auszufüllen. Es gibt auch Frauen, die ihre Kinder in den Müllcontainer werfen, oder einfach in einer Babyklappe abgeben und gut ist. Aber manche bilden sich halt (leider) ein, dass sie das Kind besitzen. :/

  5. pueringer sagt:

    Weil es mir in diesem Blog sehr gut gefällt, dienen dir folgende Worte vielleicht als Trost oder Beruhigung:
    Mit 31 hast du noch jede Menge Zeit heraus zu finden, welche die großen Ziele deines Lebens sind! Ich habe mir 22 Jahre nichts mehr gewünscht, als Mutter zu werden und hatte nie einen Mann zur Umsetzung. Mit 40 (meine biologische Uhr war echt nicht mehr zu überhören :)) war ich endlich schwanger und heute habe ich 2 gesunde Kinder und lebe meinen Traum! (Auch wenn der Mann doch nicht passend war)

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